Mein Freund Marley


Bei Rock-Konzerten fühlt er sich „inzwischen fehl am Platz". Chris Blackwell, Gründer von Island Records, hat sich stattdessen eine sinnvolle Aufgabe gestellt: Er hält Bob Marley am Leben.

Beinahe Verzweifelt sucht er nach einer Musikrichtung, die ihn noch interessieren könnte. „Ich erwische mich dabei, wie ich Dinge sage, die ich früher nur von meinen Ellern kannte: ,Was soll das? Wo ist die Melodie?“

Kein Zweifel: 55 Jahre alt, fühlt sich Blackwell im Musikgeschäft nicht mehr zuhause.

Blackwells Label Island war fast 30 Jahre lang eine der erfolgreichsten unabhängigen Plattenfirmen und hatte, dank der intuitiven A&R-Politik des früh nach London übergesiedelten Jamaikaners, das Ohr am Puls der Zeit. Blackwell hörte als erster das Potential von Bands wie Free, Fairport Convention, Jethro Tüll, Steve Winwood, Cat Stevens, Bryan Ferry, Grace Jones und U2. Als England Ende der 80er Jahre in die Rezession schlitterte, wurde Island von Polygram geschluckt: ein Multi-Millionen-Deal, der Schlagzeilen machte und, da Blackwell im Konzern weiterhin als Island-Boß fungiert, von vielen Beobachtern als gelungener Schachzug bezeichnet wird.

„Ich versuche wirklich, der neuen Situation gerecht zu werden, aber ich habe große Schwierigkeiten. Das Frustrierende ist, daß man keine gute Verhandlungsposition mehr hat. Früher konnten wir unsere internationalen Vertriebspartner dazu bringen, für einen neuen Act zu arbeiten, weil sie Island als Umsatzträger nicht verlieren wollten. Aber einen multinationalen Konzern davon zu überzeugen, einen neuen Künstler aufzubauen oder in etwas zu investieren, das keinen unmittelbaren Gewinn verspricht — das ist nahezu unmöglich. Das Spiel hat sehr an Reiz verloren. „

Mehr Vergnügen auf dem Weg ins Rentenalter versprechen diverse Hotelprojekte in der Karibik und ein neues Hobby — „Island Outpost“: preiswerte Ferien- und Abenteuerreisen für junge Leute an entlegene Plätze der Welt. Bevor Blackwell sich jedoch endgültig von der Musik verabschiedet, begibt er sich noch einmal auf Promo-Tour, um über den Künstler zu sprechen, der im am meisten am Herzen liegt — Bob Marley.

Blackwell und Mitarbeiter haben aus Marleys Gesamtwerk 80 Stücke ausgewählt, die — auf vier CDs verteilt — in einer mit viel Liebe gestalteten Box und in einer limitierten Auflage von einer Million Exemplaren in den Handel kommen. „Wir haben noch viel mehr Material in den Archiven, aber ich wollte diesmal einen Überblick über Bobs beste Arbeit geben und nicht nur die paar Sammler ansprechen, die den Hals von Zweit- und Dritt-Versionen nicht voll kriegen. Das Paket enthält zwar, um die Sammler zu besänftigen, einige bisher unveröffentlichte Stücke, ist aber vor allem als Einßhrung in Bobs Musik fiir eine Generation gedacht, die damals noch zu jung war. „

Einige Tracks gibt es dennoch, an die Blackwell gerne herangekommen wäre. Marley war bis zum Ende seines Lebens ein unermüdlicher Songschreiber. Noch kurz vor seinem Tod saß er mit Akustikgitarre und Bandgerät in einer bayrischen Krebsklinik und nahm Lieder auf, die Jah priesen und seinem Volk ein besseres Schicksal versprachen. Diese und diverse andere Bänder befinden sich im Besitz von Marleys Witwe Rita, und Blackwell ist zuversichtlich, daß sie, wenigstens zum Teil, irgendwann einmal veröffentlicht werden.

Obwohl sich Blackwell lieber in die Zukunft orientiert als zurückblickt, fühlt er sich für Marleys Arbeit verantwortlich. Bevor Marley die Bühne betrat, wurde Reggae außerhalb Jamaikas lediglich als Pop-Exotik abgetan. Blackwell versuchte dies zu ändern: „Ich wollte, daß die Reggae-Musiker aufwachten und zur Kenntnis nahmen, daß ihre Musik keinesfalls trivial war. „

Er nahm Marley mit auf Traffic-Tourneen, „damit Bob sehen konnte, daß Erfolg nicht nur eine Frage von Hits ist, daß Hits eigentlich weniger wichtig sind als die Kommunikation mit dem Publikum.“

Mit der Zeit wurde die Arbeit mit Marley „so etwas wie ein Kreuzzug. Sein Tod war daher ein schrecklicher Schlag, und das Gefühl des Verlusts wurde verstärkt durch das Auseinandergehen der anderen Band, an die ich geglaubt hatte — Black Uhuru. Auf dem Höhepunkt von Bobs Fähigkeilen konnte der Reggae wirklich von sich behaupten, unabhängig von anderen Musikrichtungen zu sein. Heute schielen die meisten jamaikanischen Produzenten doch wieder nur nach Amerika. „