Diese 5 isländischen Acts müsst Ihr jetzt kennen

von

Daughters of Reykjavík

Im Kollektiv musiziert es sich besser: Daughters of Reykjavík sind zu neunt und mit ihren expliziten Texten so etwas wie der Stachel im Hintern der isländischen Musikszene. Bei „Live from Reykjavík“ rissen sie die Bühne des kleinen Gaukurinn-Clubs ebenso gnadenlos wie formvollendet ab. Weil sie enorm unterhaltsam sind – zum Höhepunkt gehört traditionell das Opfern eines männlichen Zuschauers. Aber auch, weil sie irre gute Songs haben, allen voran die aktuelle Single „Hot Milf Summer“. Ein eingängiger Mittelfinger-Song Richtung Establishment, der mit einem Musikvideo kommt, in dem vermutlich sehr viele Männer zum ersten Mal eine Milchpumpe sehen, was für YouTube ganz offenbar zu viel ist: Wie bei sexuell expliziten Texten muss man als Zuschauer*in erst einmal seine Volljährigkeit versichern.

Der Hintergrund des Songs: Vier der Daughters wurden zuletzt tatsächlich Mütter. Übrigens: Bis im vergangenen Jahr nannte sich die Band noch Reykjavíkurdætur. Ob der internationalisierte Name auch den Erfolg außerhalb Islands bringen wird? Zu wünschen wäre es der Band, denn was sie macht, ist ziemlich einzigartig.

BRÍET

Die Idee von Musik, der BRÍET nachhängt, ist eine sehr skandinavische. Da treffen sehr glatte, sehr genau inszenierte Pop-Patterns auf Folkpop-Einflüsse. Mal erlauben sich die Songs Ausuferungen, mal suchen sie den direkten Weg ins Ohr. Was an Bríet Ísis Elfar interessant ist: Ihre ersten Aufnahmen kamen noch mit englischen Texten; und wenn man sich einen Track wie „In Too Deep“ anhört, erkennt man rasch: Das ist ein Hit. Das könnte international ganz hervorragend funktionieren. Vielleicht aber auch: Das ist ganz schön kalkuliert.

Insofern ist es beglückend, dass die 22-Jährige mittlerweile vor allem in ihrer Muttersprache singt und musikalisch sehr breit aufgestellt ist. Songs wie die kleine Akustik-Ballade „Esjan“ mit ihrer kargen Gitarre und mit ihrem irrlichternden Klavier oder der erstaunlich mächtige Dance-Track „Heyrðu Mig“ sind doch deutlich distinktiver. Ihr aktuelles Album „Kveðja“ erschien 2020, acht Songs davon schafften es in die isländischen Spotify-Top-Ten.

Árný Margrét

ME-Redakteur Jochen Overbeck ist Fan von ihr: Árný Margrét

Von Árný Margrét gibt es auf den einschlägigen Streaming-Portalen noch keinen einzigen Song. Trotzdem war sie bei „Live From Reykjavík“ einer der Acts, die im Vorfeld am häufigsten genannt worden. Schon zwei Tage vor dem eigentlichen Festival spielte sie ein kurzes Set in dem Studio, in dem sie gerade an ihrem Album arbeitet, und dieser Auftritt war ziemlich großartig. Nur von ihrer Akustik-Gitarre begleitet sang sie zwei Songs, die im weitesten Sinne Folk- bzw. Songwriter-Pop waren. Bei der Art, auf die sie phrasierte, musste ich an Jeff Buckley und an Martha Wainwright denken; dass sich unter ihren Spotify-Favoriten sowohl Hiss Golden Messenger als auch Sylvain Esso finden, passt aber auch ganz gut. Das eigentliche Konzert fand dann in einer Kirche statt und erfüllte das Versprechen, das der Kurzauftritt im Studio gab, eindrücklich. Das Debütalbum soll im nächsten Jahr erscheinen, und es gibt wenige Platten, auf die ich mich gerade mehr freue.

Inspector Spacetime

Corona verhinderte zwar eine reguläre Ausgabe des Iceland Airwaves, aber führte immerhin zur Gründung dieser Band: Inspector Spacetime sind ein Kind des Lockdowns, den das Trio offenbar vor allem vorm Computer verbrachte, wo es sich zweierlei reinzog: Einerseits klingt in den Songs – live noch mehr als auf Platte – der Dancepop der 90er-Jahre durch; mal in der cheesy Eurodance-Version, mal in seiner etwas cooleren, mit Drum’N’Bass-Patterns und Big Beat flirtenden Version. Dazu kommt aber eine große Vorliebe für kontemporären Hyperpop, und wenn man möchte, kann man auch Nuller-Sounds der Simian-Mobile-Disco- oder Justice-Schule raushören. Aber eigentlich brauchen Inspector Spacetime solche Vergleiche gar nicht: Tracks wie „Dansa og bánsa“ und „Bára“ klingen so gar nicht nach Lockdown. Im Gegenteil, die gehen so formvollendet auf die Zwölf, das man einfach nur tanzen möchte (um was es, wenig überraschend, in „Dansa og bánsa“ auch geht).

FLOTT

FLOTT erfüllen keines der Klischees, die man mit isländischen Bands oder Künstler*innen für gewöhnlich in Verbindung bringt. Da ist nichts auch nur ansatzweise Feenhaftes oder Verwunschenes dran. Da wird aber auch nicht knallhart an kontemporären Beats herumgeklöppelt. Stattdessen spielt die Band superaufmerksamen, sehr eklektischen und gleichzeitig sehr musikalischen Pop – Vigdís Hafliðadóttir singt dazu auf Isländisch.

Für deutsche Ohren klingt das ungewohnt, es würde wohl auch niemand als solches erkennen, denn eigentlich verhält es sich so: Songs wie „Þegar ég verð 36“ oder „Mér er drull“ schlagen Räder, machen Bögen, tauchen unter, tauchen auf und folgen eingängigen, aber gar nicht so einfachen Melodiebögen, oft erinnert das eher an japanischen Pop. Aber inszeniert ist all das in einem Sound, der im weitesten Sinne aus den 70er-Jahren schöpft. Wobei: nicht aus den ECHTEN 70er-Jahren, sondern aus einer extrem ästhetisierten Version davon. Bezugspunkte sind vielleicht Bands wie Parcels oder Kommode, aber alleine der Verzicht auf das Englische gibt den Songs etwas sehr eigenes.

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