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Michael Kiwanuka im Interview: Ohne Stereotype geht es eben auch nicht

Michael Kiwanuka, geboren 1987, gilt seit seinem Debütalbum aus dem Jahr 2012, HOME AGAIN, als größtes Talent des britischen Soul. Das brachte dem Künstler aus London Vergleiche ein wie „die männliche Adele“. Nach seinem Debüt hat er sich viel Zeit nehmen müssen, um mit seinen eigenen Ansprüchen und den Erwartungen anderer Leute zurande zu kommen. Sein neues Album LOVE & HATE ist nicht nur ein Statement der künstlerischen Befreiung. Sondern auch eine Auseinandersetzung mit Klischees und Stereotypen.


Du hast vier Jahre für den Nachfolger von HOME AGAIN gebraucht. Es heißt, das zweite Album sei immer schwerer als das erste Album. Ist das wahr?
Ein gutes Beispiel für ein zutreffendes Stereotyp. Ein Großteil der Arbeit an einem Album ist Vorbereitung, und auf das erste Album kann man sich im Prinzip sein ganzes Leben bis zu diesem Zeitpunkt vorbereiten. Das erste Album ist aber auch ein erster Schritt. Du findest heraus, wie das überhaupt geht – Platten machen. Und du findest heraus, wie die Leute auf deine Musik reagieren. Oder ob sie dir selbst gefällt. Alles klingt ja aufregend, auch wenn es Mist ist: „Oh, so hört sich also meine Stimme an, wenn sie aus Lautsprechern kommt!“ Das sind die Grundlagen. Beim zweiten Album stellen sich andere Fragen: Wer bin ich? Musiker? Schreiber? Wo will ich hin? Du hast also weniger Zeit für das zweite Album, musst aber mehr Gedanken investieren – damit es nicht so klingt wie das erste Album.
Auf der Arbeit am zweiten Album lastet also auch mehr Druck?
Ja, das stimmt.
Druck von außen, von der Plattenfirma? Oder auch Druck von innen, Selbstzweifel …
Beides. Als ich beim zweiten Album meine Stimme aus den Lautsprechern gehört habe, hat sich das angefühlt wie eine schlechtere Version von etwas, was ich bereits gemacht hatte. Mir standen also meine Erwartungen an mich selbst im Wege. Und wenn du bei einer großen Plattenfirma bist, dann gibt es immer Druck. Die wollen etwas haben, das sie verkaufen können, vor allem ans Radio. Der Druck von außen verbindet sich mit dem Druck von innen …
… zu einer Art Superdruck?
Nicht unbedingt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Erwartungen sich gegenseitig aufheben können. Wenn ich Musik mache, die mir selbst gefällt, gefällt sie in der Regel auch der Plattenfirma.

Wenn ich mit meinem Gitarrenkoffer herumgelaufen bin, fragten die Leute: „Hey, ist das ein Bass?“ … Schwarze haben Bass zu spielen.

Was ist schlimmer: Die Stereotype aus der Außenwelt oder die in deinem Kopf?
Schwer zu sagen. Die Stereotype anderer Leute sind schwerer zu ertragen, einfach, weil es so viele andere Leute gibt. Hinzu kommt, dass sie meine eigenen Stereotype im Kopf verstärken: „Ich kann das nicht! Das sagen die anderen Leute auch schon!“
Die erste Single deines neuen Albums heißt „Black Man In A White World“. Müssen wir über rassistische Stereotype sprechen?
Warum nicht? Das gibt es, und das gab es schon, als ich aufgewachsen bin. Ich spreche nicht von Hass, im Sinne von: „Du bist schwarz, ich mag dich nicht.“ Da hatte ich Glück. Aber es gab Erwartungen von Leuten, wer ich zu sein hatte. Es geht um Kleinigkeiten, die sich summieren und nerven: An der Universität war eine Dozentin überzeugt, ich müsste Rap oder HipHop hören. Die ließ sich auch nicht vom Gegenteil überzeugen, als ich ihr sagte: „Nein, ich stehe eher auf Bob Dylan und so.“ Oder wenn ich mit meinem Gitarrenkoffer herumgelaufen bin, fragten die Leute: „Hey, ist das ein Bass?“ Schwarze haben Bass zu spielen.



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