Mick Taylor – Stone Free vol. 2


Nachdem er die Stones verlassen hatte, wurschtelte sich Mick Taylor mit mehr oder weniger unbedeutenden Studiojobs durch. Der beste support guitarist der Welt litt unter dem Mangel an Motivation, bis ihn plötzlich der Teufel ritt und er sich aufraffte, ins Studio zu gehen, um ein paar eigene Songs aufzunehmen. Und jetzt ist er nicht mehr zu bremsen, wie Stephen Demorest feststellte, nachdem er ihn endlich in New York zu fassen bekam. Die erste Solo-LP von Mick Taylor sorgte in der ME-Redaktion nämlich für soviel Aufsehen, daß wir uns entschlossen, dem reisewütigen Musiker hartnäckig auf den Fersen zu bleiben.

Der erste Titel seiner LP bezieht sich noch auf einen Zwischenfall während einer Rolling Stones-Tour,“ grient Mick Taylor. Einst jungenhafter Leadgitarrist der greatest band in the world, hebt er nun mit „Leather Jacket“ und anderen guten Songs (siehe ME 9/79) endlich zueiner Solo-Karriere ab. „Ich glaube, wir spielten in Seattle. Keith hatte Mick seine heißgeliebte Lederjacke für den Auftritt geliehen. Mick war zum Schluß der Show so weggetreten, daß er Blumen und alles mögliche ins Publikum warf und am Ende auch noch Keith‘ Lederjacke wegschleuderte. Deswegen hätte es nachher im Hotel fast eine Schlägerei gegeben.“

Einige Kritiker werteten den Song schon als Seitenhieb gegen Mick’s ehemalige Bandkollegen, aber Taylor versichert, daß dies wirklich nicht seine Absicht war. „Ich finde diesen Rock’n‘-Roll-Circus großartig,“ meint er. „Ich hege eigentlich’keine Ressentiments gegen den Lebensstil des Rock’n’Roll – es sei denn, Musiker stellen sich selbst auf ein Podest und werden aufgrund ihres Ruhms anmaßend.“

Mit Sicherheit wird man dies Mick Taylor bis jetzt nicht vorwerfen können. Wenn man sich überlegt, daß er bereits als 17jähriges Wunderkind mit den Besten spielte, zählt er wohl zu den bescheidensten Musikern überhaupt. Ehe er sich nach seinem Split von den Stones entschloß, ein Solo-Album zu produzieren, beschränkte er sich bekanntlieh jahrelang darauf, für andere im Studio Gitarre zu spielen. Mick Taylor, 1949 in Hatfield, 20 Meilen nördlich von London geboren, ist das Kind Rock’n’Roll-besessener Eltern. Er war gerade neun Jahre alt, als sie ihn zu einem Konzert mit Bill Haley und den Comets mitnahmen. Mit 14 Jahren erlebte er den Blues-Boom in England, spielte zusammen mit Freunden Gitarre und war mit 17 bereits Mitglied in der Band von John Mayall. Seine Vorganger dort hießen Eric Clapton und Peter Green. „Bei John Mayall erlebte ich meinen ersten professionellen Gig,“ gesteht Mick, „ich war noch ein absoluter Anfänger, und ich bin sicher, daß mir andere technisch weitaus überlegen gewesen wären.“

1969 sollte Taylor dann eines der verblüffendsten Talente der 60er Jahre ersetzen: Brain Jones von den Rolling Stones. Die Stones waren gerade mit den backing tracks für ihre LP „Let It Bleed“ beschäftigt. „Mick Jagger lud mich ein, mal im Studio vorbeizukommen – als ich ging, hatte ich auf vier Tracks mitgespielt,“ erinnert sich Mick. Wieder war er support player – aber was für einer. Jeder Rockfan kennt sein Solo auf „Time Waits For No One.“ Mick: „Das Stück haute sofort hin. Es war wirklich einer der ersten Tracks, die wir für dieses Album aufnahmen. Wir hatten damals gerade drei oder vier Monate pausiert, nach einer Amerikatour, hatten uns kaum gesehen, überhaupt nicht zusammen gespielt… wir sind nur mal eben so an einem Nachmittag ins Münchener Musiclandstudio spaziert und haben eine Stunde lang drauflosgejammt. Und das war’s auch schon!“ Mick Taylor spielte auf fünf Rolling Stones-Alben (abgesehen von seinem „Vorspielen“ bei den Aufnahmen zu „Let It Bleed“), und zwar auf „Sticky Fingers“, ,,Exile On Main Street“, „Goat’s Head Soup“, „It’s Only Rock’n’Roll“ und auf dem Live-Album „Get Yer Ya-Yas Out“. Sein Lieblingsalbum ist das erste. „Sticky Fingers‘ wirkte damals abenteuerlicher als alles, was die Stones zuvor aufgenommen hatten,“ meint Mick. „Es entstand sehr spontan.“ Die Arbeit an späteren Alben bereitete ihm zunehmend Schwierigkeiten. „Die Stones gehörten nicht zu den Bands, die sehr viel proben müssen, sie waren eben schon so lange zusammen; aber wir tourten jetzt viel mehr, die Musiker lebten ziemlich verstreut, und der Prozess so einer LP-Produktion zog sich immer stärker in die Länge.“

Mick verließ die Band 1974. „Ich bin gegangen, weil ich keine credits als Songschreiber bekam oder wegen irgendwelchem anderen Mist. Ich wollte einfach nicht mehr. Die Dinge wiederholten sich, es passierte nichts Überraschendes mehr. Gut. ich hätte vielleicht andere Dinge tun können, die sich für mich gelohnt hätten, aber zu jener Zeit war es wirklich nicht möglich, eine separate Karriere aufzubauen.“ Ein Jahr später tat sich Mick mit dem Bassisten Jack Bruce und der avantgardistischen Keyboard-Dame und Komponistin Carla Bley zu einem Trio zusammen, das natürlich von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Mick wußte zu diesem Zeitpunkt einfach nicht, was er sonst tun sollte. „Es wurde keine demokratische Gruppe, in der jeder seine Ideen einbringen konnte,“ erinnert er sich. „Wir haben ein paar Monate lang geprobt, machten eine Europa-Tour und gingen wieder auseinander. Es war eine äußerst seltsame Kombination höchst unterschiedlicher Menschen, und diese Verbindung funktionierte eben nicht.“ Da er keine Lust hatte, in irgendeine Gruppe einzusteigen und sowieso nicht so recht wußte, was er nun eigentlich wollte, tat Mick Taylor in den folgenden Jahren das einzig Logische: nichts! „Ich habe manchmal mit Steve Winwood gespielt, aber ich bin nie so richtig in eine Sache eingestiegen.“

Schließlich, nachdem er in den Jahren 1977 und ’78 seine musikalischen Ideen mehr oder weniger einmariniert hatte, wagte er den Sprung – und überraschte sich selbst dabei. „Ursprünglich wollte ich ein Instrumentalalbum machen,“ erklärt er im Hinblick auf die zweite LP-Seite. „Worte und Titel haben mir nie viel bedeutet. Aber da ich zu der Zeit ein wenig Klavier spielte, bekam ich doch mehr Interesse am Singen und am Songschreiben. Einige der Songs entstanden im Studio, und die meisten Texte, die ich schrieb, kamen so ganz spontan, ohne viel Überlegung. Ich hatte überhaupt keine klare und einheitliche Vorstellung von der Platte, als ich damit anfing.“

Entwickelt hat sich aus diesem „unklaren Vorstellungen“

schließlich ein Album, das, genau betrachtet, in zwei Teile zerfällt: Seite eins präsentier! in erster Linie ziemlich durchschnittliche Melodien, Seite zwei dagegen kommt mit einigen atemberaubenden Instrumentals ‚rüber. Mick erklärt, das schwerste bei dieser Produktion sei für ihn die Singerei gewesen. Taylor spielte außerdem noch Keyboards und Baß und produzierte die Platte selbst. „Ich bin ganz froh, daß ich es so gemacht habe, aber trotzdem werde ich das nicht wiederholen. Ich habe eine Menge gelernt, aber wenn du deine Musik noch aufbaust, ist es sehr schwierig, zurück in den Kontrollraum zu gehen, um zu versuchen, sich alles noch einmal möglichst objektiv anzuhören.“

Mick’s eher zufällige Haltung Worten und Texten gegenüber zeigt sich deutlich in zwei Songs auf der ersten LP-Seite. „Ich spielte ein Riff zusammen mit Drummer Mike Driscoll – ich dachte in dem Moment überhaupt nicht an den Song – ich spielte jedenfalls so hart, daß meine Finger zu bluten begannen, deshalb haben wir das Stück ,Broken Hands‘ genannt. Monate später habe ich dazu schnell ein paar Worte aufgeschrieben.“

Ganz offensichtlich wirken da Instrumentaltracks wie „Giddy up“ weitaus geschliffener. Auf diesem Titel ist übrigens noch die Slide-Gitarre des inzwischen verstorbenen Lowell George zu hören. „Er war für einige Gigs mit Little Feat in London und lud mich ein, bei einer ihrer Shows mitzuspielen. Wir beendeten das Konzert mit ,Apolitical Blues‘, einem Set, der schließlich auf dem Live-Album ,Waiting For Columbus‘ landete. Kurz bevor er London verließ, kam Lowell zu mir ins Studio, und wir nahmen ,Giddy Up‘ auf.“

Jetzt, da Mick Taylor den bisher revolutionärsten Schritt seiner Karriere unternahm nämlich alles selbst in die Hand zu nehmen – will er in Amerika eine eigene Band formieren gleich nach Weihnachten das nächste Album aufnehmen und 1980 durch Europa touren. „Ich würde das neue Album gern so schnell wie möglich fertigmachen. Und ich will, daß es mehr Band-orientiert wird. Es ist immer einfacher, ein Gitarrensolo zu spielen, wenn du eine Band im Rücken hast.“ Das Wort „hinter“ zeigt doch einen neuen Mick Taylor. Der beste support guitarist der Welt fand eine neue Band, na gut – aber diesmal ist er der Boß.