Mike Scott


Das aktuelle Album ‚Bring ‚Em All In‘ hatte es schon angedeutet: Ex-Waterboys-Frontmann Mike Scott hat auf seinem ersten Solo-Werk dem opulenten Folk- und hymnischen Mystic-Rock der Vergangenheit abgeschworen und sich ganz dem Singer/Songwritertum in der Tradition eines Nick Drake oder Leonard Cohen verschrieben. So war es nur konsequent, daß Scott die Songs seiner Solo-Scheibe live in abgespecktem akustischem Gewand präsentierte. Im diesem Falle bedeutete das sogar die Radikalkur – im einsamen Alleingang quer durch kleine Clubs und Hallen.

Passenderweise gastierte der 33jährige Musikant aus dem schottischen Edinburgh in München im Lustspielhaus, einem Theater im Herzen der Stadt, das den Besucher mit plüschiger Melancholie umschmeichelt und schon bessere Tage gesehen hat. Ähnlich im übrigen wie die Karrierekurve von Mr. Scott: Während er mit seinen Waterboys in den 80er Jahren locker große Hallen füllte, begnügte sich der extrovertierte Charismatiker an diesem Abend mit gerade mal 250 zahlenden Gästen. Den Fans allerdings war’s recht und Scott offensichtlich auch – so entwickelte sich schon ab dem ersten Stück, dem Titellied der neuen Platte, eine geradezu ergreifende Intensität.

Schlaksig und etwas unbeholfen lümmelte Scott kurz vor Beginn des Gigs noch vor dem Mikro herum, die Gitarre ungelenk vor den Hüften baumelnd. Doch als die Saallichter erloschen, um Platz zu machen für einen einsamen violetten Scheinwerfer, direkt auf Scott gerichtet, war der Mann die personifizierte Energie. Seine Popularität anno ’95 mag gering sein, das Kompositionstalent eher mäßig – doch in Punkto Ausstrahlung und Charisma macht dem hageren 1,90-Meter-Hünen so schnell keiner etwas vor. Denn bei aller neuer Bescheidenheit geizt der Schotte nach wie vor nicht mit großen Gesten und theatralischer Dramatik. Und selbstredend besitzen die alten Waterboys-Titel, die Scott nach und nach in sein rund zweistündiges Programm einstreute, auch in der aufs Allerwesentlichste reduzierten Version noch genügend Hang zu

Mystik und Magie.

Jedenfalls bewies der talentierte Einzelgänger, daß man alleine mit Klampfe, Keyboard, Mundharmonika und Gesang locker einen äußerst gelungenen Abend gestalten kann – auch wenn oder gerade weil der Auftritt an den Gig eines ambitionierten Straßenmusikanten erinnerte.

Denn was er zu bieten hat, das bietet Mike Scott perfekt: Die Gitarre variiert von fragilen Tönen zu grollendem Krachgewitter, die Klaviertasten sausen nur so durch perlende Melodielinien, die Harmonika quäkt in bester Bob Dylan-Manier, und Scotts kehliges Organ besitzt nach wie vor die moll-geschwängerte, rauchige Tiefe vergangener Tage.

Was von diesem großen, schwermütigen Nostalgiker in der musikalischen Zukunft zu erwarten ist, davon konnten sich die begeisterten Besucher ebenfalls schon ein Bild machen: Mike Scott, so scheint’s, zollt ab sofort nur noch einem einzigen Idol Tribut – Bob Dylan, dem großen alten Miesepeter des Folk. Zwar kann Mike Scott noch lange nicht mit dessen genial-pessimistischer Analyse der jeweils aktuellen Lebensumstände konkurrieren, doch an Dylans näselnden Charme der Anfangstage erinnern seine spartanisch-bittersüßen Elaborate heute schon unüberhörbar. Dem kreativen Anspruch des begabten Schotten schadet diese musikalische Annäherung sicher nicht. Den Verkaufszahlen leider wohl garantiert. Schade!