Musik zum Lesen


Na, auch unlängst dem Boss bei der Arbeit zugeschaut? Und in die geilen „guck mal, ich war auch da“ – 30 Mark T-Shirts investiert? Alles schön und gut, nur: Was wäre der wahre Springsteen-Fan (zumal dann, wenn er in seinem Bekanntenkreis missionarisch tätig werden will) ohne fundierte Sekundärlektüre? Möglichkeiten, diesen Notstand zu beenden, gibt’s jetzt in Hülle und Fülle.

Springsteens Abstecher auf den alten Kontinent, der erste seit mehr als vier Jahren, sorgte erwartungsgemäß für hektische Betriebsamkeit in englischen Verlagshäusern: Ob aktualisierte Neuauflagen älterer Werke oder brandneues Original – die Umsatzmöglichkeiten, die sich hier anbahnten, wollte fast jeder Musikbuch-Verleger britischer Provenienz ausschöpfen.

Sogar das mächtige IPC-Verlagskonsortium, das mit NME, Melody Maker und dem auflagestarken Teen-Mag „No. 1“ einen nicht unwesentlichen Teil des Jugendmarktes kontrolliert, sah sich zu einer Veröffentlichung veranlaßt: „Visions Of America“, von Hausjournalist Adam Sweeting verfaßt, gehört in die Kategorie der reichhaltig bebilderten Großformat-Magazine (das Wort „Buch“ ist da wirklich fehl am Platz), die den englischen Markt im Gefolge etwaiger Pop-Großereignisse regelmäßig zu‘ überfluten pflegen, hebt sich allerdings wohltuend vom üblichen Durchschnitt ab: Gutes Fotomaterial, ein sorgfältiges Layout mit stimmigem Wort/Bild-Verhältnis und nicht zuletzt Sweetings klare, fernab jeglicher Lobhudelei angesiedelte Analyse von Springsteens Arbeit machen diese gut 60 Seiten (auch wenn vieles schon aus Platzgründen im Ansatz steckenbleiben muß) zu einer empfehlenswerten „Anfänger“-Lektüre.

(IPC Magazines Ltd, ca 18,80 DM) Weiter geht’s mit einer kleinen Auswahl für die Fortgeschrittenen: Kate Lynch, die unlängst schon mit einer besseren Bowie-Bio in Erscheinung trat, nannte ihr fast ausschließlich s/w-bebildertes 128-Seiten Werk „No Surrender“ (das Cover schmückt passenderweise ein Springsteen mit geballter Faust in „Born In The USA“-Konzertpose) und offeriert insbesondere, neben den zu erwartenden biographischen Eckpfeilern, eingehende Textanalysen. Was sie allerdings nicht daran hindert, ihr Vorwort wie folgt abzuschließen: ….. Don’t spend your money on this book unless you Ve got all the albums first.“ Selbige Empfehlung, so ihr ursprünglicher Wunsch, schon auf den Umschlag drucken zu lassen, scheiterte verständlicherweise am Widerstand des verantwortlichen Verlages…

(Proteus, ca. 28,80 DM) Wer weder Text noch Musik, sondern nur Visuelles auf sich wirken lassen möchte, ist mit dem schlicht „Springsteen“ betitelten Fotoband hervorragend bedient, den Lynn Goldsmith vor einiger Zeit vorlegte. Die amerikanische Fotografin, während der Entstehungszeit der meisten Fotos bekanntlich mit Bruce in zarter Bande verknüpft (und später von ihm während des „No-Nukes“-Konzerts umso unsanfter des Feldes verwiesen), lichtete Springsteen ausgiebig in seiner Darkness-Phase ab, insbesondere auch auf der 78er Mammut-US-Tournee: Die schönsten Porträts (Springsteen wirkt oft wie eine Kreuzung aus James Dean und AI Pacino), eine breite Palette außergewöhnlicher Konzertfotos (noch ohne Popeye-Bizeps und Stirnband!) – Goldsmith bewies wirklich Fingerspitzengefühl am Auslöser, (Sidgwick & Jackson, ca. 28,80 DM) Zum Schluß dieser kleinen Auswahl noch der Hinweis auf zwei reaktivierte Standardwerke: Paul Gambaccinis Biographie „Bruce Springsteen“ erschien erstmals 1979 und wurde jetzt mit gewohnter Sorgfalt auf den neuesten Stand gebracht. (Omnibus Press, ca. 25,80 DM) Weiterhin warten müssen wir dagegen auf eine Aktualisierung der „Born To Run“-Bio von Dave Marsh, immer noch die Springsteen-Referenz schlechthin und jetzt in der damals überarbeiteten Ausgabe von 1981 noch einmal neu aufgelegt. (Omnibus Press, ca. 28,80 DM) Gewohnt spärlich war in den letzten Monaten der Musikbuch-Output bundesdeutscher Verlage, die Rockliteratur mehrheitlich immer noch als vernachlässigbares Exotikum oder notwendiges Übel handhaben. Gepaart mit einem kräftigen Schuß Inkompetenz, führt diese Einstellung etwa zu folgendem Ergebnis: Ich hatte im letzten Jahr an gleicher Stelle vor einem BAP-Buch aus dem Hause Bastei-Lübbe gewarnt, das von einem gewissen Klaus Dewes in die Welt gesetzt wurde. Eben jener nun hat es fertiggebracht, dem Heyne-Verlag ein ähnlich dürftiges Werk mit dem Titel „BAP op Tour“ unterzujubeln. Über das von der Gruppe selbst betreute BAP övver BAP-Buch schreibt Dewes: „Da BAP-Fans eher Hörer als Leser sind, wurde die Zielgruppe nicht erreicht.“ Wenn dem, was noch zu beweisen wäre, tatsächlich so ist: Wozu dann noch dieses Buch? Bleibt zu hoffen, daß die „Zielgruppe“ mit dieser Veröffentlichung ebenfalls verfehlt wird.

(Heyne-Verlag, 6,80 DM) Wie überraschend sich für Tina Turner selbst die plötzliche Rückkehr ins Rampenlicht gestaltete, mag man daraus ersehen, daß sie ihre Talente noch im August ’84 -Vertrag ist Vertrag – auf einer McDonalds-Vertreterversammlung in Ottawa zur Schau stellen durfte zu einer Zeit also, als „What’s Love Got…“ längst die Chart-Spitzen erreicht hatte.

Nicht minder überraschend, daß jetzt ein hiesiger Verlag mit einer Veröffentlichung auf den Turner-Boom der letzten Monate reagiert:

„Tina Turner – Vom Country Girl zur Rock-Lady“ (Wer hat sich bloß diesen Untertitel einfallen lassen?) wurde von Bart Mills, einem in Kalifornien ansässigen Pop-Kolumnisten, geschrieben – und erweist sich, berücksichtigt man den offensichtlichen Zuschnitt auf ein Massenpublikum, als akzeptable Biographie, abgerundet durch eine ausführliche Discographie, (die zudem in einem besonderen Kapitel weitgehend kommentiert wird), und ordentliches Bildmaterial. (Droemer & Knaur, 7,80 DM) Ob die soeben in den USA erschienene Turner-Biographie von Kurt Loder ins Deutsche übertragen werden soll, stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest.

Nicht ganz unumstritten war vor gut fünf Jahren die Erstveröffentlichung der Jim Morrison-Biographie „No One Here Gets Out Alive“, die dann mit dem Titel „Keiner Kommt Hier Lebend Raus“ auch recht bald als deutsches Hardcover auf den Markt kam (im Maro-Verlag) und nun noch einmal als Taschenbuch verlegt wurde. Die Autoren Jerry Hopkins/Daniel Sugarman, so monierten einige Kritiker, hätten sich allzu bereitwillig dem Morrison-Mythos hingegeben, statt die Hintergründe kritisch auszuleuchten.

(Heyne-Verlag, 9,80 DM) Gescheitert, nämlich an Morrisons Nachlaßverwaltung, war auf jeden Fall ihr Wunsch, die Dichtkünste des Doors-Sängers ausgiebig zitierend zu würdigen. „Das ist das erste Mal, wo man mich nicht reingelegt hat“, soll Morrison, laut Hopkins/Sugarman, gesagt haben, als er die ersten Exemplare seines Gedichtbandes „The Lords And The New Creatures“ begutachtete. Morrison, seines Rockstar-Status‘ überdrüssig und verzweifelt um Anerkennung als Dichter bemüht, hatte seine Werke zunächst als limitierte Privatveröffentlichung herausgebracht, bevor er sich damit an die Öffentlichkeit wagte. Ob dieses Zögern möglicherweise auch in einer realistischen Selbsteinschätzung seines poetischen Potentials begründet lag, kann nun noch einmal anhand einer in England erschienenen Neuauflage von „The Lords And The New Creatures“ überprüft werden. (Omnibus Press, ca. 25,80 DM) Stetiger Beliebtheit, insbesondere in Sammler-Kreisen, erfreut sich eine Vielzahl von Nachschlagewerken. Nachfolgend eine aktuelle Auswahl: Bereits bewährt im täglichen Umgang mit Vinylmassen hat sich die Reihe „The Illustrated Disco/

Biography“, in der jetzt die Veröffentlichungen zweier der wichtigsten zeitgenössischen Musiker gesichtet, geordnet und – wo notwendig – kommentiert wurden: Bob Marley und Stevie Wonder.

Dabei wurde, wie üblich, auch das Umfeld jeweils gründlich aufgearbeitet. So verzeichnet der Bob Marley-Band Aufnahmen der I-Threes ebenso wie die von Bunny Wailer oder Peter Tosh; und Rick Taylor hat Stevie Wonders Arbeit als Gastmusiker, Produzent und Songschreiber ausgiebig berücksichtigt. (Omnibus Press, je ca. 15,80 DM) Bisher existierten zwei Arten von Platten-Nachschlagewerken: Solche, die regulär erhältliches Vinyl listeten, und Verzeichnisse illegaler Bootleg-Aufnahmen. Licht in jene Grauzone, die dazwischenliegt und hartnäckige Sammlerherzen höherschlagen läßt -, bringt jetzt Tony Rees „Rare Rock – A Collectors Guide“.

Auf rund 350 Seiten – von Abba bis Zappa ist alles vertreten – listet Rees allerlei Obskures, das oft nur in geringen Stückzahlen auf den Markt gelangte: Promo-Platten, Test- und Fehlpressungen, Flexiund Picture-Discs, Interview-Alben und vieles mehr- alles versehen mit Erscheinungsjahr, Labelangaben und gelegentlichen Anmerkungen. Wer einem befreundeten Vinyl-Freak schlaflose Nächte bereiten möchte, liegt hiermit genau richtig.

(Blandford Press, IMP-Vertrieb, 35,- DM) Wer dagegen gern in zurückliegenden Hitparaden herumstöbert, ist mal wieder mit einer Neuerscheinung aus dem Hause Taurus Press gut versorgt: Der „Hit Guide – US Chart LPs 1964-1982“ verzeichnet alle Alben, die in diesem Zeitraum die amerikanischen „Top 100“ enterten und informiert über das jeweilige Einstiegsdatum, die höchste Position und die Anzahl der Wochen in den „Top 100“ bzw. „Top 10“. Ein Titel-Index hilft bei der Interpreten-Suche. (Taurus Press, 39- DM) Offensichtlich dem englischen „Rock-Yearbook“ nachempfunden, aber naturgemäß stärker auf US-Geschehnisse ausgerichtet, ist „The Rolling Stone Review 1985“, eine unterhaltsam-informative Rückschau auf das Rockjahr 1984: Wesentliche Ereignisse und Entwicklungen werden in Erinnerung gerufen, Platten, Bücher und Videos in Kurzform vorgestellt, die Bands des Jahres und die hoffnungsvollsten Newcomer porträtiert, es gibt jede Menge Polls, Listen, Zitate und exzellente Fotos. Besonders interessant sind die „Local Scene Reports‘ Porträts der regionalen US-Szene von Austin bis Toronto. Ein schönes Buch zum Blättern und sich festlesen. (Blandford Press, IMP-Vertrieb, 39,- DM) Bleibt noch Platz für einige neue Biographien in der Kurzvorstellung: Nicht mehr ganz taufrisch, aber doch viel zu schade, um auf diesen Seiten nicht erwähnt zu werden, ist die offizielle Kinks-Biographie aus der Feder von Jon Savage, eins der schönsten Rockbücher der letzten Zeit: Sorgfältig recherchiert, mit Blick für das Wesentliche geschrieben, optisch ganz einfach ein Genuß und mit ausführlicher Disco-/ Biographie ausgestattet. Eine Investition, die sich nicht nur für Kinks-Anhanger lohnen dürfte. (Faber & Faber, IMP-Vertrieb, 29,80 DM) Gleich zwei neue Werke befassen sich mit den Simple Minds: „The Race Is The Prize“, die offizielle Bio des holländischen Schreibers Alfred Bos, ist mit allerlei literarischen Anspielungen gespickt und wirkt nicht zuletzt deshalb streckenweise doch recht prätentiös. Wesentlich straighter geht Dave Thomas in „Glitterin Prize“ zur Sache: Er konnte zwar nur Sekundär-Quellen auswerten, tut dies aber sorgfältig und beweist eine glückliche Hand. Hervorragend hier die reichhaltige Discographie. (Virgin bzw. Omnibus Press je ca. 28,80 DM)