Interview

Nabihah Iqbal im Interview: Die Träume nach dem Wake-up-Call


Wie Burnout, der Verlust ihrer Demos und eine Reise nach Pakistan ihr Album DREAMER auf den Kopf stellten.

„Viele Leute verwenden das Wort ‚Melancholie‘ als Referenz auf meine Arbeit. Und ich denke mir: wow, ich klinge wirklich deprimiert“, scherzt Nabihah Iqbal und weiß trotzdem: „Gerade mit Blick auf DREAMER ist es viel sinnvoller, dieses Wort zu benutzen. Es ist ein Versuch, positiv auf die Dinge zu schauen und zur selben Zeit mit sehr frustrierenden, schwierigen Situationen umzugehen.“ Vor drei Jahren litt die Londoner Produzentin an einem Burnout, hatte sich obendrein die Hand gebrochen, als in ihr Studio eingebrochen wurde. Ihr gesamtes Equipment und ihr Laptop – gestohlen. Darauf das fast fertiggestellte zweite Album. Gerade als die Spurensicherung den Tatort untersuchte, bekam sie einen Anruf ihrer Familie aus Pakistan: Ihr Großvater habe eine Hirnblutung erlitten. Iqbal setzt sich sofort in den Flieger nach Karatschi.

Everything But The Girl im Interview: Narzissmus und Bescheidenheit

Das Überwinden der Schockstarre

Was wie eine Reihe unglaublich düsterer Ereignisse klingt, hat letztendlich maßgeblich die Produktion ihres zweiten Albums DREAMER geformt. Mit dem Überwinden der Schockstarre kaufte sich Iqbal eine Akustik-Gitarre in Karatschi und nahm mit ihrem Handy neue Songskizzen auf. „Dieser Prozess, weit weg von meinem Studio zu sein, mit so wenig Gear, das war zwar nichts Revolutionäres, aber hat mir geholfen, wieder zurück zu den Basics zu kommen.“ Viele dieser Skizzen wurden zum Grundgerüst der Platte. Das Album, das mit dem Einbruch verloren ging, ließ sie hinter sich. Es habe sich nicht rekreieren lassen.

Neben besagter Akustik-Gitarre haben auch andere Instrumente aus Iqbals Besuch in Pakistan ihre Spuren auf der Produktion hinterlassen: „Auf diesem Album sind das Harmonium und die Sitar zu hören und es ist auch das erste Mal, dass ich Instrumente meines kulturellen Erbes auf meinen Tracks verwende. Das Album beginnt und endet sogar mit dem Harmonium.“

Auf dem Opener „In Light“ verschmilzt jenes Instrument mit shoegazigen Gitarren und den für ihre Produktionen typischen Einsatz von Synths und Lo-Fi- Vocals, die so verträumt klingen, als wären sie mit halb geschlossenen Augen aufgenommen worden. Dass Iqbal als DJ in der Londoner Clubszene zu Hause ist, schimmert ebenso durch wie ihre Teenage-Vorliebe für Postpunk und New Wave: Auf DREAMER mischen sich elektronische Genres und klassische Gitarrenmusik. Von House zu Wave, bis hin zu Shoegaze.

Youtube Placeholder

An dieser Stelle findest du Inhalte aus Youtube
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Pitchfork Music Festival Berlin: Erste Acts angekündigt

„Ich höre gefühlt nie auf zu arbeiten“

Dabei hat die Musikerin ihre Finger in vielen Kuchen: Nachdem sie Jura, Musikethnologie und Geschichte studiert hat, arbeitet sie unter anderem als DJ, Produzentin, Radio-Moderatorin, Journalistin und Kuratorin. Dass die mit der Selbstständigkeit einhergehende Vielbeschäftigung in der Kunst- und Kulturindustrie nicht folgenlos bleibt, hat sie vor drei Jahren selbst erfahren: „Der Burnout war definitiv ein ‚Wake-up-Call‘ für mich. Im Alter von 29 Jahren bin ich sehr krank geworden. Ich dachte nie, dass das eine Sache ist, die mir je passieren wird.“

Wenn sie nicht gerade probt, tourt oder ihre Radio-Sendungen vorbereitet, steht schon wieder ein Meeting an, erklärt Iqbal. „Als Künstlerin bist du deine eigene Chefin und hast so viele Verantwortlichkeiten. Ich höre gefühlt nie auf zu arbeiten.“ Mit dem Release ist eine umfassende Tour geplant. Sie freut sich, weiß aber auch: „Ich muss sehr vorsichtig sein, nicht in derselben Position zu landen wie letztes Mal.“

Spotify Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Spotify
Um mit Inhalten aus Sozialen Netzwerken zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Dieser Text erschien zuerst in der Musikexpress-Ausgabe 06/2023. Hier bestellen.