Naked Lunch


Naked Lunch lernen neuerdings den „offenen Blick'. Von Frieden und Seligkeit singt die Band deshalb aber noch lange nicht.

Oliver Welter, derSongwriter und Sängervon Naked Lunch, wird mit allergrößter Wahrscheinlichkeit niemals an einer Platte beteiligt sein, die von Vöglein und Weltfrieden handelt. Dafür ist der reflektierte Künstler schlicht zu schlau. Und dennoch ist this atom heart of ours, das aktuelle und insgesamt sechste Naked-Lunch-Album, wesentlich wärmer, organischer und positiver geraten als noch der Vorgänger.“.Ja, hoffnungsvoller geht es wirklich nicht“, bemerkt Welter grinsend.“.Damals ging es uns um Verlorenheit und Verzweiflung „Jasst erdas letzte Album songs for the exhausted, das 2004 nach einer Pause von fünf Jahren erschien, in zweitreffenden Begriffen zusammen. ,.£s war, als würde man von außen in ein Fenster in einem Mietshaus schauen, in dem ein einsamer Mensch sitzt, der im Begriff ist, jeden Moment aus dem Fenster zu springen. Jetzt, bei der neuen Platte, hat sich der Blick geöffnet, man kann in das ganze Haus hineinsehen und sieht viele Parzellen gleichzeitig, in denen sich viele Schicksale abspielen. Und manche davon sind auch glücklich und hoffnungsvoll.“

Dieser offene Blick, der sich auch im Arbeitstitel der neuen Platte, „We Climb And WeClimb , niederschlug, hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Bandmitglieder im Laufe des letzten Jahres einige positive Dinge erfahren haben. Welter ist beispielsweise Vater geworden, außerdem hat sich die Band mit ihrem eigenen Studio eine gleichermaßen professionelle wie angenehme Arbeitsatmosphäre geschaffen. Und sie kann leben von der Musik das ist etwas, wovon immer schon ein Großteil aller musikalisch Aktiven träumt, zumal heute, da die Zeiten für die vielen, die es nicht in die internationale Champions League schaffen, hart sind wie lange nicht mehr.

Und obwohl das alles doch schon und erfreulich ist für die 1990 in Klagenfurt gegründete Band, die sich während ihrer Karriere immer wieder gegen Trends, Konjunkturen und Widerstände aller Art behaupten musste und 2000 nach einem Flopalbum und dem Verlust des Majorvertrags kurz vor dem Ruin stand, weigert sich Oliver Welter zu sagen, er sei irgendwo „angekommen“. Vielleicht ist das Vorsicht aufgrund negativer Erfahrungen, vielleicht auch einfach eine Grundstimmung…W/r hoben eine gufeSas/serre/cht“, erklärter nüchtern.. .Aberauf der Suche ist man doch immer. Meine größte Angst ist die vor der Bewegungslosigkeit. Wenn man sich zu sehr ins Familiäre, ins Private zurückzieht, läuft man Gefahr, seine Diskursfähigkeit aufs Spiel zu setzen.“

Und so bleiben Naked Lunch nachdenklich, politisch, kritisch, zuweilen auch verzweifelt was gerade durch den hoffnungsvollen, versöhnlichen Unterton ein ganz neues Gleichgewicht ins Werk der Band bringt. Denn auch wenn in einer Parzelle eine glückliche Familie wohnen mag:“.Der potenzielle Selbstmörder steht noch immer am offenen Fenster. Den gibt es auch noch. “ Diese Kontraste stehen der Band ausgezeichnet. Und Welters Angst vor der Stagnation ist völlig unbegründet. Da bewegt sich einiges, gerade durch die klarer formulierten Gegenpole.

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