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Hotlist 2026: Die besten Newcomer:innen des neuen Jahres

Wie wird 2026 klingen, wer sind die Acts, auf die man Auge machen sollte? Die Glaskugel ist frisch poliert, schaut rein!

Wie jedes Jahr werfen wir einen Blick in die Zukunft. Wer sind die spannendsten neuen Künstler:innen für 2026? Welche Themen sind wichtig für ihre Musik? Wie finden sie Leichtigkeit in der Schwere des Alltags? Was braucht es, um in diesem Jahr ein It-Girl zu sein? Wer ist die aufregendste Gitarrenband Europas? Wie kann man Retro neu denken? Und wer ist die neue Adele für die Gen Z? Antworten darauf und die Newcomer:innen, die 2026 prägen werden, gibt es hier.

Oklou

Softe Clubträume gegen die Härte der Zeit

Wie klingt Pop in 2026? Wenn es nach der Französin Oklou geht: weich, humble, selbstbewusst.

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„Riech mal an mir“ – eine Aufforderung, die ich bei einem Interview bislang noch nie gehört habe. Aber Oklou, bürgerlich Marylou Vanina Mayniel aus Poitiers in Frankreich, hat auf dem Weg zum Interviewtermin in einem Berliner Plattenladen ihr Setting-Spray fürs Make-up mit einem Herrenparfüm verwechselt. Da ergibt es sich von selbst, dass wir nach zwei Minuten Gespräch schon aneinander riechen. Irgendwie wirkt es auch wie ein passendes Symbol für die Intimität, die sie mit ihrer Musik als Oklou schafft – und die sie und ihr Debütalbum CHOKE ENOUGH von der Elektropop-Undergroundkünstlerin an die Spitze vieler Auskenner:innen-Jahresendlisten befördert hat. Oklou ist aktuell nicht einfach nur the hot new thing – sie steht in Flammen. Und bleibt dabei komplett cool.

„Mein Job ist es, Musik zu machen. Das ist er schon eine Weile, und das ist einfach schon normal“, sagt sie dazu herrlich lakonisch. „Die tollen Bewertungen, die ausverkauften Shows, die besser bezahlten Anfragen, die Kooperationen – ich versuche, Abstand davon zu halten. Es ist wichtig für die Menschen um mich herum, und ich will, dass es weiter anhält, damit ich alle weiter gut und noch besser bezahlen kann. Aber mein Job bleibt die Musik.“ Das kann man natürlich kokett finden, aber in ihrem Gesicht findet sich keine gespielte Demut, das ist echt. So gut wie ihr ganzes Leben macht sie nun schon Musik, begann als Kind mit Klavier und Cello im Konservatorium, sang in Chören. Seit 2013 veröffentlicht sie gegenwärtige Musik, meistens im Internet, manchmal auf Kassetten, war Mitte der Zehnerjahre Mitglied feministischer DJ-Kollektive in Paris und eines der Nachwuchstalente, das mit der stilprägenden Red Bull Music Academy um die Welt reiste – 2016 lernte sie darüber ihren heute engen Freund und Co-Produzenten Casey MQ kennen. Der plötzliche, wie über Nacht eingetretene Erfolg von Oklou (ausgesprochen übrigens „ok, lou“) hat also eine lange Vorgeschichte. Vielleicht hilft das, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren, wenn plötzlich alles abhebt.

Aber es ist auch ihre Musik, die etwas völlig Ätherisches hat, kaum festzuhalten, irgendwie gespenstisch, aber nicht unfreundlich. Wie eine glückliche Erinnerung an vergangene Euphorie. „Kürzlich hat jemand meine Musik ‚soft club‘ genannt. Mich interessiert der Club gar nicht so sehr, aber das ‚softe‘ daran, die Weichheit. Als wäre es eine Erinnerung.“ Es ist in jedem Sinne ein Post-Clubsound, die logische Fortsetzung des französischen Clubsounds, der die frühen Nullerjahre bestimmte. Statt voll auf die Zwölf zu gehen, ist bei Oklou nur noch der Hauch einer Erinnerung übrig; man hat den Club verlassen, das Gefühl hallt aber noch nach. Und wie viele der Vorbilder singt sie auf Englisch statt Französisch. Für sie war das ganz logisch – bei ihren ersten Songs habe sie Frank Ocean nachgeahmt, Grimes, The xx. Es wäre seltsam gewesen, auf Französisch weiterzumachen. „Und dann ist die eigene Muttersprache auch mit so viel Bedeutung aufgeladen“, meint sie, „auf Englisch kann ich freier sein, es ist mir egaler, ob es jetzt gut oder schlecht klingt.“

Stilistisch völlig anders, erinnert sie von der Ästhetik und dem Gefühl, das ihre Musik vermittelt, an Burial. Allerdings ohne die Wut und Trauer, die Burials ersten Alben zugrunde liegen. Oklou fühlt sich nicht an wie ein Nachtbus voller Fremder, sondern wie eine Afterhour im Park, ganz früh am Morgen, wenn der Tau noch im Gras liegt und man selbst in den Armen seiner besten Freund:innen. Und sie gehört damit einer Soundästhetik und Haltung an, die im vergangenen Jahr immer mehr zu hören war; man denkt an Saya Gray, an Smerz, an den entrückten Sound von Dry Cleaning, an den Afterhour-Glow von FKA Twigs‘ beiden EUSEXUA-Alben.

Und dieses Gefühl kommt an. Mitte Dezember 2025 im Berliner Huxleys konkurriert sie mit Kraftwerk und Radiohead am gleichen Abend, aber niemand im Publikum wirkt so, als ob er, sie oder they gerne woanders wäre. Im Gegenteil: Das vornehmlich junge, tendenziell eher queere Publikum weiß ganz genau, warum es hier ist. Oklous Bühnenshow ist dabei so reduziert wie ihre Musik auf CHOKE ENOUGH selbst: ein weißer wehender Vorhang im Hintergrund, ein Kollege steht mit ihr auf der Bühne an der Elektronik und Instrumenten, auch sie selbst spielt Gitarre und Keyboard. Meistens läuft sie aber wie auf einem weißen Tisch entlang, am Ende der Show bindet sie sich für einen ihrer Hits, „Harvest Sky“, eine Art Kapuze um, die ihren Kopf in eine kleine Discokugel verwandelt. Die rund 1600 Menschen im Publikum brauchen nicht mehr, um völlig begeistert zu eskalieren.

Und sie sind nicht die einzigen Begeisterten: Für die Deluxe-Version ihres Albums hat sie im Herbst einen Song gemeinsam mit FKA Twigs, der Pionierin des Post-Club-Sounds des letzten Jahrzehnts, aufgenommen. Für eine Newcomerin ein ganz schönes Statement. Aber Oklou bleibt humble. Das verdanke sie alles ihrem Team. Dem Team dankt sie auch bei ihrer Show. Das alles ist für sie nicht nur Egoshow, sondern Teamsport. Nicht nur ihr Mitmusiker kriegt ein Shoutout, sondern jede einzelne Person, die beteiligt ist – bis hin zur Babysitterin, die sich hinter der Bühne um ihre Tochter kümmert. Im Mai erst ist sie zum ersten Mal Mutter geworden, jetzt ist sie mit Partner und Kind auf Tour. „Wir waren im Herbst in den USA auf Tour, und ich habe noch gestillt“, erinnert sie sich, „am Ende stand ich kurz vor einem kleinen Burnout. Diesmal sind wir mit dem Tourbus unterwegs und haben eine Nanny.“ Was auch schon eine fast übermenschliche Leistung ist, aber Oklou lächelt, als stehe sie, gleich ihrem ätherischen Sound, über den Dingen.

Ab Januar will sie dann wieder ins Studio. Sie freut sich darauf, wieder am Keyboard herumzuexperimentieren. Oklou wirkt mit ihrer Hingabe zur Musik, mit ihrer Weigerung, als Influencerin zu agieren, einerseits wie aus der Zeit gefallen. Gleichzeitig schafft sie einen Sound, der irre gegenwärtig ist, der der Härte der Zeit mit Weichheit begegnet, mit Utopie und Leichtigkeit. Ein gutes Omen für das kommende Musikjahr!

Text: Aida Baghernejad

Woher: Paris
Für Fans von: Grimes (vor Elon), FKA Twigs, Burial (ohne Kapitalismuskritik)
Anspieltipp: „Harvest Sky“
Neue Musik: in Arbeit
Live: erst mal nur USA und Australien, aber der Festivalsommer ist nicht weit!