Nicht jeder hätte den Mut, bei einem Open Air vor 25.000 Leuten im Vorprogramm von Oasis aufzutreten. Richard Ashcroft schon. Er brennt ja schließlich auch.


Für die Stadt Manchester im Nordwesten Englands geht an diesem 15.September ein anstrengendes Wochenende langsam zu Ende. Zwei ihrer größten Söhne, die Brüder Gallagher, sind zum Heimspiel angetreten, haben den ehrwürdigen Lancashire County Cricket Club zweimal ausverkauft. Als Edel-Support von Oasis ist jetzt Richard Ashcroft angekündigt, ebenfalls ein Sprössling der Region. Auf die Bühne ergießen sich Musiker. Als Letzter schlendert Ashcroft in schwarzer kurzer Jacke, Jeans und Sonnenbrille Richtung Mikrofon. Auf den großen Leinwänden ist noch Bildstörung, Ashcrofts Gesicht wischt ein paar Mal unscharf vorbei, dann steht es klar und riesig vor den 25.000 Zuschauern, und kurz wird die Luft über dem Cricket Ground knapp – alle halten ehrfürchtig den Atem an. Er ist ein verdammter Rockstar. Wie Ashcroft jetzt die akustische Gitarre anschnallt und die Zigarette wegschnippst, sich zum ersten Mal zur Menge umdreht, als würde er an die Supermarktkasse gehen, das ist kein Auftritt, das ist Sex. Er zupft die ersten Akkorde, die Arme der 25.000 schnellen in die Höhe wie von einem Fleischmagneten angezogen. Richard Ashcroft hält den Kopf schief, schaut in den Himmel und fängt an zu singen. „Sonnet“ von The Verves „Urban Hymns“ als Opener, keine Überraschung für Fans, und doch ein Statement des ehemaligen Frontman. Ein Blick auf die Vergangenheit mit offenen Augen und. wie man annehmen darf, mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein, spricht er doch von „Urban Hymns“ gerne als seiner ersten Soloplatte.

Ashcroft hat ein kleines Orchester im Rücken, sieben Musiker, von denen besonders Saxophon und Cello großartig stützen, was sein Brit-Bariton ins Rund des Cricket Club knödelt. „This is a beautiful day“, ruft Ashcroft und stimmt „Lord I’ve Been Trying“ von der neuen Platte „Human Conditions“ an. Der Prototyp einer Vervecroft-Hymne: Lang, traurig, gemacht für einen Herbstabend unter freiem Himmel. Die meisten hören das Lied heute zum ersten Mal und lassen die Hände gleich oben. Auf den Videoleinwänden tanzt Ashcrofts Adamsapfel, und am Ende des Songs fangen die Kameras eine dralle Blondine ein, die ihm verzückt ihre blanken Brüste entgegenstreckt. Er zieht seine Jacke aus, singt weiter neue Lieder, und alle füllen die Ohren mit schönem Bombast. Zwischendrin muss der Meister noch die Hittroika aus Verve-Zeiten aufarbeiten: Die Scheinwerfer beleuchten ihn bei „Lucky Man“ so perfekt dramatisch, dass er aussieht wie im großartigen Video zu diesem Song – ein begeisterter Aufschrei im Publikum, Pawlow macht eben auch vor der MTV-Generation nicht Halt. Bei „The Drugs Dont Work“ zündet er die erste Bühnenzigarette, und selbst straighte Oasis-Fans müssen ihre Hand dabei beobachten, wie sie ein Feuerzeug gen Himmel reckt. Zwischen die alten Hits platzt ein neuer: Für „Buy It In Bottles“ bekommt Richard Ashcroft einmal mehr den goldenen Songwnter-Orden. Ohne Band! Die Konzentration und Sorgfalt, mit der er komponiert, machen aus Stücken wie diesem oder „Check The Meaning“ goldene Kugeln, die er gelassen in die Menge rollen lässt. „Hes on fucking fire“, sagt ein Mädchen, den Blick auf die Leinwand gerichtet, die minutenlang nur dieses große Gesicht zeigt. Ashcroft hat die Sonnenbrille abgenommen, die Augen beim Singen geschlossen. Es ist kalt geworden in Manchester, aber auf der Bühne ist ein Mann on fire.

Der Gig neigt sich dem Ende zu. Als letztes „Bittersweet Symphony“, die Ashcroft nie mehr in jener Fassung spielen wollte, in der sie dereinst dem Verve-Ruhm ein sicheres Fundament war. Heute kommt sie aus einer Groove-Kiste, das Saxophon gibt trunken Vollgas, die Streicher müssen in der Ecke bleiben. Zehn Minuten dauert der Flug des dicken Schwans, dann läutet eine gewaltige Kakophonie das Ende ein. Orgastisch mischen sich die Instrumente mit dem aufbrandenden Jubel. Der große Popkreisel dreht sich witd. Die Erste, die nachgibt, ist eine Saite an Ashcrofts Gitarre sie reißt. Reißt Ashcroft auf die Knie, die Leute von ihren Plätzen. Der Schwan setzt zur Landung an, Ashcroft haucht ein letztes „Thank you“, setzt die Sonnenbrille wieder auf und geht. Und 25.000 Leute müssen sich gegenseitig versichern, dass Oasis ja bestimmt auch gut werden.

www.richardashcroft.co.uk