Konzertbericht

„Besser als die Beatles“: Superfan Oliver Polak war für uns beim Tourabschlusskonzert von Motorpsycho

Ein verschneiter Tag im Dezember. 15 Uhr und draußen ist es schon wieder dunkel. Ich bin müde vom Jahr, kuschel mich in die weiche Hotelbettwäsche ein, im Hintergrund über den iPhone-Lautsprecher erklingt das Kjetil Mulelid Trio mit „Fly, Fly“. Gestern Abend bin ich gelandet. Berlin – Oslo, Oslo – Trondheim. Es ist mein zehntes Konzert dieser Band in diesem Jahr und mein 98. in 24 Jahren. Für mich das erste in der Heimat der Band, an dem Ort, an dem die Musik komponiert wurde, die mich mein Leben lang begleitet hat: Motorpsycho.

Ich bin ein wenig unruhig, da ich die Band vor der Show treffen werde, um Fotos für diese Geschichte zu machen. Obwohl wir uns jetzt schon mehrfach begegnet sind, bin ich immer wieder krass nervös. Es gibt nichts in der Welt, was mich nervöser macht. Falls du dich auch in diese Band verlieben solltest, ist es das Beste, was dir passieren kann. Denn dann benötigst du keine weitere Band in deinem Leben, denn Motorpsycho sind quasi alle deine Lieblingsbands in einer Band. Besser als die Beatles.

Motorpsychos Effektbrett

Gegründet 1989 in Trondheim, Norwegen. Die wichtigste norwegische und vielleicht kompromissloseste Band in der Rockgeschichte. Immer wenn du denkst, du weißt, wie es weitergeht, liegst du bei ihnen falsch: Sie haben vierzigminütige Stücke, zuckersüße kurze Popsongs, spielen Jazz, Metal, Country und Rock, immer wieder Rock. Motorpsycho sind seit 27 Jahren mit 20 Alben unstoppbar. Immer wieder überdenken, neu denken, niemals Stillstand. Ihre Prämisse: „Lasst uns dort hingehen, wo wir noch nie waren. Lasst uns von dem wegbewegen, was wir schon wissen.“

„Motorpsycho live, das ist das Gefühl, einen Sturm mitzuer­leben, ein Erdbeben, bei dem am Ende dein Magen vibriert und deine Hosenbeine wehen.“

Ich starre auf den Schnee auf der Fensterbank des Hotelzimmers, das Licht der Weihnachtsdekorationen der Geschäfte der norwegischen Stadt strahlt in mein Hotelzimmer und ich denke an die Motorpsycho-Konzerte im Herbst 2017, denen ich beiwohnte. Amsterdam, London, Frankfurt, Biel, Köln, Berlin und Hannover. Keines war kürzer als 150 Minuten, keine Setlist wie die am Abend vorher.

Eine Enttäuschung ist immer das Ende einer Täuschung

Auch an mein Jahr muss ich denken, viele Trennungen, beruflich, privat und in der Liebe. Alles, was wirklich geblieben ist, ist mal wieder Motorpsycho. Sie haben mich nie enttäuscht. Eine Enttäuschung ist immer das Ende einer Täuschung. Motorpsycho dagegen sind immer echt, frei von Ironie, frei von angetäuschter Gebrochenheit, frei von maskulinem Rockstarposen. Ihre Lieder sind Riffmonster, die wie auf einen Felsen zu galoppieren und an ihm zerschellen und in sanfte Melodienfetzen zersplittern. Hymnen. Das ist ihre Rolle in der modernen Musikwelt, lange Lieder spielen, Big Shit, in dem sich Leute drin verstecken können. Etwas Beständiges.

Es ist ihre Intensität, ihre Unberechenbarkeit, analoge Verstärker-Armeen, Moog-Fußpedalbasswände, das Leise, wie es gespielt ist, ihre Kompositionen, für jeden Song eine andere Gitarrenstimmung, Live das Gefühl, einen Sturm mitzuerleben, ein Erdbeben, bei dem am Ende dein Magen vibriert und deine Hosenbeine wehen, die Verliebtheit im Zusammenspiel und am Ende ist es einfach ihre Musik, so wie sie ist. Motorpsycho ist pur.

Es ist kurz vor 17 Uhr, ich ziehe mir meine Jogginghose, meinen Schal, meine Jacke und meine Wollmütze an. Ein Blick in den Spiegel und dann los. Das Venue „Byscenen“ liegt auf der anderen Straßenseite gegenüber meines Hotels. Während ich die Treppen zum Venue im ersten Stock hochsteige, höre ich schon die Basswände vom Soundcheck.

Ich öffne die Tür zum Konzertsaal, der einer Kathedrale ähnelt. Hohe Decken und ein Rang. Außer dem Mischer und der Band, die „Mountain“ von ihrem 1993er Meilensteinalbum DEMON BOX spielt, bin ich alleine im Raum. Ich setze mich genau in die Mitte auf den Fußboden und lausche dem Soundcheck. Ich sitze auf dem Parkett, mit dem ich verschmelzen möchte. Ich will gerade an keinem anderen Ort auf der Erde sein. Das Glück des Augenblicks.

Oliver Polak beim Soundcheck von Motorpsycho in Trondheim

Nach dem Soundcheck begrüßen wir uns. Bassist Bent Saether, der neue sehr junge und wortkarge Schlagzeuger Tomas Järmyr und der Gitarrist Hans Magnus Ryan in seinem blauen Strickpullover. Wir sprechen kurz über die vergangene Tour, über meinen Hund. Die Band erzählt glücklich, dass ihr aktuelles Album THE TOWER unter die Top-Alben des Jahres von BBC Radio gewählt wurde und der Song „Intreprid Explorer“ unter den Top-100-Songs des Jahres beim „Guardian“ gelandet ist.

Auf die Frage, was im nächsten Jahr ansteht, kommt die übliche Antwort, die mir trotzdem einen Glücksstoß verpasst: ein neues Album. Motorpsycho sind herzlich und zurückhaltend, das, was sie wirklich sagen wollen, können wir in ihrer Musik hören. Wir verabschieden uns, und die Band lädt mich ein, nach der Show mit ihnen in ihren Proberaum im Hippiestadtteil Svartlamon zu kommen, wo sie das Tour-Ende mit Freunden und Crew begießen wollen. Ich bin eggscrambled in the head.

„Es sind anderthalb Stunden vergangen und gerade mal vier Lieder geschafft.“

Ich gehe runter ins „Almas“, das Restaurant unter dem Venue, wo ich schnell ein Philly-Steak-Sandwich und Parmesan-French-Fries reinschlinge. Dann wieder schnell hoch, um mir direkt vor der Bühne einen Platz zu sichern. Denn da ist mein Platz, ganz vorne in der Mitte zwischen den Sunn- und Hi-Watt-Gitarrenverstärkern, den Marshallboxen, den Moog-Bass-Pedalen, dem Fender Rhodes, dem Moog-Mellotron.

Um 21 Uhr 40 betreten Motorpsycho und ihr neuer Live-Mitmusiker Kristoffer Lo die Bühne und beginnen mit dem 45-minütigen „Un chien de Space“, einem ursprünglich 13-minütigen Song vom 1997er Album ANGELS AND DEMONS AT PLAY, der über die Jahre live gewachsen ist. Er ist zum großen Teil instrumental und handelt vom ersten Hund im Weltall: Laika. Dieser Song stellt mich immer wieder auf die Probe, sehr lang, sehr intensiv und manchmal auch anstrengend. Man hat das Gefühl, mit dem Hund durchs All zu schweben, wo man irgendwann an Überhitzung und Stress stirbt und von Motorpsycho zu Grabe getragen wird.

Motorpsycho spielen Lieder, die uns davon abhalten sollen, die Welt zu zerstören

Nach dem ersten Song steigen Motorpsycho in drei neue Lieder von THE TOWER ein. „Pacific Sonata“, „The Cuckoo“ und „Ship Of Fools“. Jeder Song ist zwischen zehn und 15 Minuten lang. Es sind anderthalb Stunden vergangen und gerade mal vier Lieder geschafft. Die Band gibt jedem Album auf der Bühne genau den Raum, den es benötigt. Ob 45 Minuten Konzeptalbum oder 70-minütiger Rock-Brocken. THE TOWER übersteigt mit seinen 100 Minuten Spielzeit und den teilweise 15-minütigen Songs jegliche Vorstellungskraft davon, was Musik anrichten kann.

Das Album richtet sich gegen die Welt und ist gleichzeitig der vielleicht einzige Weg, die Welt zu ertragen. Auf dem Cover sieht man den Turm von Babel. Motorpsycho als Gott? Der auf die Menschen, die auf den falschen Tracks sind, auf die Erdogans, die Trumps, die Nimrods, blickt. Sie senden uns eine Musikverirrung, zehn Lieder, jedes Lied wie ein Buch von Nabokov, ein Buch von Tolstoi, ihre Songs sind keine Kurzgeschichten, es sind Romane. Lieder, die uns davon abhalten sollen, die Welt zu zerstören.

Motorpsycho live

Motorpsycho sind nicht mehr jung, blue-eyed, nicht mehr so romantisch. Das ist vielleicht ihr erwachsenstes Album. Es hat textlich eine neue, für Motorpsycho unübliche Ansprache, es geht darum, wer wir sind und wer wir sein wollen, wie diese Welt sich verändert. Ein Plädoyer, beherzt, furchtlos, mutig, tapfer und kühn durch die Welt zu gehen.

Rockriffs, Beatles-Mellotrone, Basswalzen, Engelsgesänge, Beach-Boys-Momente, psychedelische Gitarrenwände, Glockenspiele, Schlagzeuggewitter, Stille. Und trotzdem hat man das Gefühl, dass Motorpsycho noch nicht fertig sind, da ist noch viel drin in ihrem Ding. Der musikalische Gegenentwurf zur schnelllebigen Welt. Sie machen genau das Gegenteil dessen, was sie immer schon gemacht haben, und jetzt irgendwie noch mehr.

„Ich drehe mich um und blicke in hundert leuchtende Gesichter, die diese Zeilen mitsingen, mitgrölen und die genau das spiegeln, was Motorpsycho in diesem Moment besingen.“

Ich stehe wie verwurzelt vor der Band, ich bin in der Musik gefangen, starre apathisch auf die Bühne und versuche irgendwohin zu schauen, wo mich ihre Blicke nicht treffen. Nach „Taifun“, das sich vom zarten, weichen Lied in einen Orkan verwandelt, steigt die Band in ein 20-minütiges akustisches Set ein. Premiere auf dem letzten Konzert der Tour mit sechs live bisher ungespielten Liedern. Mit Akustikgitarren spielen sie fünf Eigenkompositionen und „Spin, Spin, Spin“, ein Cover von Terry Callier – wie so oft in alter Motorpsycho-Tradition: besser als das Original.

Obwohl ich mich in einem Konzert-Venue befinde, spüre ich die Dunkelheit dieser Gegend, dieser Band, mehr als je zuvor. Es ist mittlerweile fast Mitternacht, aber es fühlt sich an, wie ganz tief in der Nacht, ganz tief in der dunklen norwegischen Seele. Der große schwarze Hund, den Motorpsycho bereits besangen, er legt sich auf mich.

Nach dem Akustik-Set wecken Motorpsycho die etwa 1000 Leute im Publikum mit „ASFE“, einem Rocker in Black-Sabbath-Tradition, wieder auf. Sie singen „There’s a song for everyone, there’s a singer for every song“. Dann das fluffige „Go To California“: „There is no tomorrow, there is only now and when you think about it so much left to do“. Ich drehe mich um und blicke in hundert leuchtende Gesichter, die diese Zeilen mitsingen, mitgrölen und die genau das spiegeln, was Motorpsycho in diesem Moment besingen.

Nach drei Stunden spielt die Band als Zugabe „The Tower“, das Titelstück des Albums: melodiöser als die Beatles, rockiger als Queens Of The Stone Age, brachialer als Black Sabbath und vor allem immer besser als ihr eigenes letztes Album. Das letzte Stück des Konzerts ist das akustische „Feel“ vom 1995er Album TIMOTHYS MONSTER.

„It feels so good to feel again“

Am Ende, nach drei Stunden und 15 Minuten, singt der ganze Saal sanft: „It feels so good to feel again“. Es ist fast 1 Uhr, und auch wenn ich gerne noch mit der Band angestoßen hätte, schlendere ich alleine zurück zum Hotel, denn mein Flug zurück nach Berlin geht schon sehr früh.

„It feels so good to feel again.“ Ich liege wieder im Hotelbett und starre auf die Fensterbank, den Schnee, die Weihnachtslichter. Seit 24 Jahren, immer wieder. Eine Träne rollt aus meinem Auge auf das norwegische weiße Bettlaken. Warum? Warum kehre ich immer wieder an diesen Ort zurück, zurück zu Motorpsycho? Weil ich mich hier fühle. Immer wieder.

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