Onkel Toms Hölle – Tom Waits


ist Amerikaner. Aber was für einer! Seine Welt ist weit entfernt von Swimming-Pools und Cadillacs. Waits widmet sich den Wracks der Wohlstandsgesellschaft der Müllmann des amerikanischen Traums. Harald InHülsen traf ihn.

„Wenn du ihn je triffst, den Nachtschwärmer, wie er im Flur über die Marmorfliesen schleicht, auf leisen Sohlen wie ein stolzer schwarzer Panther, dann wirst du zugeben: Ich habe nicht zuviel versprochen.“

Als Mick Jagger vor 16 Jahren in „Midnight Rambler“ das Charakterbild eines Nachtschwärmers entwarf, konnte er zweierlei nicht wissen: Daß es weitaus später einen Mann geben würde, der diesem Bild exakt entspricht – und daß sein Gegenüber bei den Stones, Country-Blues-Liebhaber Keith Richards, 16 Jahre später mit eben diesem Mann ins Studio gehen würde.

Die Rede ist von Tom Waits, dem einzig wahren „Midnight Rambler“, den es unter Gottes einsamer Sonne gibt. RAIN DOGS heißt sein jüngstes Album, auf dem Richards mit seiner Country-gefärbten Gitarre ein Gastspiel gibt.

In jenen Tagen, als die Stones ihr „Midnight Rambler“ (1969) veröffentlichten, übte Waits noch den schlichten Beruf eines amerikanischen Feuerwehrmannes aus, irgendwo im Grenzgebiet zwischen Mexiko und Kalifornien. „Die meisten Feuer brachen auf der anderen Seite der Grenze aus, in TOM WAITS Mexiko. Und wir durften sie nicht löschen, da wir nun mal in Kalifornien waren. Ganz schön frustrierend. „

Waits studierte die Schriften des Poeten Ogden Nash und hörte den jazzigen Blues von Mose Allison. Er entschied sich, das Leben eines observierenden Underdogs zu führen: Als weißer, urbaner Rock’n’Roll-Poet beobachtet und durchstreift Waits sowohl im Leben als auch in seinen Songs die schmutzigen Seiten von Los Angeles – so, wie es zuvor der Vertreter der Beat Generation, Jack Kerouac. in der Literatur getan hatte und es Tim Buckley auf seinem unvergessenen Album GREETINGS FROM L.A. tut.

Waits, der als menschliches Wrack in die populäre Musikgeschichte eingeht, mimt nicht nur den Versoffenen und Verrauchten – wie Dean Martin ist er es auch. Zumindest für einige Jahre. Mit Flasche und Zigarette schreibt er romantisierend über Prostituierte in zerfetzten Schuhen, über zusammengebrochene Männer, die einsam dahinvegetieren, über Tagelöhner, die für nichts anderes arbeiten als den Bourbon, den sie als Frühstück verzehren. Doch Waits steht über dem Vulkan, er versäuft nicht seinen Verstand (wie ein Bukowski oder Malcolm Lowry), sondern lernt, Klippen und Strudel des Alkohols zu meiden.

Seine Songs, wie Kurzfilme inszeniert, arbeiten hauptsächlich mit Bar-Room-Piano-Passagen, jazzigen Saxophon-Linien und pulsierendem Stand-Baß. Seine poetischen Vorträge offenbaren eine Stimme, einen Gesang, der so wild, zerrissen und verwüstet ist, daß selbst Panzerglas in seine Bestandteile zerfällt.

Diese exzessive Eigenschaft hat leider dazu geführt, daß man die meisten Waits-Alben überproduzierte, um eben diese Eigenschaft zu kompensieren. Erst mit seiner neunten LP – SWORDFISHTROMBONES (1983) – konnte Waits durchsetzen, daß es der Künstler selbst ist, der sein Werk im Studio am besten beurteilen und umsetzen kann. Dieses geniale Album vereinigt Rhythm & Blues, Ragtime. Shuffle, Bebop, Polka, Folk, Jazz und den gesprochenen Song zu einem einzigartigen Höhepunkt der Selbstverschleuderung.

Tom Waits, der aussieht wie ein Charakter-Schauspieler, hat sich auch als Charakter ins Bild filmischer Dimensionen gesetzt – weil er Charakter hat (man kann es schließlich in seinem Gesicht sehen und in seiner Stimme hören). Kein anderer als der eigenwilligste unter den Hollywood-Regisseuren, Francis Coppola, ließ den Sänger in drei Filmproduktionen auftreten: in dem Rebel-Film „The Outsiders“ spielt Waits einen Barmann; in „Rumble Fish“ mimt er den Typ eines ehemaligen Hell’s Angels, der nun Billardhallen-Besitzer ist; und im Gangster-Musical „Cotton Club“ ist Waits in der Rolle des Managers Herman Stark hinter den Kulissen zu sehen. Eine weitere Coppola-Produktion, das wunderschöne Technicolor-Märchen „One From The Heart“ (mit Nastassja Kinski und Harry Dean Stanton), geht teilweise – was die Liebesaffäre betrifft – auf ein Skript zurück, das Waits geschrieben hat.

Durch die Arbeit mit Coppola lernt Waits ein wenig Disziplin – er benutzt einen Rasierapparat, steckt sich in einen Anzug mit Krawatte und steht vormittags auf. Und noch etwas Entscheidendes im Leben des Herrn Waits hat mit Coppola zu tun: Waits heiratet

Kathleen Brennan, die in Coppolas „Zoetrope Studios“ als Skriptschreiberin gearbeitet hat und der Waits seine letzten beiden Alben widmet; auf RAIN DOGS hat er mit ihr zusammen den Song „Hang Down Your Head“ geschrieben.

RAIN DOGS ist das erste Album, das sich direkt auf die Atmosphäre der neuen Heimat bezieht, in die sich Waits vor einigen Jahren begeben hat: New York. „Rain Dogs“, das sind Leute, die in Türeingängen schlafen; „Rain Dogs“, das ist all der Dreck, der auf den Straßen liegt, das ist der raucherfüllte Asphalt im Großstadtdschungel, wie man ihn in Martin Scorseses Filmdrama „Taxi Driver“ sehen konnte. Waits sagt, daß sein RAIN DOGS vom Monolog des Taxi Drivers Robert De Niro alias Travis inspiriert wurde. Travis sagt: „Gott möge uns einen Regen schicken, der den ganzen Müll und Abfall von den Straßen wegwaschen wird.“

Mit einem anderen New Yorker, dem Lounge Lizards-Saxophonisten John Lurie, läuft Waits derzeit durch die feuchten Sümpfe einer winterlichen Louisiana-Landschaft. In der neuen Produktion von Jim Jarmusch („Stranger Than Paradise“), die den Titel „Down By The Law“ trägt, werden ein italienischer Tourist, ein arbeitsloser Discjockey und ein Zuhälter zusammen in ein Gefängnis geworfen, aus dem sie fliehen und durch die Sümpfe rennen. Ein Gefängnis-Film.

Als ich Waits zum Interview treffe, trägt er auf seinem Kopf den guten alten 40er-Jahre-Burberry und verrottete Kuba-Stiefel. Diese Stiefel! Sie sind natürlich schwarz und scheinen vom Staub mexikanischer Sierra-Lava bedeckt. Waits wirkt bescheiden, schüchtern, nett. Seine Haut ist grau, er ist sympathisch scheu. Obwohl er auf der Bühne und auf PR-Fotos pathetische Gesten und Posen liebt, wirkt er als Person bescheiden, unsicher und menschlich. Waits spricht mit tiefer Stimme.

Du arbeitest sowohl im Medium Film als auch im Medium Musik. Welche Verbindung gibt es da für dich?

„Ich weiß nicht. Ich vermute, daß Filme mehr Leute mobilisieren. Also ist auch die ganze Maschinerie dahinter viel komplizierter und bemerkenswerter! Trotzdem hat Film noch viel mit Illusion zu tun, und in diesem Punkt ähneln sich Musik und Film.

Meine Erfahrungen mit dem Medium Film sind sehr begrenzt. Ich habe bisher nur kleine Rollen gespielt, einen Soundtrack gemacht und einige Songs für Filme geschrieben. Außerdem habe ich gerade erst begonnen, meine Alben selbst zu produzieren. Bisher bin ich doch nichts weiter als ein Untergrundarbeiter gewesen. Ich habe gerade erst angefangen, Tom Waits zu sein.“

Was ist denn herausfordernder sich ins Bild zu setzen oder Musik zu machen?

„Viel gefährlicher sind Tourneen für mich!“

Und was ist am Gefährlichsten, was fordert am meisten?

„Das Leben! Nein, ich weiß nicht. Wenn du jeden Abend auf der Bühne stehst, immer wieder dieselben Geschichten erzählen mußt, dann ist das auch eine Herausforderung. Es sei denn, du hast die Chance, deine Songs jeden Abend spannend zu interpretieren. Und dazu brauchst du natürlich eine gute Band!“

Nach welchen Gesichtspunkten suchst du die Musiker aus?

„Nun, das fordert eine Menge Geduld!“

Geduld mit sich selbst?

„Geduld mit den Leuten, die man sich ausgesucht hat. Und Geduld mit dir selbst! Wenn man ein Album macht, dann ist das eine komplexe Angelegenheit; jeder, der daran beteiligt ist, hat seine eigene Meinung. Man muß sich Leute aussuchen, mit denen man sich ergänzt. „

So hat sich Waits für RAIN DOGS Keith Richards eingeladen, weil dieser den Country-Blues ebenso liebt wie er.

Was interessiert Tom Waits noch, außer Musik und Film?

„Gartenarbeit und Hausarbeit!“

Was hat ihn dazu bewegt, mit Francis Coppola zu arbeiten?

„Er ist ein Mensch, der überzeugt!“

Phantasie und Illusion spielen in deinen Texten eine gewichtige Rolle. Die Themen aus der Unterwelt werden durch die romantisierenden Texte mit Glamour belegt. Kümmerst du dich eigentlich darum, wie deine Musik vom Publikum interpretiert wird?

„Was meinst du damit? Soll ich mich um mein Publikum kümmern? Natürlich tue ich das, zu Weihnachten schicke ich jedesmal zehn Dollar an die Heilsarmee.

Nun, es ist verdammt schwierig zu definieren, wer genau das Publikum ist. Ich schreibe über Sachen, die für mich wichtig sind. Wo ich mit meinen Augen und Ohren hingehe und wie ich diese Dinge wahrnehme, das ist wichtig. Was diese Erfahrungen für mich persönlich bedeuten, das ist entscheidend. Mehr kann ich nicht tun.“

Du bist vor einiger Zeit von Los Angeles nach New York gezogen. Was war der Grund?

„Mir geht es in New York einfach besser! Außerdem bekommt man hier bessere Schuhe.“

Du durchkreuzt in deinen Liedern ein exotisches Universum. Bist du selbst in diesen Regionen gewesen?

„Ich träume viel. Und meistens ist es ohnehin besser, wenn man diese Orte nur im Traum besucht. „