Popkolumne, Folge 99

GAGA, MAGA! – Paulas Popwoche im Überblick

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Heute scheint hier die Sonne auf den Bildschirm. Ihr erinnert euch: die Sonne, bekannt aus den Weltall-Dokus. Vielleicht ein gutes Zeichen, dass es wieder bergauf geht oder so, vielleicht aber auch einfach ein guter Grund, nachher mal wieder gut was Abzuspazieren. Sich die Welt nach Trump angucken. Sieht hierzulande wahrscheinlich aus wie gestern, aber gefühlt halt.

So war die Amtseinführung Joe Bidens

Ich habe keine Ahnung, ehrlich gesagt, ich habe, als der Livestream längst vorbei war, nur zu Lady Gaga und J.Lo vorgespult. Bestimmt ist alles gut verlaufen, Trump ist ja jetzt weg. Zum wichtigen Teil: Lady Gaga sang gewohnt anmutig die Nationalhymne in diesem unfassbaren, riesengroßen roten Rock, bereit, zur Königin gekrönt zu werden, J.Lo performte „This Land Is Your Land“ und „America, The Beautiful“ und sagte zwischendurch den spanischen Satz „Una nación bajo Dios, indivisible, con libertad y justicia para todos“, auf deutsch: „Eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für alle“, ein empowerndes Zeichen an die große hispanoamerikanische Community. Bei „Celebrating America“, einem begleitenden Livestream zur Amtseinführung traten außerdem noch Justin Timberlake, die Foo Fighters, Bruce Springsteen, John Legend, Katy Perry, Jon Bon Jovi und The Black Pumas auf.

Absolutes Highlight der ganzen Chose war meiner Meinung nach aber die unfassbare Reunion der New Radicals, die ihren 99er-Hit „You Get What You Give“ performten, ein Song der mir viel bedeutet, weil er geil ist. Und Biden und Harris bedeutet er wohl auch irgendwas. Ja, genau, wir sprechen hier über die New Radicals, die vor über 20 Jahren genau ein Album veröffentlicht haben und danach so schnell verschwunden sind wie die Sonne im Winter in einer Dachgeschosswohnung. Doch dieser Auftritt soll meine Sonne nun sein:

Wisst ihr, wen Trump damals bei seiner Amtseinführung hatte? 3 Doors Down.

Ich hasse Männer

Den besten Post zum Trump-Ende machte Veronica Ferres:

Man weiß gar nicht, was am besten ist. Ich picke mir jetzt mal raus, dass auf ihrem Tisch das Buch „Ich hasse Männer“ liegt. Zufällig das Buch, dass ich die Tage auch gelesen habe. Ich bin wie Veronica Ferres! „Ich hasse Männer“ ist immer eine gute Überschrift. Pauline Harmanges Essay hat es natürlich geschafft, damit zu provozieren und ich falle logischerweise auf sowas rein. Das Buch ist relativ basic. Ich weiß nicht, warum man aus dem überschaubaren Text ein Buch machen musste, aber ich gönne gern. Warum macht man überhaupt Bücher aus irgendwas und aus anderem nicht? Ja, da könnte man mal drüber nachdenken.

Harmange erklärt also kurz, warum Männerhass wichtig ist und warum er nicht das gleiche ist wie Frauenhass. Es ist nicht viel Platz für viele Erklärungen, eine große Analyse oder Verweise auf Vordenkerinnen, aber die machen eben andere, das ist die feministische Arbeitsteilung. Die Autorin macht mit ihrem Statement-Buch eher eine Aktualisierung nach „menaretrash“: Das gilt noch, vergesst es nicht. Männerhass bedeutet nach ihr, und ich unterschreibe das, aufzuhören, sich auf als männlich konstruierte Befindlichkeiten zu fokussieren, auf männliches Gefallen angewiesen zu sein, die Angst davor abzulegen, Männer zu verärgern und sich selbst aus ihrem Orbit zu nehmen. „Ich hasse Männer“ ist die Absage an Männer zugunsten einer heilsamen Schwesternschaft.

Kampagne der Woche: „ZeroCovid“

Maximalforderungen muss es auch bezüglich der Corona-Maßnahmen geben. Beziehungsweise hätte es sie schon lange geben müssen. Ein Bündnis von Aktivist:innen sah sich diese Rumschieberei und halbgaren Ansagen seitens der Politik nicht mehr länger an und rief die „ZeroCovid“-Kampagne ins Leben. Es ist ein Aufruf an die Bevölkerung, für einen solidarischen, europaweiten Shutdown einzutreten: einem wirtschaftlichen Lockdown, einem Mietenstopp, einer dezentralen Unterbringung von Schutzsuchenden, eine faire Verteilung von Impfstoffen und mehr. Hier könnt ihr alle Forderungen nachlesen und hier könnt ihr unterschreiben. Ihr könnt natürlich noch mehr tun und Ortsgruppen gründen, so wie es derzeit schon geschieht, eure Stadt plakatieren und die sozialen Medien nutzen, um der Sache Gehör zu schaffen. Klar gibt es wieder von allen Seiten Kritik, besonders wegen der Unrealisierbarkeit, aber noch vor einem Jahr hat man auch nicht gewusst, was alles realisierbar sein kann und außerdem geht es um Ziele, denen man sich annähern muss. Über die Umsetzung kann und muss man eh immer diskutieren.

Serienempfehlung: „Druck“

Ich habe seit ein paar Tagen wieder einen Fernseher. Und was gucke ich darauf? YouTube. Auf die Empfehlungen von Personen, die ich schätze, begann ich die Teenie-Webserie „Druck“ (Funk) zu suchten und war erstmal richtig sauer. Was war mit der Urteilskraft dieser Personen los? Ja, ist ganz nett, Gymnasiast:innen in Berlin und ihre Sorgen, Liebeskummer, ich versteh schon … Aber was daran so progressiv sein sollte, wie es diese Personen behaupteten, erschloss sich mir nicht. Die nichtweißen Personen hatten keine eigene Story, waren nur dabei, nur die blonden, dünnen erlebten und dachten was. Als in Staffel 2 dann eine toxische Beziehung romantisiert wurde, hatte ich die Faxen dicke und schon die Hassnachrichten angetippt.

Doch ich blieb dran, diese Personen konnten sich doch nicht so getäuscht … OMG, STAFFEL 3!!! Jetzt war alles vergessen. Ab Staffel 3 ist „Druck“ nur noch gut. Die Protagonist:innen sind divers, es geht um alle, alle haben eine Geschichte. Es geht um Coming-Outs, um die Zärtlichkeit von Freundschaften (auch von Jungs-Freundschaften, endlich!), die Vielfältigkeit von Sexualität und Gender, psychische Probleme, falsch liegende Eltern, Religionen und Rassismus. Dabei schafft es „Druck“ trotzdem nie zu pädagogisch zu werden, oder zu konstruiert „woke“, sondern ist immer noch sehr realistisch. Die Jugendlichen reden normal miteinander, sie sind auch mal scheiße, sie scheitern und reflektieren.

Das einzig etwas Unrealistische ist der Umgang mit Corona, das in der letzten und aktuellen Staffel auch thematisiert wird. Irgendwie gibt es trotzdem ständig Parties, alle besuchen sich ständig und tragen die Masken in der Kneipe unterm Kinn. Würde man sich tatsächlich so verhalten, müsste es im Freundeskreis längst positive Fälle hageln. Aber kommt vielleicht noch, es läuft gerade Staffel 6. Ein absolutes Plus und meine dieswöchige Musikempfehlung ist der Soundtrack, den es als Playlist gibt, mit allem, was grad geil ist. Was mich aber am meisten begeistert, ist die Musik, die Fatou und Ava vom aktuellen Cast machen und von der hoffentlich bald mehr kommt. Bisher habe ich nur einen Soundcloud-Link gefunden:

Meme der Woche

 „Sex and the City“ kommt endlich zurück, noch in diesem Jahr soll eine neue Staffel unter dem Titel „And just like that…“ gedreht werden. Kim Cattrall alias Samantha Jones ist nicht dabei, aber das Internet hat nach dem Meme-Tornado um den bei der Amtseinführung Bidens wartenden Bernie Sanders wieder geliefert und eine Lösung präsentiert:


„Celebrating America“: Die besten Performances aus dem Livestream zur Amtseinführung
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