Pearl Jam


ALS DER MANN DIE BUHNE BETRITT, GEHT EIN ERLEICHTERTES RAUNEN DURCH die Halle. Eine Stadt erwacht aus ihrem Schlaf. Sechs lange Jahre mußte Los Angeles auf diesen Moment warten. Nun also betritt Eddie Vedder die Bühne des Great Western Forum, wo die ortsansässigen Basketballer L.A. Lakers in der letzten Dekade große Triumphe feierten, in den vergangenen Jahren aber regelmäßig ihr Waterloo erleben mußten – ein Omen für die Publikumslieblinge von Pearl Jam? Im Vorfeld der langerwarteten „Yield“-Tour mußte die Band sich einmal mehr mit Personalsorgen am Drumkit plagen: Jack Irons, zuletzt noch als ruhender Pol gepriesen, der der Band die Mitte gab, ist aus nicht näher erläuterten gesundheitlichen Gründen ausgeschieden. Für ihn ist Ex-Soundgarden-Drummer Matt Cameron eingesprungen. Im Sommer 1998, nachdem das fünfte Album von Pearl Jam („Yield“) den Flop des Vorgängers wettgemacht hatte, erscheint eine geläuterte Band zum Live-Rapport. Das zurückhaltende „Sometimes“ vom „No Code“-Album eröffnet den Set. Bei den ersten Songs bewegen sich die fünf Protagonisten in etwa so viel wie die großen Kerzen, die im Bühnenhintergrund gemächlich vor sich hinlodern. Aber das ist den ca. 17.000 Fans, zwei Drittel von ihnen hemmungslos trunken von Wiedersehensfreude und Alkohol, völlig egal. Sie überschütten die ehedem erfolgreichste Band des Landes mit Verehrung. Was angesichts der lauen ersten halben Stunde beinahe einem Akt der Gnade gleichkommt. Sicher: Vedder und Co. bieten solide Arbeit, aber von der vielumjubelten Aura dieser Band, speziell ihrer scheuen Lichtgestalt Eddie, ist heute nicht viel zu spüren. Natürlich setzt es Hymnen à la „Alive“ und „Jeremy“, ohne die kein Pearl Jam-Konzert auskommt, hauptsächlich aber werden die Songs der aktuellen Scheibe dargeboten. Dann aber, zur vorgerückter Stunde, kommt doch noch Leben in die Bude. Vedder erklärt, wieso sie in diesem Sommer wieder in L.A. und speziell hier im „Forum“ spielen. Früher, als er noch im Süden der Stadt aufs College gegangen sei, erzählt Eddie mit brummiger Stimme, habe es ihn häufig hierher gezogen, besonders wenn seine Helden,The Who, im „Forum“ gespielt hätten. Und dann lassen Pearl Jam ein Cover der Who-Nummer „Baba O’Riley“ vom Stapel, die Vedder so beschließt, wie es damals wohl auch sein großes Idol Pete Townshend getan hätte: zwei, drei gekonnte Hiebe – Gitarre tot. Abgang, Jubel, Ende. Nach diesem unerwartet dynamischen Finale verlassen befriedigte Fans die Arena. Und allein diese Tatsache zählt. Auch, wenn Pearl Jam unterm Strich hinter den eigenen Möglichkeiten zurückgeblieben sind. Trotzdem: Selbst in ihren guten Momenten sind Pearl Jam nicht mehr als eine solide Rockband – wäre da nicht Eddie Vedder. „Vielleicht ist das ja unsere letzte Tour“, ließ er unlängst verlauten. Hat er die Zeichen der Zeit erkannt?