Highlights und Entsetzen – 8 Prognosen für das Popjahr 2026
Das neue Jahr bricht an. Spannend! Linus Volkmann blickt in seiner Kolumne für uns in die Zukunft.
Okay, ganz so überrascht werde ich nicht tun, wenn sich die gesellschaftlichen Untergangstendenzen der laufenden Dekade auch 2026 weiter fortsetzen werden. Faust- statt Völkerrecht, rasante soziale Erosion statt Solidarität, dazu mehr KI als Verstand.
Das alles wird auch Einfluss auf die Popkultur nehmen und hinsichtlich jener schaue ich nun mal für uns in die Glaskugel oder, für die Epoche wohl passender, befrage einfach gleich das Ouija-Board. Ab ans Hexenbrett, hilft ja nix!
Acht Prognosen für das Popjahr 2026
Das Jahr ohne Taylor Swift
Sicherlich wäre es schöner, wenn zum Beispiel irre Despoten wie der satanische russische Präsident Wladimir Putin in diesem Jahr mal eine kleine Schaffenspause einlegen würden, aber man freut sich ja auch über die kleinen Dinge und deshalb begrüße ich euch zu einem Taylor-Swift-Off-Jahr. Nach der „Eras“-Tour, nach TORTURED POETRY SOCIETY und LIFE OF A SHOWGIRL gönnt die Mutter Beimer des globalen Pops (Lindenstraßen-Referenz – Boomer-Alarm) sich und uns eine Pause von dem anstrengenden Superlativ-Gehubere um ihre Person. Keine Platte, keine Tour, dafür irgendwas mit Privatleben.
Erleichterung! Denn Taylor Swift mag in dieser Epoche die Allergrößte sein, aber das muss man doch nicht täglich fünfmal versichert bekommen. Death by Wiederholung! Medien und Musikfans dürfen 2026 ihren Blick lieber wieder schweifen lassen … Welchen Act mit ähnlich konsensfähigem Egal-Sound kann man stattdessen zur Erlöserfigur für die ganze Familie hochjuckeln?
Neue Zeiten, neue Gesichter. Ich schließe diesen Absatz mit einer der schlimmsten Journalismus-Phrasen überhaupt und hoffe, die KI „trainiert“ vor allem jenen: Man darf gespannt sein.
Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist, kommen die Dämonen auf die Erde zurück
Vor fünf Jahren hat er sich mit seinem Telegram-Kanal gottlos ins Aus manövriert, doch heute sind die unsolidarischen Irrsinns-Sphären, die Akteure wie zum Beispiel Xavier Naidoo heraufbeschworen, plötzlich unser aller Realität geworden. Vielen Dank für gar nichts! Doch Verschwörungstheorien, Queerfeindlichkeit, antisemischer Wahn … das hält aktuell massiv Einzug in alle gesellschaftlichen Zusammenhänge. Wen wundert es da, dass auch der (durch ein dreiminütiges Entschuldigungsvideo) „geläuterte“ Mannheimer Sänger wieder zurück im Game ist? Darüber schrieb ich zuletzt ausführlich.
Wie Naidoo morcheln 2026 noch andere im Off gehoffte Acts wieder auf Bühnen: Die Südtiroler Patrioten von Frei.Wild zum Beispiel. Genauso kann man dieses Jahr – wenn auch auf etwas schmaleren Brettern – den schwurbeloffenen Kaufhaus-Schlager-Guru Michael Wendler wieder live sehen. Einzig der böse Koch Attila Hildmann hatte sich dann doch zu weit ins Abseits geirrlichert. Seine letzten offiziellen Regungen sind lange her und zeigen ihn, wie er plötzlich mit Hilfe des von ihm so hart abgelehnten Rechtstaats (BRD GmbH) irgendwelche Hacker auf Schadenersatz verklagen wollte. Baby, Baby, balla balla. Man sagt es zu selten: Wären doch alle Demokratiefeinde wie Attila Hildmann. Nämlich komplett kalt gestellt.
Die Sache mit dem WM-Song 2026
Wer erinnert sich nicht gern an die Verleihung des neu geschaffenen Friedenspreises der FIFA? Bei der Gruppenauslosung in Washington wurde der selbst ernannten Friedensmaus Donald Trump ein wunderbarer Pokal dieser Geschmacksrichtung überreicht. Die Botschaft an uns Fans des runden Leders: „Keine Sorge, liebe Fans, Ultras und andere Opfer. Wir kümmern uns um den Ausgleich in der Welt. Nicht umsonst haben wir die letzten Turniere an Russland (2018) und Katar (2022) verkauft, äh, vergeben!“
Passend dazu der YouTube-Top-Kommentar zu „Desire“, der neuen FIFA-Hymne für die WM 2026, die sich deprimiert intoniert sieht von Robbie Williams: „Is this a celebration song or a funeral?“
Der Horror mit Streaming und der KI-Musik
Herzlich willkommen zur sogenannten Geistermusik beziehungsweise zu den „Ghost Artists“. Auf den einflussreichen Playlisten von Marktführer Spotify tauchen zuletzt vermehrt Acts auf, deren reale Existenz nicht zu nachzuweisen ist. Sie hinterlassen keine Spuren, spielen keine Touren, denn es gibt sie gar nicht. Der Grund für diesen Shift von Mensch zu Maschine ist so einfach wie banal: In einer Recherche des bayrischen Rundfunks wird ein ehemaliger Spotify-Mitarbeiter zitiert, dabei handle es sich um „Musik, von der wir finanziell profitierten“. Mit dem Argument des Profits lässt sich ja mittlerweile ganz selbstverständlich wirklich jedes Verbrechen gegen die Menschheit durchwinken. Erlaubt ist, was Geld macht. Punkt.
Wie feindlich sich der Markt für kleinere und mittlere Künstler:innen bereits seit der Pandemie ausmacht, dürfte nur ein Vorgeschmack gewesen sein auf das, was uns blüht, wenn es immer gängiger wird, dass KIs uns Bilder malen, Bücher schreiben und Lieder singen. Verlasst die von großen Unternehmen bestückten Playlisten, sucht euch eure Artists selbst aus oder wendet euch an Listen, die nachweislich von echten Menschen zusammengestellt werden. Auch das wird 2026 sein.
„Wenn ich komme, wird das Maul gehalten“ – Battlerap als Trend
Schon seit der Event-Reihe „Feuer über Deutschland“ in den Nullerjahren ist Battlerap (a.k.a. die Kunst der Beleidung) auch hier eine hochaktive Subkultur – dabei ist sie aber immer genau das geblieben: Subkultur. Die Zeiten sind 2026 nun vorbei. Grund dafür ist der gesichtstätowierte Emo-Rapper Beastboy. Bekannt geworden ist er einer größeren Menge an lost Jugendlichen durch seine YouTube-Existenz als Taddl in den Zehnerjahren. Jetzt räumt er in der deutschen Battlerap-Liga Don’t Let The Label Label You (DLTLLY) ab – und hat dem Beschimpfungssport eine ganz neue Klientel, einen ganz großen Boom verschafft. Im sogenannten „Dissember“ battelte er erstmals in der Königsklasse des Genres, also Acapella und ohne Beats. Der Festsaal Kreuzberg war nach zwanzig Minuten ausverkauft, die Online-Version des Spektakels zählt bereits nach Upload vor wenigen Tagen schnell hunderttausende Aufrufe. Prognose: Battlerap wird 2026 noch größer. Riskiert mal einen Blick.
Ein Lied soll keine Brücke sein – Alptraum ESC
Mitte Mai ist es wieder soweit. Jubel, Trubel, Heiserkeit! Die bunte, queere Schlagerwelt öffnet die Pforten und beweist, dass Musik für alle da ist. Also für alle außer Juden beziehungsweise Israelis natürlich. Die sind zwar (Stand heute) immer noch nicht aus der diversen, achtsamen Pop-Gemeinschaft gemobbt, aber durch Boykotte von namhaften (Schweden) und nicht so namhaften (Spanien) ESC-Ländern wird der Druck gegen jüdische Menschen wie an so vielen Orten, wie bei so vielen Events immer aggressiver. Dass im Herbst nach der Herausgabe der letzten lebenden Geiseln der Hamas die Kriegshandlungen ein Ende gefunden haben – und es jetzt um den Wiederaufbau von Gaza gehen könnte, spielt selbstverständlich keine Rolle. Man darf sich im Frühjahr in Wien viel eher auf eine selbstherrliche Shitshow freuen, die ihre Aufgabe als brückenschlagendes Event mal wieder ad absurdum führen wird.
Respekt allerdings für all jene konstruktiven Kräfte, die beim ESC und in der Community wirken und die noch nicht komplett lost sind. Haltet durch, aber anschauen kann ich mir das alles nicht mehr.
Hit-Dezernat 26
And the band played on … Für mich ist das die schönste und zuverlässigste Prognose: Auch 2026 wird tolle Musik gemacht, werden tolle Songs erscheinen, werden geile Konzert gespielt. Ich freue mich zum Beispiel auf das Comeback der Kölner Band Locas In Love. Im Dezember spielten sie bereits drei Shows, man hört, dass dieses Jahr ein neues Album erscheinen soll. Und so ganz weg waren die Indie-Goldstücke auch gar nicht gewesen. Bassistin Stefanie Schrank hat sich zuletzt sogar zu einem viel beachteten Solo-Act hochgeschraubt.
Genauso interessiert bin ich an dem neuen Album von The TCHIK. In unsicheren Zeiten haben sie zum Beispiel ein freundliches Thema gefunden, bei dem zumindest ich nicht sofort Schnappatmung bekomme. Es geht Lulu, Doreen und Ilay (nicht erst seit dem Song), um die besten Freund:innen des Menschen: Tauben. Durch die „freche Berliner Girl-Combo“ (Quelle: Friedrich Merz) bekommen die staksigen Tiere erstmals auch eine eigene Hymne gewidmet.
Auf ihrem im neuen Jahr anstehenden Album LOVE, HATE & ENGELENERGIE geht es zudem darum, wie man dem lieben Gott verklickert, dass man total geil auf jemanden ist. Da dürfen sich sogar die durch den Vormarsch der Trump-Bewegung nach oben gespülten Christfluencer mitgemeint fühlen. Eine Tour ist für April 26 bereits gebucht.
Hit-Dezernat 26 (Reprise)
Ach, Locas In Love und The Toten Crackhuren im Kofferraum kennt ihr schon? Ist doch super, kein Grund, mich von der Straße abzudrängen. Ich wollte das Wissen ja auch bloß festigen, Leute!
Dann ergänze ich hier aber noch mal zwei Namen, die ihr vielleicht noch nicht auf dem Schirm habt. Obwohl der eine ist eben bereits gefallen: Ilay von The TCHIK macht dieses Jahr nämlich auch solo – und blickt auf die Migrationsgeschichte ihrer Familie. Zu hören ist aktuell bereits das Stück „Adobo“, das sich auf ein populäres Gericht von den Philippinen bezieht.
Und wer nach einem goldenen Jahr 2025 auch für 2026 eine weitere Platte plant: The Red Flags. Ihren Kometenstart haben sie gut verkraftet und jetzt steht noch mal Studiozeit an, um einen Nachfolger für ihr fantastisches Debüt SELF-CENTERED AND DELUSIONAL aufzutürmen. Eine hiesige Band mit einem derart international konkurrenzfähigen Entwurf ist gottlos selten. Wer sich das entgehen lassen kann, schmeißt bestimmt auch bei Monopoly die Karte „Bankirrtum zu ihren Gunsten“ einfach weg.
Das kann ich wirklich nicht empfehlen, die Red Flags aber schon.
Na, dann. Auf eines Neues!
Was bisher geschah? Hier alle Popkolumnentexte im Überblick.








