Kolumne

Aidas Popkolumne: Bad Bunny & „The Moment“ im Kapitalismusdilemma

Zwischen Bad Bunnys Auftritt bei dem Super Bowl und dem Charli-xcx-Film „The Moment“ raucht Aida der Kopf: Können wir heute noch Kritik am System üben, ohne dass sie sofort absorbiert wird?

Natürlich wurde schon alles zu Bad Bunnys Halftime-Show in der Nacht von letzten Sonntag auf Montag gesagt. Aber noch nicht von mir, hah! Spaß beiseite: Ich fand den Diskurs über die letzte Woche spannend. Auf der einen Seite endloser Jubel über den dreizehnminütigen Auftritt von Benito Antonio Martínez Ocasio voller Symbole, Anspielungen und Referenzen, die unterschiedliche lateinamerikanische Lebensrealitäten und Communities darstellten: die Herausforderungen Puerto Ricos wie Gentrifizierung (diese Performance von Ricky Martin, aaaah!), veraltete und unterentwickelte Infrastruktur (die Strommäste!), Sklaverei, Kolonialismus, die Resilienz dieser Communities und Widerstand gegen rassistische Politik und Spaltung. Auf der anderen Seite die Kritik, dass das alles doch nur kapitalistische Ablenkung sei, weil eine solche Performance keinen realen Wandel bringe, sondern nur welchen simuliere. Wer darauf reinfällt: peinlich. Beide Lager waren sich sicher, völlig richtig zu liegen mit ihrer Einschätzung. Viele Galaxy-Brains, aber wenig Empathie.

Vom Brat Summer zu „The Moment“

Nur wenige Tage später saß ich erst in der Pressevorführung der Charli-xcx-Mockumentary „The Moment“ und danach mit Regisseur Aidan Zamiri im Gespräch über den Film. Remember Brat Summer? Es war eine wilde Zeit – ausgerechnet mit einem recht stacheligen (und von dieser Kritikerin heißgeliebten) Album über die Lust auf Hedonismus, überbordendes Selbstbewusstsein, Sex und, naja, „bumping that“, aber auch Selbstzweifel über familiäres Trauma, toxische Freund:innenschaften und die Frage nach dem Kinderkriegen wurde Charli xcx aus dem ewigen Mittelfeld des Pops (schon zu Mainstream für Coolness, aber zu weird und vom Underground inspiriert für den Mainstream) in die A-Klasse katapultiert. Brat war ein Phänomen, das innerhalb kürzester Zeit völlig überhandnahm, sogar in die Politik hineinkroch (remember „Kamala is brat“? Deutsche Parteien, die sich mit giftgrünen Memes als „cool“ zu gerieren versuchten? Die NATO, die glaubte, mitmachen zu müssen???). Im Grund war der Hype um den Brat Summer ein Lehrstück darüber, wie schnell Trendzyklen heute zu völliger Übersättigung führen und nur noch Ästhetiken, aber keine Inhalte mehr zählen.

Der fiktionale Film im Stil von „The Office“ oder „Stromberg“, aber halt in der Major-Musikindustrie statt im Großraumbüro, begräbt das giftgrüne Popphänomen jetzt endgültig (auch wenn ich persönlich wahrscheinlich „365“ und „von dutch“ nie von meiner „Getting Ready“-Playlist löschen werde, sorry, I’m a basic bitch). Mit dem Narrativ des Films kritisieren Charli xcx, Regisseur und Autor Zamiri und Co-Autorin Bertie Brandes eben diese Aushöhlung von künstlerischer Vision und Inhalten durch die spätkapitalistische Spirale der Ausschlachtung von Kultur. Nur: Der Film ist eben auch Teil genau dieser Spirale. Er ist nicht getrennt von ihr zu betrachten, er kritisiert den Trendzyklus, Hypes und die Major-Musikindustrie und ist dabei doch mittendrin. Natürlich wird der Release von „The Moment“ nochmal die Streamingzahlen von den gefühlt Dutzenden (drei) unterschiedlichen Brat-Veröffentlichungen nach oben treiben. Das Musiklabel, das im Film als nur an Profitmaximierung interessiert gezeigt wird und laut Zamiri angeblich nicht um Erlaubnis gefragt wurde, kann sich zurücklehnen und Scheine zählen.

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Wenn Kritik zum Produkt wird

Jede Kritik wird vom System direkt verwertet und absorbiert. Diesen Diskurs hatten wir schon vor ein paar Jahren, als mit Filmen wie „The Menu“ oder „Triangle of Sadness“ die neue Genrebezeichnung „Eat the Rich“-Cinema geboren wurde. Sind diese Filme kapitalismuskritisch? Oder simulieren sie nur Kapitalismuskritik? Und gibt es überhaupt noch einen Unterschied zwischen beidem?

Diese Fragen sind alles andere als neu: Dass Subversion nicht mehr möglich ist und Kultur zum Produkt zur Profitmaximierung geworden ist, das haben Max Horkheimer und Theodor Adorno schon 1944 in der „Dialektik der Aufklärung“ geschrieben. Und 2009 prägte der viel zu früh verstorbene Mark Fisher das Konzept des „Capitalist Realism“, der sich als alternativlos darstellt. Im Capitalist Realism ist Antikapitalismus nicht mehr der Gegenpol zum Kapitalismus, im Gegenteil, er verstärkt ihn – denn mediale Produkte bieten Raum für kapitalismuskritische Diskurse, ohne das System an sich wirklich infrage zu stellen. Die – zumindest scheinbare – Alternativlosigkeit des Kapitalismus bringt uns dazu, nur darüber nachzudenken, wie er weniger schlimm sein kann, als über andere Möglichkeiten der Organisation von Gesellschaft und Leben.

Repräsentation ist nicht alles – aber auch nicht nichts

Und genau das wird Bad Bunnys Super-Bowl-Show genauso vorgeworfen wie „The Moment“ (okay, Letzteres war ich auf der Bühne im Gespräch mit dem Regisseur). Und es ist nicht falsch: Beide Popmomente operieren eben in einem System der Ausbeutung und sind Teil davon – die von Apple Music gesponserte Halftime-Show, die natürlich die konservative NFL nicht aus Wokeness an Bad Bunny hat gehen lassen, sondern weil er einer der aktuell erfolgreichsten Popmusiker der Welt ist und mit dem sich neue Fans, also Konsument:innengruppen, unter Latine-Communities erschließen lassen. Aber gleichzeitig ist so eine Show nicht so wertlos, wie es Menschen gerne hätten, die gestern die Wikipedia-Artikel zu Adorno und Fisher gelesen haben, insbesondere vor dem aktuellen politischen Klima nicht. Repräsentation ist nicht alles, aber ist auch nicht nichts – und wenn ein:e Künstler:in die Möglichkeit hat, relevante Themen auf großen Bühnen zu thematisieren, ist es wohlfeil, ihnen genau diesen Versuch vorzuwerfen. Soll alles nur noch komplett stumpf sein? Mehr leere Rocksimulation von Maroon 5 statt Bad Bunny? Mehr Marvel-CGI-Ergüsse statt dem fehlbaren, unperfekten und auch mit sich selbst hadernden „The Moment“? Bitte nicht.

Nein, es können viele Dinge gleichzeitig wahr sein. Und die Aufgabe liegt nicht nur, aber auch bei uns Konsument:innen, die Simulation und Darstellung von Kapitalismuskritik nicht als Selbstzweck zu sehen, sondern höchstens als Startpunkt für einen Diskurs, der Alternativlosigkeit nicht hinnimmt. Oder simpel gesagt: Marx-Lesekreis IS brat.

Aida Baghernejad schreibt freiberuflich unter anderem für MUSIKEXPRESS. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.