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Primal Scream: Ihre Alben im Ranking

Welche Alben von Primal Scream lohnen sich für alle, welche sind eher was für Insider oder Liebhaber? Hier der Check.

Primal Scream prägten C86 und Manchester Rave. Sie pumpten Rock’n’Roll in den britischen Indie, um anschließend mit Elektro und Industrial alle Erwartungen zu negieren. Doch so unterschiedlich die Alben der schottischen Band um Bobby Gillespie auch sein mögen: Dass sie sich dabei etwas überlegten, merkt man (fast) immer. Ein Überblick ihrer Werke.

Für alle

Screamadelica (1991)

Der zweite Summer of Love, in Sound gegossen. Gemeinsam mit Produzent Andrew Weatherall umarmen die Schotten die Welt. Aus Gospel, Rock’n’Roll, Soul und Westcoast-Psychedelic mischen sie ein Album, das anschließend mit Dub- und Housebeats, die oft aus Samples stammen, aufgeladen wird. Die Meisterstücke: das von Denise Johnson gesungene „Don’t Fight It, Feel It“ sowie „Loaded“. Hier entkernte Weatherall den alten Song „I’m Losing More Than I’ll Ever Have“ und setzte ihn rund um ein Sample aus dem Film „The Wild Angels“ und eines der Emotions neu auf. Einer der großen Songs der 90er, eines der wichtigsten Alben.

Sechs Sterne

Give Out But Don’t Give Up (1994)

Ursprünglich als reine Rock-Platte angelegt, bekam man beim Label kalte Füße und investierte Zeit und Geld, um das Album dem Zeitgeist anzupassen. George Drakoulias polierte den Sound, George Clinton fügte Funk hinzu, ein paar der Instrumentalspuren spielten Benmont Tench, Kenney Jones und Drakoulias selbst erneut ein. Ein Kessel Buntes? Oder eine halbgare Angelegenheit? Die Wahrheit liegt in der Mitte. Während die Singles Hits vor dem Herrn sind („Rocks“ steht genau zwischen „Get It On“ und „Satisfaction“), wirken die Ausflüge Richtung Rhythmik rätselhaft; klingen so, als hätte Creation nicht nur die Madchester-, sondern auch noch die Acid-Jazz-Community bedienen wollen. Trotzdem in seiner Summe mehr als die einzelnen Teile. Allein wegen „Jailbird“:

Viereinhalb Sterne

XTRMNTR (2000)

Was der Vorgänger VANISHING POINT bereits andeutete, manifestiert sich hier endgültig: In einem Jahr, in dem britische Popmusik mit der Kuscheldecke daherkommt, entdecken Primal Scream den Lärm. Kevin Shields hilft, die Chemical Brothers sind dabei, Bernard Sumner ist es ebenfalls. „Kill All Hippies“ begräbt die letzten Spuren des Manchester-Raves mit wüsten Lagerhaus-Sounds, mit Sirenen und Synthies, die so klingen, als würde man in ihnen Atomspaltung praktizieren, was auch inhaltlich greift. Das gesamte Album umweht eine diffuse Anti-Establishment-Stimmung, die im Kosovo-Krieg, New Labour und dem endgültigen Durchbruch von CCTV im britischen Alltag dankbaren Nährboden fand.

Fünf Sterne

Riot City Blues (2006)

Auf den ersten Blick gehen Primal Scream einige Schritte zurück; orientieren sich wie auf GIVE OUT an den Stones, den Faces, an Blues, an Rock’n’Roll. Gleichzeitig transportiert das Album mit seiner rauen, am Garagen-Punk geschulten Produktion dann doch eine Energie, der man sich schwer entziehen kann; der im Opener „Country Girl“ postulierte Northern-Soul-Schlachtruf „Keep On Keepin’ On“ besitzt schon seine Berechtigung. Und wo wir gerade bei Northern Soul sind: Einen Song wie Shirley Ellis’ „The Nitty Gritty“ so sehr mit Schlamm einzuschmieren, wie Primal Scream das hier tun, muss man auch erst einmal schaffen.

Fünf Sterne

More Light (2013)

Fünf Jahre lassen sich Primal Scream nach dem durchwachsenen BEAUTIFUL FUTURE Zeit. Und das hört man. MORE LIGHT bedient sich am bisherigen Werk, verbindet bissige Sozialkritik mit einem Sound, der sowohl am Experiment als auch an der großen Melodie interessiert ist. Das liegt sicher auch an David Holmes: Der Produzent führt Krautrock und Soundtrack-Strukturen in den Katalog ein, zu hören im Opener „2013“, der neun Minuten lang frei dreht. Das abschließende „It’s Alright, It’s Okay“ hingegen blickt mit Percussion und Piano anheimelnd ins eigene Frühwerk.

Viereinhalb Sterne

Für Insider

Primal Scream (1989)

Mehr Licht als auf dem Debüt. Der Sixties-Twang wird durch markige Rockgitarren ersetzt, das Ergebnis: angenehmer Powerpop, der seine größten Momente ausgerechnet im Opener „Ivy Ivy Ivy“ findet. Aber, und es ist ein kapitales ABER: Mit „I’m Losing More Than I’ll Ever Have“ beinhaltet das Album den ersten Song, der in die Zukunft der Band weist. Er wird bald zu „Loaded“, der Rest ist Geschichte.

Dreieinhalb Sterne

Vanishing Point (1997)

Primal Scream stecken in der Zwickmühle. Bei der Kritik kam der Vorgänger nur so mittelgut an, gleichzeitig führte er die Band dank „Rocks“ und „Jailbird“ mitten in den Mainstream. Die Reaktion: Verweigerung. Den straighten Rock’n’Roll hören wir nur noch in „Medication“, stattdessen toben Songs wie „Kowalski“ oder „Burning Wheel“ in Klangräumen, die stark von Reggae und Dub beeinflusst sind (mit ECHO DEK bekam das gesamte Album später von Adrian Sherwood einen Dub-Remix spendiert).

Viereinhalb Sterne

Evil Heat (2002)

Ein Album der Gegensätze: Wo „Miss Lucifer“ sich ultranervös und viel zu schnell in Industrial-Muster hineinschraubt, kommt „Some Velvet Morning“ nicht nur mit Kate Moss, sondern auch maximal abgehangen. Oder auch: Der Lärm der beiden Vorgängeralben vereint sich mit den Dance-Beats von SCREAMADELICA und ein bisschen schwüler Atmosphäre. Zur Wahrheit gehört aber auch: Trotz großer Produzentennamen wie Kevin Shields und Andrew Weatherall sowie einer starken Gästeliste wirkt das Album seltsam uninspiriert.

Vier Sterne

Beautiful Future (2008)

Mit Björn Yttling und Paul Epworth holen sich Primal Scream zwei ausgewiesene Pop-Experten an Bord. Diese zähmen die Band, lassen sie die vielleicht eingängigsten Songs ihrer Laufbahn aufnehmen: „Can’t Go Back“, „Uptown“ oder „Zombie Man“ verschmelzen Glamrock, Postpunk und Blues zu einem Stilmix, der nicht weit von dem entfernt scheint, was zeitgleich Bands wie Franz Ferdinand oder die Arctic Monkeys treiben, dabei aber immer genug Haken schlägt, um distinktiv zu bleiben.

Vier Sterne

Für Liebhaber

Sonic Flower Groove (1987)

Das Erste, was beim Hören dieses Debüts auffällt: Da fehlt der Drive, der ab SCREAMADELICA durch alle Epochen hinweg eine der Trademarks von Primal Scream war. Auch hat Bobby Gillespie noch nicht festgestellt, dass er auch Rampensau kann. Schlimm ist das nicht, stattdessen spielt sich die Band durch verträumten Jangle-Pop, der wie bei vielen britischen Bands der Zeit mit einem Bein im US-Psychedelic der Sechzigerjahre und mit dem anderen im Paisley Underground steht. Die lasche Produktion verdirbt einem aber leider auch an großartigen Songs wie „Imperial“ die Freude.

Drei Sterne

Chaosmosis (2016)

Sky Ferreira und Haim als Gäste. Klaviermelodien und Percussion, die sich beim eigenen Großwerk der Neunzigerjahre bedienen. So viele Synthies wie noch nie. Wohin Primal Scream mit diesem Album wollten, ist bis heute nicht klar. Das ist nicht peinlich, niemals ungekonnt, keineswegs. Aber bis auf zwei, drei Songs (vor allem „Where The Light Gets In“) rauscht das alles durch.

Drei Sterne

Seitenstränge

Auch wenn „Velocity Girl“ die Single-Sammlung MAXIMUM ROCK’N’ROLL einläutet: Der Song aus dem Jahr 1986 war nie Single, sondern lediglich eine B-Seite. Doch der „NME“ nahm „Velocity Girl“ auf den heute legendären C86-Sampler, und das zu Recht: Im Unterschied zum Debütalbum stimmt in diesen nicht einmal eineinhalb Minuten alles. Ohnehin lohnt bei Primal Scream ein Blick auf die Kurzformate: Da ist etwa die „Dixie-Narco“-EP. Eigentlich die „Movin’ On Up“-Single, kommt sie mit drei B-Seiten, die allesamt hochinteressant sind: dem zarten, den Gospel von GIVE UP… bereits andeutenden „Stone My Soul“, dem Beach-Boys-Cover „Carry Me Home“ und dem zehnminütigen Ravedub-Monster „Screamadelica“ (das sich nicht auf dem gleichnamigen Album fand). Auch eine ihrer besten Balladen packten die Schotten zunächst nur auf die Flipside: „Jesus“ begleitet die 7″-Single von „Star“. Dass der Song eigentlich aus den GIVE UP-Sessions stammte, erfuhr man erst später. Das 2018 unter dem Titel GIVE OUT BUT DON’T GIVE UP: THE ORIGINAL MEMPHIS RECORDINGS erschienene Album ist ohnehin empfehlenswert, zeigt es doch, wo die Reise der Band hingegangen wäre, hätte die Plattenfirma nicht interveniert.

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