Rammstein: Die Geister, die sie riefen


Von Rammstein erwarten viele Fans weltweit das Alte und alle anderen schon lange nichts mehr.

Es gibt größere Vergnügen, als mit zwei Musikern ins Gespräch kommen zu wollen, die sich in der bandinternen Abstimmung dagegen ausgesprochen hatten, überhaupt auf Interviewreise zu gehen. Und hier (Bayerischer Hof/München) und jetzt (früher Nachmittag) vor allem mit ihrer eigenen Professionalität zu kämpfen haben. Beim dritten Interview leeren sie das zweite Bier. Sehr bald schon wird ein kleiner, etwas zu rühriger Zimmerkellner in Zirkusdirektoren-Uniform ein ansehnlich vollgestelltes, hell und frisch klirrendes Nachschub-Tablett neben dem angefressenen Schnittchenhügel parken. Das Bier macht Christian „Flake“ Lorenz, den aufmerksamen Keyboard-Grashüpfer, und Till Lindemann, den so bulligen wie dünnhäutigen Frontmann, der durch seine Kollegen meistens davor bewahrt wird, Interviews geben zu müssen, zumindest ein bisschen geschmeidiger.

Freundlich bleibt die mit dem Charme von Geldtransporter-Bewachern in Beige und Braun gewandete Abordnung jederzeit, konstruktiv in Grenzen. Interviewhaltung ist bei Rammstein Abwehrhaltung, und die ist antrainiert. Die Tatsache, dass Lindemann nie nur über das Tier im Menschen singt, sondern selbst Triebtäter und Getriebene, solche Tiere, mimt, bauschten vor allem die Boulevardblätter immer wieder auf. Das martialische Auftreten der Band mit Reminiszenzen an die Ästhetik des Dritten Reichs bis hin zur Riefenstahl-Beleihung für das „Stripped“-Video forderte hingegen Journalisten aus dem ernsten Metier heraus. Dass Lindemann heute schon, am zweiten Interviewtag, launisch und nur leidlich unterhaltsam seinem unsteten Wesen nachgibt, sich hinausquengeln möchte aus dem Palast, den nur immer weitere Infragesteller stürmen, liegt an Tag eins. Gestern in Hamburg. Da kam ein rundes Dutzend Journalisten. Alle stellten sie die gleichen Fragen. Zu denen ohnehin schon alle Antworten im Internet stünden…

„flake“ … und dann fragt man sich: Seit wann gibt’s überhaupt solche Interviews?

Und dann überlegste: Hans Albers -hat der Interviews gegeben ?

Speziell haben sich die beiden über einen Nachrichtenmagazin-Mann geärgert, der offenbar einfach nicht nachgeben wollte in seinem Ansinnen, Rammstein einmal mehr der groben politischen Unkorrektheit zu überführen. Bis Lindemann und „Flake“ ihm Prügel androhten.

Das muss doch auch nicht sein. „Mach dich locker, Schreiberling!“ ist die unausgesprochene, mit dem Bierflaschenhals winkende Botschaft der beiden angeheiterten Botschafter der international erfolgreichsten Kapelle Deutschlands. Die ist inzwischen allerdings zu einem mittelständischen Unternehmen angewachsen, in dem sich schon längst keiner mehr lockermachen kann. Das mit allerlei Verträgen Medien zu kontrollieren versucht und mit Copyright-Klageandrohung sogar Fan- Homepages, und dessen gleichberechtigte Bosse mit den Zwängen von Stellung, Image und Erwartungen hadern: „Wir haben jetzt zum Beispiel das Problem, wieder eine neue Show auf die Beine stellen zu müssen“, berichtet Lindemann: „Und dabei haben wir uns überlegt, wiegeil das wäre, so wie die Chili Peppers sich einfach auf die Bühne zu stellen und Musik zu spielen. Das wäre das Paradies.“ „Flake“ schwingt sich auf zum Statement: „Wir wären dafür bereit. Aber die Fans nicht. Die wären bitter enttäuscht. Die würden uns anschreien:, Hey, hier brennt ja keiner mehr!'“

Die Herren fürs Grobe und Dunkle sehnen sich aber nicht nur nach Freiheit, sie fordern, quasi der Logik des Marktes folgend, umfassenden Respekt ein für ihren kommerziellen Erfolg. Sie wollen eine Sänfte mit Stempel drauf vom Goethe-Institut: „Rammstein – Kulturbotschafter von Deutschland“. Und nie mehr die alten Fragen. Kommt ihnen gar nicht in den Sinn, dass Provokateuren dieser Respekt niemals zustehen kann? Selbst ein so erfolgreicher Hinterhofnarr wie Marilyn Manson bekommt ihn nicht, drüben in den USA, wo sonst fast ein jeder bejubelt wird allein für die Vergoldung seiner selbst.

Doch warum grämen sich Rammstein deshalb und grinsen sich nicht einfach eins, so breit, wie sich im deutschen Rock noch keiner eins gegrinst hat? Wie sagt in „From Dusk Till Dawn“ der ehemalige Prediger Jakob zu seinem gewaltsamen Entfuhrer Seth: „Sind Sie so’n dämlicher Verlierer, dass Sie nicht mal merken, wann Sie gewonnen haben?“

Vielleicht streben Rammstein ja aber auch so vehement nach Respekt, weil sie ahnen, dass ihnen zur Besteigung dieses höchsten Gipfels nicht mehr viel Zeit bleiben könnte. Tatsächlich lässt sich aus der Thematisierung des in der öffentlichen Wahrnehmung abscheulichsten Verbrechens der letzten Jahre, des Kannibalen-Mords von Rothenburg, in der Single „Mein Teil“ fast schon eine gewisse Verzweiflung lesen; und das zugehörige, krampfig um Verstörung bemühte Video wäre als Opfer der Zensur freilich noch ein besserer Werbeträger gewesen – im Internet geheimnisvolle Bahnen ziehend. Das Problem: Der Vorschlaghammer, mit dem Rammstein ihren Bildern Gestalt geben, lässt einfach keine Subtilität zu. So dass dem groben Bildhauer Lindemann a) schnell und schneller die Bilder ausgehen und b) das Publikum immer nur nach doller Haue ruft, was auch musikalisch die Band an die kurze Leine nimmt. Das Bild von der künstlerischen Sackgasse kennt „Flake“ natürlich hinlänglich und kann sich deshalb wohnlich darin einrichten: „Wenn du dort hinten angekommen bist, kannst du dich ganz entspannt hinstellen, den Gitarrenkoffer aufmachen, und vielleicht kommt jemand, hört fünf Minuten zu und schmeißt dann noch zehn Cent rein.“

Womöglich suchen Rammstein aber insgeheim schon nach einem Ausweg. Mit einem „Hoppla!“ zauberte die Pressebeauftragte der Plattenfirma bei der dem Interview vorausgehenden Hörprobe des neuen Albums reise, reise einen zusätzlichen Track hervor. Der heißt „Los“ und ist angeblich ein Zufallsprodukt, ein Rammstein-Brett, dem beim Mix die Brettergitarren abhanden gekommen sind. „Los“, zuerst eigentlich als Single-Zugabe gedacht, ist ein Stück Musik, das im Alternative Rock weit abseits vom eingeschliffenen Industrial-Metal der Teutonen eine durchaus gute Figur macht. Im Text beschäftigen sich Rammstein mit sich selbst, dem Selbstverständnis der Band und den Reaktionen auf ihr Tun – dabei, gar nicht ungeschickt, in den Versen um Worte mit der Silbe „Los“ kreisend. Wollten Christian „Flake“ Lorenz und Till Lindemann Meinungen aus berufenem Mund zu diesem Experiment hören, ohne durch konkretes Nachfragen der Sache zu viel Gewicht zu geben? Geschickter hätte man es nicht einfädeln können. Nur: Sind Rammstein mutig genug, diesen Ausweg tatsächlich auch zu nehmen? Sie müssten dafür nämlich loslassen.