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Kritik

„Ratched” (Staffel 1) bei Netflix ist nicht mehr als serieller Hochglanz-Psycho (Kritik)

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Die Medizin der 1940er-Jahre bediente sich recht ungewöhnlicher Methoden: Stromschläge, heiße Bäder oder Lobotomien sollten bei geisteskranken Patient*innen oder Verhaltensabweichungen für Hilfe sorgen. Krankenschwester Mildred Ratched (Sarah Paulson) reicht das Portfolio der fragwürdigen Behandlungspraxen jedoch nicht aus. Ihre speziellen Fähigkeiten liegen in der Manipulation, Destruktion und dem Herbeiführen von Todesfällen. In Schockzustand versetzt sie damit jedoch nur die wehrlosen Patient*innen.

Die Klinik von Dr. Hanover (Jon Jon Briones) ist ein Ort voller Grausamkeiten. Die perfekte Anlaufstelle für Mildred Ratched, die sich ihren neuen Arbeitsort nicht zufällig ausgewählt hat. Während das selbsternannte Genie Hanover neue Behandlungsmethoden und Heilungsansätze an den Insass*innen austestet, hat es Ratched auf einen bestimmten Patienten abgesehen: Der junge Massenmörder Edmund (Finn Wittrock), der als Neuzugang in die Klinik kommt, weckt ihr Interesse. Die geheime Verbindung zwischen den gestörten Charakteren zieht sich als roter Faden durch den Klinikalltag, den unzählige Leichen pflastern.

Zurückhaltend zeigt sich Ratched als neue Mitarbeiterin keineswegs. Durch ihre Gabe, Menschen zu manipulieren und Machtverhältnisse auszuloten, treibt sie die Pflegebedürftigen in den Suizid oder hilft ihnen ungefragt auf dem Weg ins Jenseits. Abstruse Vorgänge im Klinikalltag beschränken sich aber nicht nur auf das Schwesternzimmer. Sex-Rollenspiele, Enthauptungsfantasien und eine extrovertierte Millionärin gehören zum unstimmigen Bild des mangelhaften Heilungsprozesses, den sich Serienschöpfer Ryan Murphy ausdachte.

American Horror Story reloaded

Überzeichnete Charaktere, blutige Taten und altbekannte Gesichter: Murphy bleibt seiner (mittlerweile) ausgeleierten Formel aus Übertreibung und polierten Farben treu. Den düsteren Charakteren stehen Pastelltöne und unwirkliche Farbgebung gegenüber, an Schockmomenten wird nicht gespart und Haus- und Hofdarstellerin Sarah Paulson spielt mit eiserner Miene gegen das überraschungsfreie Drehbuch an. Als eigenständiges Serienkonzept wäre „Ratched“ nicht notwendig gewesen. Die Ankündigung als weitere Staffel aus Murphys erfolgreicher Anthologie-Serie „American Horror Story“ hätte sich zumindest dem bekannten Konzept gefügt. Zwischendurch weht eine Prise „Hollywood“ über die sterilen Flure, die Erwartungshaltung, dass Figuren aus „Feud“ durch die Szene laufen ist hoch und die makellosen Sets stehen den polierten „The Politician“-Drehorten in Nichts nach. Fast möchte man sagen: Ryan Murphy hat das Beste aus seinem Serienuniversum neu gemischt. Nur hat er sich in der Komponentenauswahl vergriffen.

Es mangelt an wirklicher Spannung und einer interessanten Geschichte. In der ersten Folge definiert „Ratched“ seine Charaktere, die im Laufe der Serie zu großen Teilen auf der Stelle treten. Gemeinsam mit ihnen hangeln sich die Zuschauenden durch diverse Schockszenarien, die als Kleber für die dünne Handlung dienen. Das Problem von Ryan Murphys Serienideen schlägt auch hier wieder zu: Während zu viel Wert auf Look und Perfektion gelegt wird, mangelt es an einer packenden Geschichte, die sich zu allem Übel innerhalb der Staffel wiederholt.

Netflix, Saeed Adyani


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