Reeperbahn Festival 2021: Von Rap-Mythen und nachhaltiger Musik

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Warum es heutzutage schwieriger sei als früher, sich im Rap-Game erfolgreich als Manager*in durchzusetzen, wollte die Kulturjournalistin Aida Baghernejad auf der von ihr moderierten Podiumsdiskussion mit dem Titel „Lyor Cohen Meets Two Sides“ wissen. Ihre Frage richtete sich an eben jenen Lyor Cohen, seines Zeichens Global Head of Music bei YouTube, sowie an Laura Heid und Lucas Teuchner, Gründer der deutschen Management- und Plattenfirma Two Sides (Bausa, Apache 207, Loredana u.v.m).

Cohen, der durch seine Arbeit bei Labels wie Def Jam maßgeblich am Aufstieg des Rap-Genres zum Olymp der Popkultur beteiligt war und bereits einige Winter mehr gesehen hat als Teuchner und Heid, stellte darauf die Gegenfrage des Ob, im Gegensatz zum Warum. Kein Zufall, denn die Veranstaltung bestand im Wesentlichen aus dem prominenten Rap-Narrativ der erfolgreichen Business-Leute, die sich aus dem Nichts ein Imperium aufgebaut haben. Auch im Alter – oder vielleicht gerade dann – scheint es nicht an Attraktivität verloren zu haben.

Lyor Cohen mit den Def-Jam-Gründern Rick Rubin und Russell Simmons

Sein Job sei es „fame and fortune“ zu ermöglichen, so Cohen weiter, denn Fame alleine bezahle noch nicht die Rechnungen. Er fügt hinzu, er sei optimistisch, dass YouTube bis 2025 zum wichtigen Erlösstrom für die Musikindustrie werde. Die Frage, warum sich das Google-Tochterunternehmen seit seinem Bestehen aber weigert, angemessene Lizenzgebühren an alle Rechteinhaber*innen der Inhalte zu bezahlen, mit deren Arbeit YouTube aberwitzige Profite über das Schalten von Werbung erwirtschaftet, hätte den sprichwörtlichen Weihrauch im Saal dann wohl doch etwas zu sehr vertrieben. Schade drum, es hätte wirklich noch spannender werden können.

Aus Worten sollen Taten werden

Die Diskussion um die Verteilung von Geldern in der Musikbranche ist zweifelsfrei wichtig, und tatsächlich lassen sich auf der großen medialen Bühne vereinzelte Sprösslinge ausmachen, die sich dem Thema auch außerhalb des Fachpublikums annehmen, doch das Konferenz-Programm auf dem Reeperbahn Festival 2021 zeichnet sich vor allem durch die Themen Gender-Equality und Nachhaltigkeit aus. Während die einzelnen Veranstaltungen nur kurze Einblicke ermöglichen können, wie viel es diesbezüglich jeweils zu tun gibt, sind es doch solche Gelegenheiten wie das Reeperbahn Festival, die ihren notwendigen Anteil daran erbringen können – und müssen –, dass sich die geforderten Veränderungen auch tatsächlich einstellen.

So sah es auch Rike Tesch, Mitorganisatorin des Immergut Festivals. Gemeinsam mit drei weiteren Kolleg*innen sprach sie in dem Panel „Mutierte Festivals“ über die Herausforderungen von insbesondere kleinen Festivals während und nach der Corona-Pandemie und über die Hürden für ihre Arbeit im Allgemeinen. Tesch kritisierte, dass die Maßnahmen für Gleichberechtigung und die Verringerung des CO2-Fußabdrucks von Musikveranstaltungen in der Realität häufig hinter den auf Panels geäußerten Worten zurückbleiben. Im gleichen Atemzug war ihre Antwort sodann „Mut“, nachdem sie nach ihrem Wunsch für die Zukunft des Festival-Business gefragt wurde. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Szenen vom Immergut Festival 2019

Der falsche Rahmen

Hamburg wäre nicht Hamburg ohne Wind und Regen – und so blieb sich die Stadt auch am zweiten Festivaltag treu. Weit unter Gebühr wirkte sich das Herbstwetter am Nachmittag auf den Vortrag von Maja Göpel aus, der unter freiem Himmel stattfand. Die Ökonomin und Transformationsforscherin zählt zu den prominentesten Wissenschaftler*innen Deutschlands, die sich mit der Bewältigung des Klimawandels auseinandersetzen. Und das nicht selten bei Lanz und Illner.

Beim Reeperbahn Festival stand sie jedoch keinen Talkshow-Gästen gegenüber, sondern einer tapferen Gruppe Zuhörer*innen vor der wind- und regengepeitschten Bühne auf dem „Future Playground“, der in diesem Jahr von der Green Music Initiative kuratiert wird. Titel ihrer Veranstaltung: „Maja Göpel | Musikalische Einladung für einen nachhaltigen Wandel“. Im Hintergrund die riesige Fahne am Millerntor-Stadion auf St. Pauli mit der Aufschrift „Klimastreik am 24.09.!“ Was Lyor Cohen wohl zu Göpels Plädoyer für das Hinterfragen des profitgetriebenen Status Quo unserer Gesellschaft und dessen ökologische Folgen gesagt hätte?

Kevin Mazur WireImage
Erik Lorenz

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