Adele 25


XL/Beggars VÖ: 20. November

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Wenn sich jemand in 20 Jahren fragt, ob Mainstream-Pop überhaupt noch wichtig war in den seltsamen 2010er-Jahren, wird die Antwort lauten: „Schon noch, irgendwie, da waren doch Taylor Swift und Adele.“ Das sind die beiden Namen. Swift veröffentlichte 2014 das Album 1989, benannt nach ihrem Geburtsjahr. In den Songs sezierte sie die Liebe im Zeitalter der Postromantik; wer mehr über das Thema erfahren möchte, schaue die exzellente Serie „Master Of None“ des Comedians Aziz Ansari, da ist alles drin: die große Liebe – aber eben auch die Unbekümmertheit, mit der man sie über den Haufen wirft, wenn der Sex langweiliger wird.

Adele ist ein Jahr älter, Jahrgang 1988. Und sie ist einen Schritt weiter: Im Herbst 2012 kam ihr Sohn Angelo zur Welt, ihr Verlobter führt eine Wohltätigkeitsorganisation. Unbekümmertheit ist in dieser Kleinfamilie gerade eher kein Thema. Babylogistik und Trotzphasen: Wer das wirklich mitbekommen möchte (und Adele will das), hat andere Sorgen als die Pflege seines Instagram-Profils oder „Squads“, wie Taylor Swift ihre globale Clique aus coolen Freundinnen und Freunden nennt. Einen Moment lang wollte Adele sogar alles hinschmeißen, ihr fielen keine neuen Songs ein, teilte sie mit. Dann hörte sie RAY OF LIGHT, Madonnas erste Platte als Mutter (1998), vor allem das Stück „Frozen“. Die Schleusen öffneten sich, es konnte losgehen.

Auf 25 geht es Adele nicht darum, „Skyfall“ zu toppen – zum Glück

25 hat Adele ihr drittes Album genannt. So alt war sie, als ihr Sohn die ersten Schritte machte. Darum eine Pianoballade wie „Remedy“, eine Sinnsuche im Schoß von Freunden und der Familie. Es gibt schlechtere Lieder über den Nestbau. Was junge Eltern auch kennen: Gerade erst hat die Zukunft die Hosen vollgemacht, aber kaum ist das Feuchttuch entsorgt, schleicht sich die Nostalgie ein. Die Erinnerungen an früher, als alles einfacher schien – es in Wahrheit aber nicht war. Diese Verklärung ist das Thema des großen, bereits als Vorabsingle veröffentlichten Phoner-Dramas „Hello“ und der wunderbaren Jugend-Reminiszenz „When We Were Young“, geschrieben zusammen mit dem Wahnsinnstalent Tobias Jesso Jr. Schon super, wie elegant Adele diese Lieder singt: großes Kino, aber eben ohne Käsesauce auf den Nachos und zu viel Eis in der Cola. Es geht hier nicht darum, den Bond-Überhammer „Skyfall“ zu toppen, zum Glück.

Ein Superstar ist die Londonerin wegen solcher Songs. Darauf freuen sich Millionen. Trotzdem hält man neugierig Ausschau nach neuen Elementen. Eine Spurensuche: „Million Years Ago“ besitzt den Existenzialismus und die Melodie französischer Chansons, das Gerüst von „Send My Love (To Your New Lover)“ stammt noch aus Adeles Teenie-Jahren und zeigt ihre Bewunderung für Amy Winehouse, bevor das Stück in einem etwas käsigen Refrain mündet. Dennoch: bestes Radiofutter! Das gospelige „River Lea“ hat Danger Mouse produziert und erklingt in dem flachen Baukasten-Sound, den das Genie von vorgestern nicht mehr losbekommt. Da kuscheln wir lieber mit Adele im Gespensterschloss: „I Miss You“ ist ein Ansingen gegen die Angst vor der Einsam- und Dunkelheit, von überall her schwirren Stimmen – einer der besten Songs der Platte. Gelungen auch das Stück mit Co-Autor Bruno Mars: „All I Ask“ – eher großer Off-Broadway-Moment als moderner Bubblegum-Pop. Leider hat es mit Damon Albarn nicht so gut geklappt. Der frotzelte nach der gescheiterten Session, 25 sei mittelmäßig. Geschenkt, Albarn hat andere Ziele, er will experimentieren, Adele expandieren. Pop als globales Ereignis: Neun von zehn Menschen werden mit 25 etwas anfangen können.


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