Algiers Algiers


Matador/Beggars/Indigo

„Wenn Frieden die Bereitschaft bedeutet, sich wirtschaftlich ausbeuten, sich politisch beherrschen, sich erniedrigen und isolieren zu lassen, dann will ich keinen Frieden.“ So liest sich der erste Eintrag auf der mit zahlreichen Links versehenen Homepage der Band Algiers. Das Martin-Luther-King-Zitat aus dem Jahr 1956 steht hier im Kontext einer hierarchiefreien Sammlung von „Exponaten“ des kulturellen Aufbruchs, darunter Tourplakate von Suicide und Sun Ra, Plattencover des Afrobeat-Erlösers Fela Kuti, ein Konzertvideo der Einstürzenden Neubauten, der Hinweis auf einen Text des kapitalismuskritischen Philosophen Slavoj Žižek, ein Graffito: „Rich man’s war. Poor man’s blood“. Von dort bis zum neuesten Video des US-Trios ist es nur ein Katzensprung.

Algiers rufen auf ihrem Debüt die Geis­ter, die von Unterdrückung erzählen können, und stehen mit ihnen noch einmal auf, in voller Größe. Diese Gospelmusik erinnert an die Tage, als Soul der ­Groove einer Protestmusik der Minderheiten war. Sie biegt mit der Urgewalt des Punk um die Ecke und steht plötzlich im Hier und Jetzt vor uns. Franklin James Fisher ist der Prediger, der seine Stimme durch die Ruinen der Popgeschichte schickt, er tut das mit der Intensität von James Brown, befeuert von tiefschwarzen Chören und Donner-Beats. Er wird für die Ewigkeit eines Moments leise, wenn Welt und Musik stillstehen. Der Rest ist Noise. „Blood“, „Remains“, „And When You Fall“ – Songs auf der Warteliste zum modernen Klassiker. Zum Finale „Untitled“ versammeln sich alle Stimmen in der Intensivstation des Soul, als der Stecker gezogen wird, hallt der letzte Ton ein paar Sekunden im Echo nach. Herzstillstand.


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