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David Bowie The Next Day

Columbia/Sony Music

von

Immerhin ist es kein Geheimnis mehr, wo David Bowie sich zuletzt versteckt hatte: im Studio. Als er vor zehn Jahren verschwunden war, wurde noch nicht getwittert wie am Vorabend des 8. Januar 2013, seinem 66. Geburtstag, als er wieder auftauchte, im Internet eine Ballade sang und damit eine interessante Frage in den Raum stellte: „Where Are We Now?“ Leibhaftig hält sich Bowie nach wie vor verborgen. Aber dafür ist das vor zwei Monaten versprochene Album da, sein 30. und vielleicht sein letztes. Darauf deutet manches hin: Er hat sein HEROES-Cover mit dem aktuellen Titel überkleben lassen. Ein Alter Meister musealisiert sich selbst. Der Titelsong eröffnet die Platte, er empfängt einen in rechtschaffenem Glamrock und der Mitteilung: „I gonna say goodbye“. Im zweiten Stück bläst Bowie wieder Saxofon wie vor der Bowiewerdung in den Sechzigern. Im Text lässt er die Sonne untergehen. Bevor er zum Herzstück seines Albums und zur Ruhe kommt – „Where Are We Now?“ liegt wie ein klarer Bergsee zwischen 13 schrofferen Songs – geht es ums Alter. Seit „Where Are We Now?“ im Umlauf ist, häufen sich bittere Beschwerden. Bowie offenbare sich und ruiniere seine eigene Legende. Das Chamäleon. Der Mann, der vom Himmel fiel. Es ist ja auch schwer, ernst zu bleiben, wenn er den „Potzdamer Platz“ beschwört, die „Nuernberger Strasse“ und das KaDeWe, als sänge er vom Stadtplan. Aber schließlich singt er auch: „Just walking the dead“. Berlin war sein Exil, niemals seine Heimat. Er hat damals schon in lustigem Deutsch gesungen, „Helden“, übersetzt von Tony Viscontis deutscher Freundin; schon damals war er eher mit Geistern unterwegs. Auf HEROES stellte er Ernst Ludwig Kirchner nach, nach dem Gemälde Erich Heckels. In den Hansa-Studios löste er die Form des Popsongs auf, gemeinsam mit Brian Eno. Auf The Next Day setzt er seine Songs mit Tony Visconti wieder zusammen und füllt sie mit Weisheiten: „If you can see me, I can see you.“ Das Londoner Victoria & Albert Museum würdigt Bowie gerade in einer Gesamtschau, ohne dass die Kuratoren etwas von dem Album hätten ahnen können. Von einer Musik, die klingt, als kuratierten Bowie und Visconti eine weniger weihe­volle Gegenausstellung mit Songs, die „I’d Rather Be High“ und „Dancing Out Of Space“ heißen und die Gitarren fröhlich durch den Kosmos tanzen lassen. Es wird ausgiebig georgelt und getrommelt und dabei die Sterblichkeit beklagt. Es wäre ein gelungener Abschied: Bowie, der als Kunstfigur bereits komplett zerdeutet worden war, genießt die irritierende letzte Deutungshoheit über sich, den Künstler hinter der Figur. Die frohe Botschaft: Bowie ist kein Geist, er lebt, es geht ihm gut.

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