Die Ärzte auch


Hot Action Records/Universal VÖ: 13.4.

Die beste Band der Welt hat längst größere Zeitabstände zwischen ihren Alben – aber klingt immer noch nicht so – wie die andere beste Band der Welt, Radiohead. Fast ein halbes Jahrzehnt ist „Jazz ist anders“ her, aber die Singles aus diesem enormen Verkaufsbrummer dudeln immer noch im Popradio. Jazz ist anders war 2007 das von Fans mit großer Erleichterung begrüßte Eigenarschtritt-Album der Ärzte, nach einer Phase, in der es nach Auflösung gerochen hatte. Es zeigte eine Band, die den Spaß aneinander wiederentdeckt hatte, ihrem Spieltrieb die lange Leine ließ und in vieler Hinsicht Extreme auscheckte, mit einigen der besten und bescheuertsten (ein Positivum) Songs des Ärzte-Katalogs.

Es sollte also nicht verwundern, wenn die neue Platte an den frenetischen Überschwang jener Frischwindkur nicht heranreicht und auch nicht die – doch, ein valides Wort im DÄ-Kontext – Tiefe des Vorgängers auslotet, den die Band selbst rückblickend als „eher düster“ bezeichnet. Ein (vergleichsweise) ambivalent-dramatischer Knaller wie „Junge“ oder die Ska-gewordene Lebenshilfe „Lasse reden“ ist auf auch nicht drauf. Farin Urlaub beschränkt sich in seinen Liedern diesmal weitgehend auf die ganz leichte Muse, sieht man mal ab von den personal politics im Punkrock-Themensong (ein DÄ-Standard) „Ist das noch Punkrock?“ und dem theologisch-philosophisch-blasphemischen Exkurs „Waldspaziergang mit Folgen“, in dem der „gläubige Atheist“ (U. über U.) über „einen Gott bei mir im Regal“ falsettiert (!).

Es sind wieder die Farin-Songs, die am schnellsten ins Ohrwurmzentrum vordringen – eine Metal-Pastiche, ein Disco-Feger, Flamenco-Gedöns, der selbstreferenzielle Stil-Hackbraten „TCR“ inkl. Schnittstelle für Live-Späße. Das hat routinierten Schmiss, gewohnt hohe „production values“, Witz und Selbstironie, aber die letzte Schraubendrehung in Richtung Wahnsinn, der kompromisslose höhere Blödsinn und die „niveautechnische Grenzwertunterschreitung“ , die „TCR“ beschwört, fehlen seltsam. Wollen die Ärzte dieses Feld auf lange Sicht Deichkind überlassen?

Werbung

Im Sinne einer scheint’s angestrebten Band-Demokratie sind Bela B. und Rod González mit jeweils fünf Songs vertreten. Wobei Bela, seit er sein Vampir-Image zu, äh, Grabe getragen hat, mit seinem neuen Spezialgebiet reüssiert, dem privatistischen Problemsong, toll hier: „Bettmagnet“, ein Hilfeschrei aus der TV-verseuchten Matratzengruft. Und Beatles-Fan Rod hat wieder die verschwenderischsten, in irisierenden harmonischen Farben schillernden Pomp-Pop-Geräte am Start – allen voran das auf perverse Art anrührende „Tamagotchi“.

Klar ist bei all dem: Das Wasser muss den Ärzten erst noch gereicht werden – wird es je passieren? Die Alleinstellung dieser Band ist auf ewig unangreifbar. Und Farin Urlaub darf sich freuen, dass er wieder mal einem raren Fremdwort seinen mutmaßlich ersten Auftritt in einem Popsong verschafft hat: über „massive Aphasie“, schwere Sprechhemmung also, klagt er in dem Anbandel-Drama „Fiasko“ . Darunter leiden die Ärzte sicher nicht. Aber man hat sie schon schöpferischer loslabern gehört. Key Tracks: „Ist das noch Punkrock?“, „TCR“, „ ZeiDverschwÄndung“


ÄHNLICHE KRITIKEN

Prince :: Originals

Die Piloten seiner Hits für die anderen: Der gesamte Prince-Kosmos, verdichtet auf 15 Stücke.

Vampire Weekend :: Father Of The Bride 

Die Amerikaner haben ihre Popsongs auf Folk- und Countrynährböden gedeihen lassen und mit Prog und Barock abgeschmeckt. 

Von Wegen Lisbeth :: sweetlilly93@hotmail.com 

Lass-ruhig-laufen-Deutschpop, zu dem sich prima mit dem Segway zum Späti oder gleich direkt in die Hölle fahren lässt.  

Fuzzman :: Hände weg von Allem 

Viva la Widerspruch! Neues vom österreichischen Indie-Chansonnier. 

Spellling :: Mazy Fly  

Let your freak flag fly: herrlich schräger, kosmischer Synthie-Pop – von ganz weit draußen. 

Barrie :: Happy To Be Here 

Barrie aus Brooklyn liefern auf ihrem Debüt grazilen Dream Pop nahe der Perfektion.  

Paula Temple :: Edge Of Everything 

Die britische Produzentin begibt sich auf ihrem späten Debütalbum in die archaischen Klangräume des Techno. 

Kedr Livanskiy :: Your Need 

Ihren Mix aus Techno, Dream Pop, Shoegaze erweitert die Produzentin aus Moskau um Einflüsse aus Dub, House und Avant-Pop. 

Stefan Goldmann :: Tacit Script 

Der Berliner Klangkünstler erschafft Neue Musik mit den Mitteln des Techno. 

Big Thief :: U.F.O.F. 

Weniger Laut-Leise, mehr Filigranität: Indie-Folk am Rand der Perfektion. 

Filthy Friends :: Emerald Valley 

Supergroupdasein ganz solide: Die Buck’n’Tucker-Band spielt sich den Frust an den kapitalistischen Verhältnissen vom Leib. 

Lisa Morgenstern :: Chameleon

Die Berliner Musikerin zelebriert zwischen Neo-Klassik und Ambient die große Geste.

The Pearlfishers :: Love & Other Hopeless Things

Großer, klassischer Pop zum traurigen Abschied von Marina Records. David Scott gibt nochmal alles.

Josefin Öhrn And The Liberation :: Sacred Dreams

Die Schwedin ist nach London gezogen – und hat ihre Psychedelic-Übungen teils stark rhythmisiert.

The Cranberries :: In The End 

Das letzte Album der irischen Alternative-Rock-Band entstand aus Demoaufnahmen mit dem Gesang der verstorbenen Dolores O’Riordan. 

Gang Of Four :: Happy Now

Ein knarziges Antirock-Album, das im Elektro-Funk seinen Standort sucht.

The Mountain Goats :: In League With Dragons 

Bläser-Bass-Science-Fiction-Fantasy mit Country-Ausflügen, bei John Darnielle bleibt vieles anders. 

Josh Ritter :: Fever Breaks  

Der US-Songwriter holt sich prominente Unterstützung – und klingt kraftvoller als zuletzt. 

Ezra Collective :: You Can’t Steal My Joy

Ein Jazz-Album, das alte Genregrenzen schneller verlässt, als man zuhören kann. 

Bear’s Den :: So That You Might Hear Me

Folk-Pop: Keine Überraschungen aus der Bärenhöhle.

Ekiti Sound :: Abeg No Vex

Der britisch-nigerianische Produzent legt eine Dancefloor-orientierte Collage aus HipHop, Afrobeat, Drum & Bass und insulanischer Soundsystem-Kultur vor.

Brian Harnetty :: Shawnee, Ohio

In seinen Kammerfolk- und Interview-Collagen lässt der Sonic Ethnographer eine empathische Erzählung entstehen.

Marina :: Love + Fear

Für ihren Neustart verschwinden The Diamonds im Schmuckkästchen. Musikalisch setzt Marina auf Elektro-Pop. 

Gus Dapperton :: Where Polly People Go To Read 

Pop als Wundertüte, fein arrangiert von einem Internet-Phänomen. 

Stealing Sheep :: Big Wows 

Kritik an der digitalen Überinformationsgesellschaft mit affirmativem Elektro-Pop.

Wand :: Laughing Matter

Psych-Garage-Rock auf der Suche nach der Liebe in Zeiten des Unheils: Bisschen den Fokus zu verengen, hätte hier Wunder bewirkt. 

Kelsey Lu :: Blood

Kammermusik, Folk, Dream Pop, Soul, Ambience: Die Sängerin und Cellistin gibt auf ihrem Debütalbum das Versprechen einer neuartigen, anderen Popmusik.

The Chemical Brothers :: No Geography

Retro-Dance zwischen Sample-Orgie, Big Beats und Hi-NRG.  

Mine :: Klebstoff

Der Begriff des „Deutschpoeten“ ist verbrannt, dabei würde er auf den eigenwilligen Pop-Entwurf von Mine ausnahmsweise zutreffen. 

Damien Jurado :: In The Shape Of A Storm

Eine wunderbare, ganz besonders reduzierte Folkplatte.

Fontaines D.C. :: Dogrel

Endlich das Debüt: Post-Punk made in Ireland. 

Norah Jones :: Begin Again

Jazz-Pop: Ein kleines Album der Grammy-Gewinnerin, das mit schöner Unentschlossenheit und zwei Jeff-Tweedy-Produktionen punktet.

Bibio :: Ribbons

(Irish) Folk, Pop und duftender Blümchen-Soul – der britische Produzent kehrt zu einem klar definierten Songwriting zurück.

Fucked Up :: Dose Your Dreams

Was Punk alles kann! Große Revue eines beschissenen Lebens, mit Bläsern, Streichern und J Mascis.

Eric Copeland :: Trogg Modal Vol. 1.

Noise-Avantgardist arbeitet an der Clubmusik einer nicht allzu fernen Zukunft.

The Salesman :: Regie: Asghar Farhadi

Noch entschleunigter geht nicht: Asghar Farhadi bringt einen Thriller in Zeitlupe auf die Leinwand.

Jackie :: Regie: Pablo Larraín

Ein Biopic, das nicht im Traum daran denkt, sich an die Konventionen eines Biopics zu halten.

Manchester by the Sea :: Regie: Kenneth Lonergan

Ein Film wie eine Ice Bucket Challenge in Slow Motion.

Nocturnal Animals :: Regie: Tom Ford

Tom Ford begibt sich vom Olymp der Schönheit in die Niederungen der menschlichen Existenz.

The Rolling Stones :: Blue & Lonesome

Die Rolling Stones zollen mit einem Cover-Album ihren (Rhythm’n’)Blues-Helden Tribut.

Sully:: Regie: Clint Eastwood

Geschichte muss nicht immer trocken und langweilig nacherzählt werden. Clint Eastwood macht es trotzdem

Lady Gaga::Joanne

Ein Album zwischen Vaudeville-Pop, Novelty-Music, Country und Soul. So bunt wie die Gäste: Josh Homme, Father John Misty, Kevin Parker...

Nick Cave And The Bad Seeds :: Skeleton Tree

Der Quasi-Soundtrack zur Filmdoku „One More Time With Feeling“. Nick Caves Meisterwerk des Minimalismus im Songformat.

Ghostbusters :: Regie: Paul Feig

Schon lange vor dem Kinostart ging das große Meckern los. Doch das eigentliche Problem ist nun: Die Neuauflage ist wirklich...

Toni Erdmann :: Regie: Maren Ade

Film des Jahres? Aus Deutschland? Maren Ade macht's möglich.

Aphex Twin::Cheetah EP

Auf seinem fünften Release in knapp zwei Jahren inszeniert sich die irische Electronica-Legende sehr milde

The Neon Demon :: Regie: Nicolas Winding Refn

„Drive“-Regisseur Nicolas Winding Refn verliert sich in den Intrigen und Oberflächkeiten der Modewelt.

Autechre :: elseq 1–5

Das Opus magnum der Elektronik-Avantgarde aus Manchester. Vier Stunden, fünf Alben, 21 Tracks.

The Witch :: Regie: Robert Eggers

Es war einmal... ein Horrorfilm, wie es so noch keinen gab.

Mängelexemplar :: Regie: Laura Lackmann

Sarah Kuttners erster Roman verfilmt: Punchlines, Farben wie in der Bravo und Laura Tonke, die alles herausreißt.

Hardcore :: Regie: Ilya Naishuller

Auf die Plätze, fertig, Dauerbeschuss: Einmal in Echtzeit durch die Hölle und zurück.

Zoomania :: Regie: Byron Howard, USA 2016

Disney lässt die Tiere wieder sprechen. Und Shakira singt dazu.

AFX :: Orphaned Deejay Selek 2006–08

AFX alias Aphex Twin alias Richard D. James mit einer weiteren Archivausgrabung.

Einstürzende Neubauten :: Lament

Die Zeiten werden politisch gesehen wieder unruhiger. Grund genug für die Berliner Industrial-Band, ein Warnsignal zu setzen. Sie erinnert an...

Pink Floyd :: The Endless River

New Age: Um eine oft gestellte Frage aus dem Vorfeld zu beantworten. THE ENDLESS RIVER ist besser als sein Coverartwork....

Farin Urlaub Racing Team :: Faszination Weltraum

Nicht immer unfallfreier Deutschrock, der nur noch von Farins Ohrwurmkommando zu retten ist.

Wanda :: Amore

Die Geburt von Austro-Indie: Die Wiener Band klaut sich die besten Ideen von Ambros, Danzer und Falco zusammen und fährt...

Thom Yorke :: Tomorrow's Modern Boxes

Die Überraschung war das Album selbst, nicht sein Inhalt: Die elektronische Musik des Radiohead-Sängers ist gut, wirkt aber stellenweise zu...

U2 :: Songs Of Innocence

Geschenkt ist noch zu teuer: Wer das neue Album der Pop-Superstars U2 in seiner iTunes-Mediathek findet, kann es ungehört löschen.

The Strypes :: Snapshot

Die angesagteste Schülerband der Welt stellt den Ur-Rock‘n‘Roll nach.

Wooden Shjips :: Back To Land

Eine der wichtigen neuen Bands des Psychedelic Rock wählt einen zu geraden Weg.

Blood Orange :: Cupid Deluxe

Ganz groß: Aufreizend an- und ausziehender Funk- und Soul-Pop, der die 80er- und 90er- Jahre auswendig zu kennen scheint.

Eminem :: The Marshall Mathers LP 2

Voll unter Strom: Dem Superstar des Rap gelingt der Anschluss an alte Zeiten. 

Lady Gaga :: Artpop

Das dritte Lady-Gaga-Album heißt ARTPOP. Es ist weder das eine noch das andere, sondern Holzhammer-Dance-Music.

Jupiter Jones :: Das Gegenteil von Allem

Deutschpoprock mit Kopf und Herz: Jupiter Jones gelingt nur noch knapp die Gratwanderung zwischen Major-Ausverkauf und Punkrock-Background.

Casper :: Hinterland

Mittelmaß für die neue Mitte: das dritte Album des „Rappers“ aus Lemgo.


ÄHNLICHE ARTIKEL

„Special – Ein besonderes Leben“ ist die beste Netflix-Serie seit langer Zeit

Endlich einmal eine Serie über das Leben mit Behinderung, ganz ohne diesen komplett problembehafteten Ansatz und traurig-düsteren Überzug.

Wutausbrüche, Massenauflauf und große Kunst: „Christo – Walking on Water“

Die Doku zeigt einen Künstler und seine Crew kurz vor dem Nervenzusammenbruch, aber auch 20.000 Menschen, die gleichzeitig über’s Wasser laufen.

„Leaving Neverland“: So schlecht fühlt man sich nach der Jackson-Doku

Mit Wade Robson und James Safechuck werden zwei Männer interviewt, die aussagen, sie wären jahrelang von Michael Jackson missbraucht worden. Am 6. April wird die Doku um 20.15 Uhr via ProSieben ausgestrahlt. „Lohnt“ sie sich?

Werbung

MagentaTV erleben: Digitales Fernsehen mit Internet- und Telefon-Flat zum Aktionspreis

Digital-TV mit Internet- und Telefon-Flat: Zeitversetzt fernsehen auf 100 Sendern/20 HD, Zugriff auf Streaming-Dienste, Serien & Filme in der Megathek

Jetzt Bestellen

Von „Frank” zu „Walk The Line”: Diese 10 Musikfilme solltet Ihr gesehen haben
Weiterlesen