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Album der Woche

Greentea Peng Man Made


Caroline/Universal (VÖ: 4.6.)

von

Bitte einmal ganz weit den Mund öffnen und „Ahh“ sagen. Besser noch: die Ohren auf und ja, auch die Tiefen der Seele. „This sound is medicine now open wide and let it in”, säuselt Aria Wells alias Greentea Peng bereits auf dem zweiten Song ihres Debüts MAN MADE. Dass ihr psychedelischer R’n’B wie Medizin wirkt, ist nicht nur metaphorisch gemeint. Das Album wurde auf 432 Hertz gestimmt, abseits von dem, was sie babylonische, in der Musikwelt genormte, Standards nennt. Der Frequenz wird eine heilende oder zumindest beruhigende Wirkung nach gesagt. Und zu heilen gibt es einiges: bei Wells selbst, aber auch in uns und der Welt im Allgemeinen.

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Das letzte Jahr forderte die Südlondonerin heraus. Sie verlor ihren Stiefvater, die Pandemie erzeugte Frust und die antirassistischen Proteste ließen sie nicht los. Was sich in ihrem Inneren angestaut hatte, brach in einem Schwall aus ihr heraus. MAN MADE ist – nach zwei EPs in den vergangenen Jahren – aus diesem kathartischen Moment heraus entstanden. Was wir heilen müssen und vor allem wie wir heilen können, das ist das thematische Floß, mit dem Wells, ihre therapeutischen Schwingungen und spirituellen Andeutungen über ihren R’n’B schippert.

Auf „Kali V2“ drängt sie dazu, weiter laut gegen Ungerechtigkeiten zu sein und mit „Suff er“ stößt sie an, sich tief in die Seele zu blicken. Wells setzt in ihren esoterisch-philosophischen Gedankengängen auf Inklusion, nicht auf individualistische Abschottung: „Basically what’s hurting you is hurting me / We’re going through this shit collectively.“ Da können auch gerne spirituelle Figuren wie die hinduistische Göttin Kali oder zum Beispiel eine himmlische, mütterliche Gestalt bei „Mataji Freestyle“ Kraft spenden. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann eben „Party Hard“: „Free your mind / Take some fuckin‘ shrooms!“

Ein Selbsthilfe- Trip auf dem Dancefloor musikalischer Selbstentfaltung

Ihre Erkundungsreise ist auch eine musikalische mit ihrer Band The Seng Seng Family, deren einzige Maxime ist, jede Inspiration mit offenen Armen willkommen zu heißen. Die lyrischen Introspektionen schlingen sich um ein Mandala aus Dancefloor-Rhythmen, melodischen R’n’B, Neo-Soul und allem, was gerade passt, seien es federleicht jazzige Trompeteneinlagen oder psychedelisch zähe Gitarrensoli. Wie oder ob dieses Gebräu genretechnisch überhaupt einzuordnen ist? Wells selbst gefällt die Bezeichnung psychedelischer R’n’B, doch das betont nicht die enorme Durchlässigkeit für Musikrichtungen von Reggae über Punk bis Jungle. Ein Song wie „Nah It Ain’t The Same“ gleitet von groovigen HipHop-Beats geschmeidig in eine an Drum‘n’Bass erinnernde Jamsession über.

„You gotta free your mind from their confines / Conditioning our whole tribe with misbelief and division”: Auf „Be Careful“ besingt Wells ihr Vorhaben der eigenen sowie kollektiven Befreiung von dem, was sie Babylon nennt – den menschengemachten Unterdrückungen, mentalen Notständen oder eben musikalischen Normen. Aria Wells lädt mit ihrem irrsinnig inklusiven, quasi-esoterischen Musikansatz zu einem Selbsthilfe- Trip auf dem Dancefloor musikalischer Selbstentfaltung ein und zwinkert uns zu: Ich bin auf einer Reise zu mir selbst – seid ihr auch dabei?


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