Grimes Art Angels


4AD VÖ: 6. November 2015

Wenn der Begriff Hipster fällt, stellt man sich seltsamerweise erst einmal einen Mann vor: Bartträger mit dünnen Beinchen in enger Jeans auf einem Rennrad. Ein Bescheidwisser, der vor allen anderen guten Geschmack absteckt. Und der weibliche Hipster, wie sieht der eigentlich aus? Etwa so wie Grimes, mit der coolen uncoolen Klamotte, den Adiletten, dem in Hubba-Bubba-Farben getöntem Haar, den tätowierten Handrücken? Oder ist das jetzt, im Jahr 2015, der Look eines astreinen Popstars?

Claire Boucher, die Person hinter der Bühnenfigur Grimes, muss sich zu ihrem Leidwesen mit dieser Frage auseinandersetzen – auf ihre Musik bezogen meint sie nichts anderes als: Nische oder Mainstream, Indie oder Pop, allen voraus oder jetzt bloß noch mittendrin?

Als 2012 ihr drittes Album VISIONS erschien, wurde Grimes als Web-Phänomen gefeiert, ihr Elektropop als „post-internet“ bezeichnet, weil darin die Auflösung von Identitäts- und Kulturdiskursen stecken sollte. Alles im Fluss, wie das Netz. Dass sie sich jetzt mit ihrer neuen Platte ART ANGELS wieder mit Genrediskussionen auseinandersetzen muss, ist nur selbstverständlich in einer Zeit, die auf Likes ausgerichtet ist und Geschmacksfragen gern in (Hass-)Kommentarspalten verdichtet. Dabei wollte die Kanadierin all das umgehen.

Kooperation

Sie wiederhole sich ungern, erzählt sie in der kommenden ME-Titelgeschichte. „Deswegen habe ich versucht, bei jedem Song eine andere Soundpalette zu benutzen: Mal hat es sich gut angefühlt, zu schreien, mal auf einer Miniharfe zu spielen und den Gesang durch einen bizarren Filter zu jagen. VISIONS war viel eintöniger.“ Eintönig war VISIONS nun nicht gerade. Das Album lebte auch von der Vorstellung, dass ein Jeder sich wie Boucher mit Laptop und „Garage Band“ in seinem Kinderzimmer verschanzen konnte, um mit einer Mischung aus Synthpop, Electro, Wave, Nu-Metal und und und the next hot ticket zu werden.

Genau deshalb soll man der Platte wohl auch sofort anmerken, dass Grimes mit VISIONS nicht als Glückstreffer dastehen will. Sie hat sich Zeit gelassen, groß auszuholen, hat rumprobiert, Ideen teilweise wieder verworfen, zudem gelernt Gitarre und Geige zu spielen. Was ART ANGELS im Gegensatz zum Vorgänger noch viel offener, experimentierfreudiger und auch selbstbewusster klingen lässt.

„laughing and not being normal“ ist der beinah lachhaft normale Streichquartett-plus-Piano-Einstieg für das Album, gefolgt von der sommerlichen Popnummer „California“, einer kleinen Ode an die verspiegelte Oberflächlichkeit ihrer neuen Wahlheimat. Wem das zu sehr nach Madonna klingt und konventionell erscheint, wird sofort danach abgeholt für den nächsten Genre-Ritt: auf „Scream“ singschreit sich die taiwanesische Musikerin Aristophanes, die Grimes im Internet entdeckt hat, in ihrer Landessprache zu einem unaufgeregten Beat durch zweieinhalb Minuten Stakkatorap.

Diesen anspruchsvollen Brüchen (und den etwas sich dahinschleppenden, hochgepitchten Stücken wie „Pin“ und „World Princess Part II“) stehen trotzdem tipptopp Momente üppigen Pops gegenüber: die Single „Flesh Without Blood“ schrammt haarscharf genug an reinventing Kelly Clarkson vorbei, um als großartig durchzugehen. „Realiti“ und besonders „Kill V. Maim“ haben große, melodiöse Hooks, mit denen man ein Stadiumspublikum unterhalten könnte.

Wahrscheinlich tut man Boucher Unrecht, wenn man behauptet, „Venus Fly“ (feat. Janelle Monáe) könnte die beste Single sein, die Gwen Stefani nie aufgenommen hat. Weil: sie a) bestimmt gar nicht weiß, wer das sein soll, und b) das Stück mit einer Westernsaloon-Coda ausklingt. Und da haben wir es: Wenn es zu poppig wird, zieht Grimes einfach einen Strich, schmal und dunkel, wie mit einem Kajal, um den Mainstream mit der erforderlichen Note Indie anzumalen. It’s hip to be square, and it’s hip to dare.


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