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Haftbefehl Russisch Roulette


Urban/Universal

von

Ein deutscher Rapper erklärt seinem Widersacher mit Migrationshintergrund, er solle „aufgrund deiner Nationalität besser aufpassen, was du sagst, als Gast“. Ein anderer pinkelt seinem Kontrahenten in die Fanta und filmt ihn heimlich beim Trinken, mit seiner Ex als Lockvogel. Ein wiederum anderer macht ein Video mit Hitler. Weil: Hitler. Um so was ging es zuletzt im Deutschrap. Eher selten ging es um: Musik.

Auch in dieser Hinsicht kommt RUSSISCH ROULETTE zur rechten Zeit. Denn Haftbefehl konzentriert sich auf seinem ersten Major-Album mit erstaunlicher Konsequenz auf die Essenz seiner Kunstform: Beats, Rhymes & Diswoichherkomm. Inhaltlich kehrt er dabei zu seinen Wurzeln zurück und berichtet mit gewohnter Detailfreude aus dem Alltag eines Offenbacher Jungen zwischen großen Träumen und kleiner Kriminalität; seine neue Persona als Magnumflaschen köpfender Scheineschmeißer lässt er mit Ausnahme der Single „Saudi Arabi Money Rich“ weitgehend außen vor.

Technisch aber liefert er mit bislang ungehörter Konsistenz, was Kollegen und andere Rap-Connaisseure seit seinem plötzlichen Auftauchen auf der Bildfläche im Jahr 2009 voll Ehrfurcht vom größten deutschen MC-Talent seit dem jungen Kool Savas sprechen lässt. Irre Flows, wilde Wortkreationen, Slang aus gefühlt 63 065 Sprachen, Silben wie Scharfschüsse. Und was am Zeilenende nicht passt, wird mit unvergleichlicher Gelassenheit passend gemacht.

Hinzu kommt ein überraschend sicheres Händchen für die ewige Problemdisziplin „nachdenklicher Straßenrap“ – etwa in den drei Teilen von „1999“, die gleichzeitig skizzenhaft daherkommen und dem Album ihr narratives Gerüst verleihen – sowie ein so kontrastreiches wie kohärentes Soundbild aus den Händen von Produzent Benny Blanco (Gentleman, Azad, Celo & Abdi). Echter Rapper, echter Klassiker.


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