Hinterlandgang
VIELLEICHT WIRD ALLES GUT
Audiolith/Broken Silence (VÖ: 9.1.)
Das Electro-Rap-Punk-Duo schickt neueste Nachrichten aus der ostdeutschen Provinz.
Ostseestrand und Bodden, mondäne Seebäder, Urlauber, endloser Horizont, leere Landschaften: So sieht es aus in Vorpommern, aber so stellt man sich ein Ghetto jetzt nicht unbedingt vor. Die Hinterlandgang beweist auch mit VIELLEICHT WIRD ALLES GUT wieder mal, dass HipHop nicht zwangsläufig im urbanen Umfeld wachsen muss. Albert Münzberg und Pablo Himmelspach stammen aus Siedenbüssow, einer von sieben Ortsteilen der Gemeinde Alt Tellin, insgesamt 366 Einwohner.
Dort lernt man schnell, dass strukturschwach auch nur ein anderes Wort für Verwahrlosung und Ausweglosigkeit ist – und aus dieser Haltung schickt das Duo, wie sie gleich im ersten, sinnig „Anfang“ getauften Song erklären, Nachrichten aus diesem Teil des Landes, das unter den Überlandleitungen liegt, durch das die Schnellzüge nur durchrasen, aus „dem Osten, hier zwischen Touri-Idylle und Gartenzäunen, die rosten“, eben „Geschichten von den Menschen, die langsam verschwinden“. Durch diese Geschichten fließen Alkohol und Blut, Wut und Verzweiflung, Gewalt und nicht selten Pathos, während die Beats kräftig pumpen, die Gitarren immer auf die Zwölf hauen und Synthieflächen an die Decke der Indie-Disco projiziert werden.
Es sind Nachrichten aus dem toten Winkel zwischen Club und Lagerfeuer, zwischen Abhauen und Dochhierbleiben, zwischen Angst vor Nazis und der Hoffnung, dass doch alles gut wird, zwischen dem romantischen Gestern eines „Sommer in Vorpommern“ und dem Jetzt, wie es in „Her mit dem schönen Leben“ beschrieben wird: „Verlassene Geschäfte, verfallene Fassaden, Parolen an den Wänden, Jugendzentrum, Kleingaragen.“ So wie die Hinterlandgang den Electro-Rap-Punk nicht neu erfindet, variiert sie auch nur ihre ewige Botschaft, dass der Osten noch nicht verloren ist – und nicht verloren gegeben werden darf. Aber diese Botschaft ist eben wichtig.
Diese Review erscheint im Musikexpress 2/2026.



