Spezial-Abo

Jackie Regie: Pablo Larraín


USA/Chile/China 2016, Kinostart: 26. Januar 2017

Wer war eigentlich diese Jacqueline Kennedy Onassis? Eine Frau, die sich glamourös gab. Eine Stilikone. Unkaputtbar. Unnahbar. Eine, die sich nicht nur über ihren Mann definieren lassen wollte. Eben alles andere als nur die First Lady. Da versteht es sich von selbst, dass der chilenische Regisseur Pablo Larraín („No“) mit seinem Biopic auch nicht den normalen Weg geht.

In „Jackie“ bekommen wir also nicht den klassischen Rise & Fall eines Stars vorgeklatscht. Die Geburt in Southampton spielt genauso wenig eine Rolle wie ihre Bemühungen um die Kulturförderung. Wenn juckt das auch? Haben wir schon x-Mal gesehen und x-Mal wieder vergessen. Larraín rückt viel lieber die Woche nach dem Attentat auf John F. Kennedy im Jahr 1963 in den Fokus. Sieben Tage, in denen ihr Leben komplett außerhalb des normalen Clusters verlief.

Den Rahmen für die Story bildet ein Interview mit dem Journalisten Theodore H. White (Billy Crudup), das später im LIFE Magazine erscheinen sollte. Eine zähe Angelegenheit. Jackie macht von Anfang an klar, dass dieses Feature nur so veröffentlicht werden kann, wie sie es haben möchte. Ihre Sichtweise, ihre Wortwahl. Dabei geht es ihr hauptsächlich darum, dass Vermächtnis ihres Mannes zu sichern. Immer wieder drängt sie White das Musical „Camelot“ und die Analogie zu ihrem Mann auf, der es wohl so gerne nachts hörte und in dem es heißt: „Don’t let it be forgot that for one brief shining moment there was Camelot.“ Und genau damit schaffte sie ihm ein Denkmal.

Eine anderthalb Stunden lange Schockstarre

Jackie Kennedy bleibt nach dem Tod ihres Ehemanns keine Zeit. Sie wird sogleich zum Auszug aus dem Weißen Haus aufgefordert und auch im LIFE-Interview wird deutlich, dass White nur allzu gern von ihr wüsste, was sie als nächstes machen wird. Zeit, um mit dem Verlust fertig zu werden, bleibt wenig. Die Stärke von Larraíns Werk ist es, diese einschneidenden Momente der Veränderung extrem langsam und extrem schnell zugleich darzustellen. Die Entscheidung zwischen pompöser Zeremonie oder einer vollkommen abgeschotteten Beerdigung, wird für den Zuschauer gefühlt von einer Sekunde zur nächsten getroffen – und dann wieder umgeworfen. Ein Augenblick, in dem die Disharmonie der Zeit noch stärker auf den Punkt gebracht wird: Lyndon B. Johnson legt seinen Amtseid im Flugzeug ab, gleich nachdem JFK niedergeschossen wurde und Jackie nun in die Leere vor sich hinstarrt. Puh.

Die makellosen Closeups der ebenso makellos hergerichteten Natalie Portman sind wie ein Fünf-Gänge-Menü für die Augen. Beständig wechselt Portman zwischen den vielen Facetten ihrer Figur: erst würdevoll, dann verzweifelt und dann wieder äußerst liebevoll, wenn es beispielsweise um ihre Kinder geht. Die Aufnahmen sind ikonisch und könnten auch problemlos aus einem Bildband über die echten Kennedys stammen.

Pablo Larraín betreibt mit „Jackie“ dennoch keine Imagepflege im Namen der Kennedys. Dafür geht er oft genug viel zu drastisch und fast schon rücksichtslos in seiner Charakterstudie vor. Und auf Vollständigkeit der historischen Ereignisse gibt er rein gar nichts. Larraín scheint vielmehr so vernarrt in den Wunsch, herauszufinden, was zu der damaligen Zeit im Kopf der First Lady vorging, dass er auch uns zum Hinschauen ohne Blinzeln zwingt.


Folgt uns auf Facebook!



ÄHNLICHE KRITIKEN

Prince :: Originals

Die Piloten seiner Hits für die anderen: Der gesamte Prince-Kosmos, verdichtet auf 15 Stücke.

Vampire Weekend :: Father Of The Bride 

Die Amerikaner haben ihre Popsongs auf Folk- und Countrynährböden gedeihen lassen und mit Prog und Barock abgeschmeckt. 

Von Wegen Lisbeth :: sweetlilly93@hotmail.com 

Lass-ruhig-laufen-Deutschpop, zu dem sich prima mit dem Segway zum Späti oder gleich direkt in die Hölle fahren lässt.  


ÄHNLICHE ARTIKEL

Moby teilt neue Single „Too Much Change“ – inklusive Musikvideo

Mobys Song zur Coronakrise: Was macht das Virus mit der Welt und wie wird es sie weiterhin verändern?

Dünne Höhenluft, noch dünnere Handlung: Die Serie „Into The Night“ auf Netflix

Fasten your seatbelts: In „Into The Night“, der ersten Netflix-Serie aus Belgien, fliegt eine Passagiermaschine durch die Dunkelheit. Einziges Ziel: dem Tod durch Sonneneinstrahlung zu entgehen. Das absurde Endzeitszenario wird leider holprig erzählt und verliert sturzflugartig an Spannung. Auch eine gute Besetzung rettet das Sci-Fi-Thrillerdrama nicht vor der Bruchlandung.

„Paardiologie“: Intimer Seelen-Strip mit therapeutischer Wirkung

Ein Podcast über Liebe, Sex, komplexe Gefühlswelten und kleine Geheimnisse – klingt erst einmal nicht nach einem besonderen Alleinstellungsmerkmal. Aber „Paardiologie“ mit Charlotte Roche und ihrem Mann Martin Keß ist anders. Besser. Und intimer als alles, was Ihr bisher von fremden Menschen gehört habt. 


25 Jahre nach „Mmm Mmm Mmm Mmm“: Was wurde eigentlich aus… The Crash Test Dummies?
Weiterlesen