Album der Woche

Jenny Wilson Exorcism


Gold Medal/Kobalt/AWAL/Broken Silence

von

Als Musikrezensentin stößt man auf viel Unerträgliches. Etwas weniger Erträgliches als dieses Album ist mir jedoch noch nicht untergekommen. Jenny Wilson thematisiert auf ihrem fünften Album sexuelle Gewalt samt ihrer Folgen und das so explizit, dass es wehtut. Allein nach dem Anhören der Single „Rapin’“ und dem Ansehen des Videos dürfte auch der Abgebrühteste eine Pause brauchen. Die Beschreibung des Überfallenwerdens auf dem Heimweg von einer Party ist zu bekannt, zu schlimm, zu präsent. „I’m a victim‚ ’cause there’s nobody around“, Scheiße, Ja.

JENNY WILSON – RAPIN* auf YouTube ansehen

Wilson ist eine von 2 000 schwedischen Frauen, die im vergangenen Jahr einen Brief unterzeichneten, in welchem sie berichteten, Opfer von sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen in der Musikindustrie gewesen zu sein und die warnten: „We know who you are“. Wilson wusste bereits kurz nach der Tat, dass es dieses Album eines Tages geben würde. Sie hat dabei alles selbst gemacht, produziert, geschrieben und veröffentlicht es über ihr eigenes Label.

Traumatisierung wird schmerzlich nachvollziehbar

Erst sei die Musik entstanden, meist düsterer Elektro, Industrial, viel Synthesizer und schwere Beats, erst dann die Texte – manisch, wie sie sagt. Neun Songs klingen wenig, wirken hier aber wie eine Ewigkeit. Denn sie sind nicht tröstlich, machen nichts gut, sie versprechen einem keinen Gewinn. Die Traumatisierung wird schmerzlich nachvollziehbar, immer wieder erzählt sie von der Tat, von dem Täter, von ihrem Umfeld und der Gesellschaft.

In „Lo’Hi‘“ etwa geht es um die Problematik des Opferstatus. Mit verzweifelnd klingender Stimme fragt sie: „Wanna know my secret?“, und versichert der angesprochenen Person, dass sie „Nein“ gesagt habe und dass dieses „Nein“ ignoriert wurde. „Who am I?“, singt sie in „Disrespect Is Universal“. „I am any­one“. Versöhnung und Durchhalteparolen gibt es auf EXORCISM nicht, aber: „I’ve got the talent to tell“ – das ist weitaus ehrlicher. Auch mit dem Blick in die Zukunft gönnt sie uns nicht viel. „It’s Love (And I’m Scared)“, „It Hurts“ und „Your Angry Bible“ thematisieren eine problematische Beziehung nach dem Angriff, die Suche nach Liebe.

Gewalt an Frauen bleibt Realität

„The future is a disappointment“, resümiert Wilson im letzten Stück „Forever Is A Long Time“ und wer bis eben noch kein gebrochenes Herz hatte, hat es jetzt. Nichts wird einfach so gut, nichts ist glatt, traumatische Erfahrungen sind nicht abgeschlossen und Gewalt an Frauen bleibt Realität. Das bedeutet nicht, dass es einen für immer definieren muss, zumindest das ist die gute Nachricht. „It’s gonna be alright“, lässt Wilson eine Person mantraartig sagen. Dass ich mir ein Album kein zweites Mal anhören werde, hat zum ersten Mal nicht mit seiner Qualität zu tun.


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