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Lady GagaJoanne


Interscope/Universal

So funktioniert Musik-Marketing im Jahr 2016. Erst einen Song raushauen, dann ein Datum posten, dann Fotos aus dem Studio, dann ein Bild, das das Albumcover sein könnte – und das Internet dreht komplett durch. Im Verlauf der Social-Media-Kampagne für das fünfte Lady-Gaga-Album JOANNE wurden immer mehr ihrer Kooperationspartner „geleakt“ oder geschickt medial platziert. Man hatte das Gefühl, schon Wochen vor der Veröffentlichung alles über das Album zu wissen. Angesichts der Namen der beteiligten Musiker, Komponisten und (Co-)Produzenten war von Anfang an klar: JOANNE wird Lady Gagas Indie-Album nach dem enttäuschenden, halbgaren Massenanbiederungsding ARTPOP, das die Massen 2013 kalt gelassen hat.

Josh Homme ist dabei und Joshua Tillman aka Father John Misty, Kevin Parker (Tame Impala), Florence Welch (Florence & The Machine) und Beck und Mark Ronson, dessen Mythos als Wunder-Produzent allerdings langsam einmal von der Realität bestätigt werden müsste. Beim ersten Hören bleiben die Beiträge der Gäste nahezu unbemerkt. Wo, bitteschön, macht sich auf „Perfect Illusion“ der Einfluss von Kevin Parker bemerkbar? Vielleicht wird er weggedrückt von der Präsenz Gagas, ihrer Stimme, die sie auf JOANNE fast schon penetrant in den Vordergrund rückt.

JOANNE ist nicht Gagas Indie-Album, aber es ist ein „kleines“ Album für ihre Verhältnisse. Nicht nur, weil es im Zeitalter des Aufmerksamkeitsdefizits niemals eine vergleichbare Wirkung haben wird, wie die Monsterdinger THE FAME oder BORN THIS WAY. Auch weil Gaga nicht die musikalische Provokation sucht, die zu einem großen Teil zu ihrem Ruhm beigetragen hat, die grellen, fast schon ironisch gesetzten Effekte aus Eurodance und dem Electronic-Rock der Post-Justice-Ära fehlen hier. Gaga klaut sich ihre Musik aus anderen Ecken der Popgeschichte zusammen: Vaudeville-Pop, Novelty-Music, Country, Soul, Pop Noir.

Genau zweimal gibt es auf JOANNE eine Kickdrum zu hören: in „Diamond Heart“, und der ersten Single „Perfect Illusion“ – die beiden einzigen Zugeständnisse an die Gaga-Kommerzialität der frühen Jahre. Gerade „Perfect Illusion“ soll der ganz große Wurf sein, ein überlebensgrößer Pop-Song, scheitert aber, so wie viele Versuche, wenn Popmusiker den Rockstar geben. „Hey Girl“ mit Florence Welch dagegen ist ein ganz wunderbarer Funk-Soul-Schleicher. „A-Yo“ spielt mit tribaler Percussion. Die Unterschiede stecken im Detail. Zum Beispiel in „Dancin’ In Circles“, dem der Einfluss von Beck anzuhören ist. Er jubelt einem Popsong ein paar stolpernde Rhythmen und verzwirbelte Wendungen unter. Überhaupt spielen sich im Hintergrund der Songs Dinge ab, die man auf einem Mainstream-Pop-Album nicht unbedingt erwarten würde. Und die drei Balladen, der Titelsong „Joanne“ (ein Country-Folker), das vom Piano getragene „Million Reasons“ und das religiös gemeinte „Angel Down“, das ein bisschen dicker aufträgt mit Streichern und Pathos, tangieren trotz der einen oder anderen gesanglichen Kapriole zu keiner Zeit Mariah-Carey-Territorium.


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