LAURA MARLING

Virgin/Universal (VÖ: 24.5.)

Bisher war die englische Folk-Sängerin bei uns ein Geheimtipp. Mit ihrem vierten Album in fünf Jahren wird sich das ändern. Keine Frau geht bei der Verarbeitung von Beziehungsstress so in die Tiefe.

Es gibt da dieses ungeschriebene Gesetz, nach dem man die einprägsamsten Songs an den Beginn eines Albums stellt. So ziehe der Künstler das Interesse magnetisch auf sich, heißt es. Es ist nicht bekannt, ob Laura Marling von diesem ungeschriebenen Gesetz gehört hat. Falls doch, war ihr das mal so richtig einerlei. Sie muss reinen Tisch machen. Dafür reicht ihr nicht ein einziges Stück. Dafür reicht ihr auch keine Ansammlung von Stücken. Sie braucht eine Suite in vier Teilen, nur so kann sie die Etappen einer zerbrechenden Beziehung nachzeichnen. Blood on the tracks. Erst fordert sie den Mann auf, sich die Nacht freizunehmen und für sie da zu sein. Ein paar Minuten später hört es sich so an, als sei alles nicht von Dauer: „I will not be a victim of romance/I will not be a victim of circumstance.“ Am Ende wacht der Kerl mit dem Wissen auf, dass sie gegangen ist und es keinen Sinn hat, ihr zu folgen. Die Musik klingt schroff und spartanisch, dem Anlass angemessen. Unterstützt wird Marling von ihrem Stammproduzenten Ethan Johns, der sie auch an der E-Gitarre und anderen Instrumenten begleitet. Weiterhin sind Cellistin Ruth de Turberville und Bassist Rex Horan dabei. Ihre Tour-Band hat Spielpause. Doch auch im engeren Kreis kommt es zu Temperamentsausbrüchen. In „Master Hunter“ setzt heftiges Trommeln ein, und die Sängerin macht eine der selbstbewusstesten Ansagen auf dem Album: „You want a woman who will call your name, it ain’t me babe.“ Das sitzt. Zugegeben: Die Aussicht, einer 23-Jährigen bei der Aufarbeitung ihrer Liebesprobleme zuzuhören, mag im ersten Moment nicht überall Begeisterung hervorrufen. Was weiß so ein junges Ding schon? Laura Marling gehört aber zu den Frauen, die schon früh ein paar Entwicklungssprünge mehr gemacht haben. Das Dasein im Rampenlicht dürfte ein Übriges getan haben. Die Londonerin hat vor zwei Jahren den Brit-Award als beste einheimische Sängerin gewonnen. Diese Auszeichnung hat sie aber nicht unterwürfig werden lassen. Sie ist nicht Florence, Adele oder Emeli Sandé, sie will das Volk nicht mit voller Wucht überrumpeln. Sie ist zuvorderst eine Folk-Künstlerin, die sich mit ihrer Gitarre hinsetzt und ihren Gedanken im Bewusstseinsstrom freien Lauf lässt. Im Normalfall kann man es sich einfach machen, nur einen Song herausnehmen und glauben, man hätte alles verstanden. Hier muss man sich auf die Sängerin einlassen und sie auf ihrer über 60 Minuten dauernden Reise begleiten. Am Ende fühlt man sich ähnlich belohnt wie bei Joni Mitchell und Rickie Lee Jones. Bei Singer-Songwriterinnen, die auch immer ihren Weg gegangen sind und dafür bis heute bewundert werden.