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Mittekill All But Bored, Weak And Old


Staatsakt/Rough Trade

von

Es könnte auch ein Schlaflied sein, für euch, liebe coole Mitte-Kids, die ihr nach der täglich’ Medienzeit noch in den Runterfahrmodus kommen müsst: „Mach die Augen zu, finde deine Ruh’“ . Das sind die ersten Zeilen, die Friedrich Greiling auf dem neuen Mittekill-Album nur vom Piano und einem Klackern im Hintergrund begleitet singt, so sanft, fürsorglich und bedächtig. Doch alsbald werden des Sängers Worte gründlich von Wehmut eingeholt: „Hast dein Leben lang danach gesucht / es ist jetzt vollbracht, ich halte für dich Wacht / an der letzten Tür sag ich Lebwohl zu dir“. So geht das bei Mittekill 2012, im sanften Gesumm stürzt die Welt ein, im „ Chinaimbiss Berlin“ erinnert der Sänger sich an die „abgefuckteste Nacht“, im bohemistischen Wohnzimmerravetrack „Jobs“ verweigert er sich der kapitalistischen Arbeitsethik („wenn Autos sich stauen, küss ich lieber Frauen“). Diese Songs kommen Lesezeichen im großen Almanach der Mitte gleich, in dem zu erfahren ist, was den Kindern auf dem Planeten Berlin so schrecklich weh oder gut tut. Herzschmerz, Ravelust und Bierchenlaune sind die Stichworte, die Greiling uns zum Album hat zukommen lassen. Er lädt sie auf mit heldenhaften Gitarrenhooks auf Housebeats („Schlangen“) und bleiernen Klaviertupfern („Ist es auch gebroche“) und sinniert über „3 Tage Stromausfall“. Das hört sich dann wie Funny Van Dannen zur Akustischen an, Greiling hat sich ausgemalt, was aus der Welt wohl werden würde, hätten wir drei Tage Stromausfall. „Hello Goodbye“ zum Finale ist der melancholische Honky Tonk, den ein Projekt wie Mittekill, das eigentlich gar nichts mit Honky Tonk zu tun hat, nur ein bisschen neben der Spur spielen kann. Auch das ein Bild fürs Befinden, mehr Anfangs- als Abschlusslied. Guten Morgen Berlin, die Mitte kriecht aus ihren Löchern. Key Tracks: „Schlangen“, „Hello Goodbye“, „Leb wohl“


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