Morrissey
MAKE-UP IS A LIE
Sire/Warner (VÖ: 6.2.)
Der egozentrische Verzweiflungspop hat leider endgültig seinen alten Zauber verloren.
Als Morrissey 2025 bei seinem Konzert im Berliner Tempodrom den Anwesenden zurief „Kümmert euch um euer Land, kümmert euch um eure Sprache“, hätten sich viele gerne die Zeigefinger in die Ohren gesteckt und laut LALALALA gesungen. Zu sehr klingelten diese nämlich noch von den Aussagen des Künstlers, Hitler sei eigentlich Sozialist gewesen und Berlin die Vergewaltigungshauptstadt Europas. Ach, Moz! Meine Generation und die zwei bis drei nach mir können den süßen Jugendzimmerschmerz, den du uns beschertest, nicht vergessen. Dampfende Teetassen in der Hand, saugten wir deine in Lieder gegossenen Bösartigkeiten auf, erfuhren Trost durch deine den Gitarrenpop kontrastierenden Gesangsarabesken.
Das alles machte Spaß und half uns durch Schmuddelwetter und das Herumsitzenmüssen in miefigen Klassenzimmern. Kurz: Es hatte Relevanz. Nicht so dein neues Album. Nach sechs Jahren Veröffentlichungspause erscheint es nicht nur, Nein, es ereilt uns. Der verdiente Produzent Joe Chiccarelli nahm es in Südfrankreich auf, vermutlich mit einigen Unterbrechungen, denn „aus einem Guss“ klingt anders. Zwölf Stücke, mindestens die Hälfte davon öde, gibt es zu hören und ich kann sagen, ich habe WIRKLICH versucht, den alten Zauber, das Herzerwärmende herauszudestillieren. Vergebens.
Zwar gibt es sehr hübsche Zeilen, wie etwa in „Boulevard“: „Walking as if both legs are broken.“ Und es gibt Reminiszenzen an andere Künstler (David Bowie in „Amazonas“), aber dein Sound eines Dauerbeleidigten überschwappt dann doch immer wieder alles mit dem großen ICHICHICH. Deine Stimme ist schön wie eh und je, aber hier und da doch etwas brüchig – genau wie dein Image. Fadenscheinigkeit im Doppelsinne prägt dein Spätwerk und so auch dieses Album. Man kann das alles eben nicht mehr hören, ohne nach Hinweisen auf die Verharmlosung von Pädo-Sex, Nationalismus und Brexit Verherrlichung abzuklopfen. Das Leichte, Genussvolle ist für immer dahin. Leider.
Diese Review erscheint im Musikexpress 3/2026.



