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Olli Schulz Scheiß Leben, gut erzählt

Trocadero/Indigo

von
Foto: Indigo

Was mit Olli machen? Selbst als Bewunderer seiner Arbeit und seiner Kunst, seines ausgeprägten Selbstdarstellungstriebs und seiner eben deutlich ambivalenten öffentlichen Person ist man immer wieder damit beschäftigt, ihn neu einzuordnen. Regelmäßige Hörer von „Fest & Flauschig“, seinem wöchentlichen Podcast mit Jan Böhmermann, beschäftigen solche Gedanken noch viel mehr, weil man ihm in dieser Sendung ohne Drehbuch noch viel näher kommt … und obwohl er zwischendurch auch umstrittene Sachen raushaut, solche Sachen wie: SCHEISS LEBEN, GUT ERZÄHLT.

Ein Haus ohne Keller

Ollis Schulz´ sechstes Album ist nicht etwa missraten, aber es wirkt seltsam krude. Als hätte er sich ohne Bauplan ein neues Haus gebaut, hier ein Zimmer, dort ’n Flur, Keller: vergessen, Baumaterial und Einrichtungsideen, die sich über die Monate so angesammelt haben, zusammengekloppt, und jetzt kann man Olli hier knapp 30 Minuten darin herumlaufen sehen, besser: hören, wie er sich selbst einen Reim darauf zu machen versucht … Hm, ob man hier überhaupt wohnen kann?

SCHEISS LEBEN… lässt sich wohl am einfachsten als Antithese zum Vorgänger FEELINGS AUS DER ASCHE begreifen – der bislang opulentesten und musikalischsten Schulz-Scheibe. Zum einen hört man ihr seine neu geweckte Lust an, Musik am Laptop zu arrangieren. Das klingt gerne mal ein bisschen trashig, leider auch trashig by accident und im Soundgeschmack… sagen wir mal: eigenwillig.

Auf der anderen Seite gibt es Stücke wie „Skat spielen mit den Jungs“ oder „Schmeckt wie…“ aus der Kammer des lonesome Liedermachers. Beides entspringt dem Ansporn, selbst wieder Herr im Haus zu werden. Und man fragt sich, ob es der ganzen Platte nicht besser getan hätte, sich noch viel mehr zum Demo-Charakter dieser Songs zu bekennen, und am Ende einfach mal nicht zu Moses Schneider zu gehen und ein Album zu produzieren, das jetzt eben nach halber Treppe klingt.

Ungewöhnliche Gäste wie Rapper Ali As, Nachrichtensprecherin Linda Zervakis, der befreundete Schauspieler Bjarne Mädel und, am Schlagzeug, Olli Dittrich ergänzen SCHEISS LEBEN… deshalb sehr schön, weil ihre Anwesenheit abbildet, in welcher Welt sich der Teilzeit-Promi Schulz längst auch bewegt, mit noch gemischteren Gefühlen als ohnehin schon. Und das drückt er hier auch aus in Stücken wie „Ganz große Freiheit“ („Da sitzt der smarte Businessmann im exklusiven Restaurant mit seiner schönen skinny Bitch und weiß nicht, wer sie wirklich ist“), „Ambivalent“ und dem pathetisch hochdrehenden „Schockst nicht mehr“.

Klassisches Songwriting war noch nie seine Kunst

Der sanft angekiffte Pop-Reggae „Wölfe“ – das „Lila Wolken“ der Midlife-Krisler – und benannter Skat-Song erzählen, wie und wo man sich doch noch wohl fühlen kann in dieser falschen Welt: unter Freunden; und „Sportboot“ macht sich als Quasi-Quatsch-Song noch mal aus der Ferne über die Luxus-Krücken jener Menschen lustig, die keine haben, also: echte. Das kurze, musikalisch an sich liebenswerte „Schmeckt wie…“ zum Ende macht leider noch mal deutlich, dass das klassische Songwriting allein noch nie die Kunst des Olli Schulz war, obwohl er sich so danach streckt – Omas Erbsensuppe essen und Cunnilingus bei der Freundin, obwohl beides „schmeckt wie Pisse riecht“: Ganz sicher sind das Liebesbeweise, doch ist das auch ein gutes Liebeslied?

Aber da hat Olli Schulz auch schon die Tür von diesem etwas schiefen Haus hinter sich zugeschlagen und sucht weiter nach seinem Platz. Nach Newman, Kaufman, Begemann… wo ist seiner? Dass er seinem Publikum gerade dadurch besonders nahe kommt und so wichtig ist, weil er nie so richtig anzukommen scheint und zerrissen bleibt, wird es ihm auf der anstehenden ausverkauften Tour dann hoffentlich auch zeigen.

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