Paula Carolina
WILD
Paula Carolina/The Orchard (VÖ: 27.3.)
Die NdW-Apologetin trotzt der verzweifelten Weltlage noch einen Rest Galgenhumor ab.
Hat Paula Carolina zuletzt viel Morricone gehört? Oder eher Die Ärzte? Wohl beides: Beginnt WILD doch mit Chören, die zwischen Kirchenstuhl und Spaghettiwestern wandeln – bis die Sängerin ein schnoddriges „Hallo Leute“ hinrotzt und direkt in eine kinderliedgleichklimpernde Utopie mit „einem fetzigen Beat“ und Glück für alle abhebt. Das zweite Studioalbum der Mannheimerin ist lange nicht so grell wie ihr Debüt EXTRA von 2024, aber nicht nur die kapitalismuskritische Vorabsingle „Gib mir dein Geld!“ hat unüberhörbare Farin-Urlaub-Qualitäten.
Mit dessen leicht verqueren, stets auf spitzbübisch gedrehten Humor geht Carolina auch Themen wie Urheberrecht oder Einkaufen im Baumarkt an, Früher-war-alles-besser-Gelaber, peinliche Spitznamen, die Krise der Demokratie oder einfach „Sex und Liebe“: „Wir haben Sex, wir machen Liebe, das geht richtig in die Tiefe.“ Musikalisch klingt das manchmal auch nach Extrabreit oder Ideal, aber der Witz entwickelt eine erstaunliche Bandbreite und schreckt auch nicht davor zurück, in die Meta-Ebene abzustürzen. „Ein Lied, in dem nichts geschieht“ ist ein Lied, das tatsächlich von nichts handelt – und damit eigentlich vom großen Ganzen.
Dass Paula Carolina nicht komisch sein muss, sondern auch tragisch sein kann, beweist sie mit dem wundervoll nihilistischen „Ich war hier“. Vor allem aber ist WILD ein Kommentar zur Jetztzeit, dem es gelingt, mit den musikalischen und textlichen Mitteln der Neuen Deutsche Welle der verzweifelten Weltlage wenigstens ein bisschen Galgenhumor abzutrotzen.
