Robert Calvert

CAPTAIN LOCKHEED AND THE STARFIGHTERS

Atomhenge/Cherry Red (VÖ: 6.3.)

Als Hörspiel verzichtbar, als progressives Glamrock-Statement durchaus ein Spaß.

Lust auf einen Skandal? Hier die Kurzform: Das westdeutsche Verteidigungsministerium hatte um 1960 die Anschaffung neuer Kampf-Jets beschlossen. Problem Nummer 1: Beim Kauf war, wie sich später herausstellte, Schmiergeld zugunsten einer süddeutschen Regionalpartei geflossen. Problem Nummer 2: Die Flugzeuge vom Typ Lockheed „F-104 Starfighter“ trafen auf einen wirklich ernst zu nehmenden Gegner – die Schwerkraft. Von 916 Maschinen stürzten 269 ab, was 116 Piloten umbrachte.

Die ganze Affäre hätte für Westdeutschlands Polit-Rocker eigentlich eine Steilvorlage sein müssen, um mal so richtig gegen den „kapitalistisch-militärischen Komplex“ abzuledern, doch es blieb dem Engländer Robert Calvert vorbehalten, im Hauptberuf Textdichter der Space-Rocker Hawkwind, daraus ein satirisches Konzeptalbum zu schmieden: CAPTAIN LOCKHEED AND THE STARFIGHTERS. Schon der Titel des albernen Openers macht klar, wohin die Reise geht: „Franz Josef Strauss, Defence Minister, Reviews The Luftwaffe In 1958. Finding It Somewhat Lacking In Image Potential“.

Auch weitere, erfreulicherweise meist kurze Hörspiel-Passagen wie „Aircraft Salesman (A Door In The Foot)“ oder „Ground Crew (Last Minute Reassembly Before Take Off)“ sind – man muss es deutlich sagen – eher schlecht gealtert. Für derlei Kabaretteinlagen sind Skip-Tasten und Forward Buttons vermutlich einst erfunden worden, was einem den lückenlosen Genuss des Albums, 52 Jahre nach der Erstveröffentlichung, gewiss ein wenig verleiden kann.

Wäre da nicht die Musik

Wäre da nicht die Musik. Die steht, wir schreiben schließlich das Jahr 1974, mit einem Plateau-besohlten Bein noch tief im Glamrock, wagt aber bereits – etwa bei „The Right Stuff“ – einen Schritt in Richtung Proto-Punk, der mit Störgeräuschen aus Nik Turners Saxofon und den Synthesizern von Del Dettmar und Brian Eno rauft. „The Widow Maker“ mag noch wie Zeitgenössisches von Alice Cooper klingen, „Hero With A Wing“ präsentiert sich als Gothic-Folk, während „The Song Of The Gremlin (Part One)“, angemessen manisch gesungen von Arthur Brown, mit elektronisch untermaltem Motorik-Beat fast die New-Wave-Ästhetik vorwegnimmt und „Part Two“ ganz eigene Assoziationen weckt: ein apokalyptisches Avantgarde-Musical aus der Hölle.

Produzent Roy Thomas Baker, der zeitgleich mit Queen arbeitete, legte zweifellos Wert auf fortschrittliche Klänge und nicht ganz so alltägliche Arrangements. Dabei hätte „The Aerospace Inferno“, etwas mehr hart rockende Breitbeinigkeit vorausgesetzt, auch zu Calverts Stamm- und Immer-wieder-Band Hawkwind gepasst. „Ejection“ kommt der reinen Glam-Rock-Lehre wohl am nächsten, „Catch A Falling Starfighter“ hingegen klingt wie ein ritueller Beschwörungsgesang. Zwei Single-Edits und die Langversion von „The Right Stuff“ runden die Neuauflage ab. Ist es eines jener Alben, die man gehört haben muss, bevor man in die Kiste fällt? Auf jeden Fall dann, wenn man Glam-Rock mit neutönerischen Zutaten schätzt – und vor britischer Exzentrik keine Angst hat.

Diese Review erscheint im Musikexpress 4/2026.