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Unsere Geheimtipps: Diese 10 Glamrock-Alben solltet Ihr Euch anhören

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Glamrock kennt Ihr schon? Dann hört mal in diese Platten rein!

Dieser Artikel erschien erstmals im ME-06/2020

Hier kommen die Top-10-Geheimtipps:

Cockney Rebel – THE HUMAN MENAGERIE (1973)

Den besonderen Reiz dieses Debütalbums macht die ausdrückliche Nichtstimme des megalomanen Steve Harley aus, wie sie da gegen diese gewaltig orchestrierten Songs, allen voran die essenzielle Glamdefinition „Sebastian“, ankrächzt. Das macht diese Musik so anschlussfähig: Man muss eben nicht mit dem Gesangstalent eines Ferry, Bowie oder gar Mercury gesegnet sein, um im verruchten Mitternachtskabarett bestehen zu können. Allerdings auch nur dort – mit seiner Band floppte Harley, erst als Solist gelang ihm mit „Make Me Smile (Come Up And See Me)“ ein später Hit.

Jobriath – JOBRIATH (1973)

Der sicherlich notwendigste Eintrag in diese Liste: Der Superstar, der keiner werden sollte. Bruce Campbell war unter dem Künstlernamen Jobriath der erste offen Homosexuelle, der einen Majordeal bekam – David Geffen nahm ihn für rekordbrechende 500 000 US-Dollar unter Vertrag. Nach einer riesigen Anzeigenkampagne, inkl. XXXL-Poster am Times Square, nach markigen Selbstvergleichen mit Elvis und den Beatles, verfehlte JOBRIATH die Charts. Ein Glammer- Jammer, bedient die pompös arrangierte Platte mit ihren Sci-Fi-, BDSM- und frauenverehrenden Texten doch alle Fantasien des Genres. 1992 versuchte der selbsternannte Überfan Morrissey, Jobriath als Live-Supportact zu gewinnen, nicht wissend, dass der Künstler neun Jahre zuvor an Aids gestorben war.

Secos & Molhados – SECOS & MOLHADOS (1973)

In Brasilien konnte selbst die repressive Militärdiktatur die Verbreitung androgyner Performances nicht aufhalten. Der mit einer traumhaften Countertenorstimme ausgestattete und betont weiblich auftretende Ney Matogrosso – vom „Rolling Stone“ als größter brasilianischer Sänger aller Zeiten gefeiert – führte dieses zwischen Fado, Prog- und Glamrock irrlichternde, exzentrisch schwarzweiß geschminkte Trio an, das zu einem kommerziellen Phänomen wurde und innerhalb 18 Monaten eine sensationelle Million Platten verkaufte. Ihr Debüt ist wie eine sorglose Variante der Velvet Underground, wie The Doors auf lebensbejahenden Drogen.

Doctors Of Madness – FIGMENTS OF EMANCIPATION (1976)

Ohne Glam kein Punk, das demonstrieren auf atemberaubende Weise diese Londoner Artrocker um Richard – nomen est omen – Strange, an denen der kommerzielle Erfolg stets vorbeizog. Während ihre irre aufwendigen Shows von späteren Superstars wie den Sex Pistols, The Jam, Simple Minds und Joy Division eröffnet wurden, sollte der hysterische Theaterrock der Doctors ein Geheimtipp bleiben. Die E-Geige von Bandmitglied Urban Blitz gab der Gruppe einen unverwechselbaren und unheimlichen Sound – Bassist Stoner trug bereits damals Corpsepaint. Ihr zweites Album ist ein Schlachtruf: hymnisch, aggressiv und bei aller Komplexität voller Leidenschaft.

Metro – METRO (1977)

An diesem britischen Trio sieht man schön – im Wortsinn – den Garderobenwechsel des Genres vom Leopardenfell zu den Cocktailparty-Maßanzügen, wie sie auch Roxy Music bald anlegen sollten. Die Leadsingle ihres Debütalbums, „Criminal World“, war der BBC too sexy für eine Playlist, wurde aber sechs Jahre später als Coverversion von David Bowie gerettet. Nach dem Flop der Platte lieh sich die Band für eine Single Stuart Copeland aus; der kehrte aber schnell zur Polizeiwache zurück und wurde ein Weltstar, während Metro ein verführerisches Geheimnis blieben.

Brett Smiley – BREATHLESSLY BRETT (2003)

Der Stoff , aus dem Glam-Träume sind: Amerikaner mit den Looks einer Pornoqueen wird vom schillernden Stones Strippenzieher Andrew Loog Oldham entdeckt, veröffentlicht 1974 zwei Singles – und verschwindet, abgesehen von einem Auftritt in der ’77er Erotikklamotte „Cinderella“.
Sein einziges, 1974 aufgenommenes Album erscheint 2003. Bombastische Balladen ohne Schamgrenze kuscheln sich an von Bläsern getragene Sleaze Rocker, sowie an ein Beatles-Cover und ein von einer Harfe eingeleitetes Medley aus „I Can’t Help Myself“ (The Four Tops) und „Over The Rainbow“. Im Jahr darauf erscheint eine Spurensuche in Buchform: „The Prettiest Star: Whatever Happened To Brett Smiley“. 2016 stirbt der HIV-Infizierte.

Velveteen Rabbit VELVETEEN RABBIT (2019)

Der meiste aktuelle Neo-Glam ist Buzzword-basierter Baukasten-Pop mit der künstlerischen Ambition einer Tribute-Show. Angenehme Ausnahme sind da die nach einem fast 100 Jahre alten Kinderbuch benannten Velveteen Rabbit aus New York. Auch hier finden sich Stampf-mit-den-High-Heels-Beats und Mick-Ronson-Licks, aber eine Beigabe an Dream Pop, das Abdriften in noisige Psychedelia und der gender-bending Gesang dehnen das Glam Korsett stimmig aus. Songs wie „Too Much, Just Enough“ grooven sogar – back in the New York Groove!

City Boy YOUNG MEN GONE WEST (1977)

Der „NME“ verglich das Songwriting dieses britischen Sextetts mit dem von Lennon/McCartney, dazu wurde City Boy als erste Band erlaubt, live bei „Top Of The Pops“ aufzutreten und Hitgarant Robert „Mutt“ Lange produzierte ihre ersten fünf Alben. Allesamt sind sie empfehlenswert, aber ihr drittes ist wohl ihr „glamigstes“. Schwelgerische Songs, gekleidet in Luxusbademänteln mit Brandflecken, vorgetragen mit Harmonien wie von den Gebrüdern Gibb.

The Hollywood Brats THE HOLLYWOOD BRATS (1980)

1971 als The Queen gegründet, bestätigten diese outrageous Londoner mit ihrem finalen Namen ihren Ruf als britisches Pendant zu den New York Dolls. Stets ausgebuht, oft sogar auf der Bühne vermöbelt, hatten sie mit Keith Moon zumindest einen prominenten Riesenfan. Doch kein Label wollte ihren besoffenen Krawallrock zwischen Glam und Proto-Punk. Ihr 1973 aufgenommenes Debüt erschien erst zwei Jahre später – unter anderem Bandnamen und nur in Norwegen. Die erste „richtige“ Veröffentlichung erfolgte 1980. Da interessierte sich dann gerade wirklich niemand mehr für diesen Stil, der nur kurz darauf als Glam-Metal die Welt erobern sollte.

The Darkness – ONE WAY TICKET TO HELL…AND BACK (2005)

Das Album, das ihnen den Einzug in die Stadien hätte garantieren sollen, geriet zum gigantischen Flop, in dessen Sog sich die eben noch „nation’s leading rock band“ auflösen sollte. Der Witz sei auserzählt, hieß es damals. Dann hätten sich allerdings auch Queen nach ihrem Debüt trennen müssen. Deren Sänger wäre vom zweiten Album der Retro-Rocker bestimmt entzückt gewesen, traut es sich doch derart weit over the top, dass sich Mercurys Schnauzbart einem Smiley ähnelnd nach oben gezwirbelt hätte. Das Titelstück ist zudem der beste Song von The Sweet, den The Sweet nie aufgenommen haben.


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