Album der Woche

Stella Sommer Silence Wore A Silver Coat


Buback/Indigo (VÖ: 25.11.)

von

24 Songs, durch die muss man sich erst einmal arbeiten. Im Streaming-Zeitalter wirkt es unerhört, so viel Content auf einmal herauszuhauen, statt sie den Hörer*innen Stück für Stück, Drop für Drop hinzuwerfen, um für die Algorithmen attraktiv und interessant zu bleiben. Aber mit Streaming hat es Stella Sommer eh nicht: bis auf die Singles wird SILENCE WORE A SILVER COAT in seiner Gänze nicht auf den einschlägigen Portalen zu finden sein – wer es hören will, muss sich auf das Gesamtkunstwerk einlassen. Muss man auch erst einmal bringen. Aber Stella Sommer, die sowohl solo als auch im Duo mit Drangsal als Mausis und natürlich als Mastermind des Projekts Die Heiterkeit Popdeutschland begeistert, macht keine Kompromisse.

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Die Songs, die sie übrigens hier erstmals in völliger Eigenregie produziert hat, gehören nicht auf irgendeine Playlist, zerhackstückt, voneinander losgelöst und neu zusammengesetzt. Nein, die Songs sind ihre eigene Playlist, in die man sich wie in eine frisch aufgeschüttelte Federdecke hineinfallen lassen kann. Während man da aber so liegt und sich von ihrem reduzierten Folk und ihrer prägnanten dunklen Stimme (die so gar nicht nach Hamburg oder Berlin, sondern nach Woodstock oder Haight-Ashbury klingt) hinwegtragen lassen will, bleiben diese Sätze hängen: „In my Darkness there’s a spare room for you“, singt sie etwa auf „In My Darkness“.

SILENCE WORE A SILVER COAT kommt dem Ideal zeitloser Musik näher, als die meisten Akustik-Epigonen zu träumen wagen

Sommer malt mit ihren Worten dichte, atmosphärische Bilder, die ebenso düster sind, wie sie dann doch einen Glimmer Hoffnung in sich tragen. Sphärisch lässt sie ihren Gesang über Orgelarrangements und Streicher schweben, reduziertes Piano untermalt hallige Chöre („Winter Queen (In Summer)“) und dramatische Crescendo, die in federleichten Traumlandschaften münden („A Special Kind Of Lostness“) und irgendwo in der Ferne klappern Kastagnetten. Warum auch nicht. Elektronische Experimente? Nicht hier: Stella Sommer bleibt ganz handgemacht, ohne sich dabei aber billiger Nostalgie und „früher war alles besser“ zu verschreiben.

Nein, SILENCE WORE A SILVER COAT kommt dem Ideal zeitloser Musik näher, als die meisten Akustik-Epigonen zu träumen wagen. Ganze sechzig Songs, erzählt Sommer, habe sie für dieses Album geschrieben – die endgültige Auswahl aber bietet die perfekte Balance zwischen Einheitlichkeit im Sound und Spannung durch unterschiedliche Tempi und Songstrukturen, aber auch zwischen vager Nebligkeit und präzisem Fokus – ein dicker, satter Klangteppich breitet sich aus, mal kann man ihn fast anfassen, sich in ihn hineinlegen, dann wieder rollt er sich zusammen, entfernt sich vom Hörer.

Und inhaltlich? Sommer leugnet es nicht: Alles ist schlimm, Einsamkeit, Dunkelheit, Gespenster der Vergangenheit huschen durch die Nacht. Aber es gibt einen Weg da raus, sie zeigt uns die strahlende Sonne, die da hinter den ganzen toten Bäumen unserer Gegenwart aufgeht und singt uns Schlaflieder für den Morgen nach der Apokalypse. Sonnige Laurel-Canyon-Nostalgie trifft winterliche Schwarze Romantik made in Germany: Stella Sommer schenkt uns ein Album, das uns über Gaskrise und Energiepreise hinweg einen ganzen Winter wärmen wird.


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