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The Rapture In The Grace Of Your Love


DFA/Coop/Universal VÖ: 02.09.

von

Ein Junge reitet mit ausgebreiteten Armen auf der Spitze seines Surfbretts auf einer Welle. Nichts auf dem Foto deutet auf die Zeit seiner Entstehung hin. Nicht die Frisur des Jungen, nicht seine Badehose, auch nichts an dem anderen, der im Hintergrund in der Tiefenunschärfe auf seinem Surfboard im Meer sitzt. Das Bild könnte vergangene Woche aufgenommen worden sein, aber auch vor zwei Jahrzehnten, oder vor 30 Jahren. Der junge Surfer auf dem Coverfoto des vierten The-Rapture-Albums In The Grace Of Your Love ist der Vater von Sänger Luke Jenner. Das Bild stammt wahrscheinlich aus den späten Sechzigerjahren oder frühen Siebzigern.

Das Foto vom Cover ist in seiner Zeitlosigkeit wie ein bildgewordenes Synonym für die endlosen Recycling­zyklen in Mode und Popkultur. Was ist alt, was ist neu? Es spielt keine Rolle. Auch das ist Pop: Wenn so lange zitiert und plagiiert und wiederaufbereitet wird, bis irgendwann keine Unterschiede mehr auszumachen sind zwischen

gestern, heute und morgen. The Rapture aus New York sind Kinder der Neunzigerjahre. 1998 gegründet, 1999 dann das – aus heutiger Sicht zu vernachlässigende – Debüt-Mini-Album Mirror. Die Neunziger waren das Pop-Jahrzehnt, in dem so hemmungslos wie nie zuvor auf die Erkenntnisse vorangegangener Dekaden zurückgegriffen wurde. Auch The Rapture haben als Recycling-Band angefangen und wurden kurz darauf in die Disco-Punk-Schublade gesteckt. Zur Erinnerung: Disco und Punk stammen aus den Siebzigern und galten damals als ideologisch unvereinbar. Irgendwann verselbstständigt sich aber das musikalische Recyclingprodukt und führt ein Eigenleben, sodass seine Schöpfer nicht mehr an der Vergangenheit, aus der sie sich bedienen, gemessen werden, sondern an sich selbst.

Man darf The Rapture im Jahr 13 nach ihrer Gründung als Avantgardisten-Band feiern, eine die durchs Hintertürchen das Saxofon im Pop-Untergrund wieder salonfähig gemacht hat. Aber nicht dieses muskelbepackte Tina-Turner-Ding, das neuerdings wieder als Konsensinstrument gilt. Durch die Songs der New Yorker zogen sich von Anfang an Spuren eines zirkularen Saxofonspiels, das näher am Freejazz war als an den Popachtzigern. Wir erinnern an die 2006er-Single „Get Myself Into It“. Das mit dem Saxo­fon ist auf dem vierten Album der „Disco-Punks“ nicht anders (im Titelsong zum Beispiel), The Rapture setzen in „Come Back To Me“ aber noch einen drauf, was komische Instrumentierung angeht. Der Song lebt von einem irrwitzig gespielten/gesampelten Akkordeon – wahrscheinlich das Popinstrument des Jahres 2021 – und verwandelt sich ab der Mitte in ein vokales Minimal-House-Monster mit Hitfaktor zehn. „ Never Gonna Die Again“ verarbeitet Siebzigerjahre-Funk’n’S oul-Versatzstücke, inklusive Bläsersection. Der Überhit, das Piano-housige „How Deep Is Your Love?“, wird in der laufenden Saison für Ekstase in den Clubs sorgen.

Was jeder anderen Band als Peinlichkeit ausgelegt werden würde, wirkt im Kontext von The Rapture wie das Resultat einer seltsamen inneren Logik: das Saxofon, die Scheiß-Rockgitarre in „Roller Coaster“, Luke Jenner, der mit seiner genervt-knödelnden Stimme in jedem Song auf diesem Album wie ein verliebter Kater die Vorzüge der Liebe preist, die Killers-artige Hymnenhaftigkeit mancher Songs, die Grenzüberschreitungen ins Pathetische. Wer im Vorfeld gemeint hat, Produzent Philippe Zdar (Cassius) würde den New Yorkern einen French-House-Touch verpassen, liegt falsch. Im Gegenteil: Die Intention von The Rapture, Post-Punk und No-Wave mit einem knackigen Dancefloor-Groove zu verheiraten, wurde von der Band noch nie so konsequent umgesetzt wie auf diesem Album.

In The Grace Of Your Love bedeutet nach einem Album Pause auch die Rückkehr von The Rapture zum DFA-Label. Die verlorenen Söhne sind wieder zu Hause angekommen, dort, wo vor bald zehn Jahren ihr Untergrund-Ruhm begonnen hat. Wer Echoes geliebt, wer Pieces Of The People We Love geschätzt hat, wird ohne In The Grace Of Your Love nicht mehr leben wollen.

Key Tracks: „How Deep Is Your Love?“, „In The Grace Of Your Love“, „Come Back To Me“


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Regie: Lisa Cholodenko


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