Tindersticks

Across Six Leap Years

City Slang/Universal

Kammerpop: Mit Sanftheit loten die Tindersticks ihre Vorliebe für dunkelroten Samt immer wieder neu aus.

Wir wissen nicht, wie der Mann sein Leben gestaltet, wenn er nicht auf der Bühne oder im Studio steht. Gut vorstellbar ist folgendes Szenario: Stuart Staples hat dann einen unbedingt nach Understatement aussehenden, nichtsdestotrotz exklusiven Hund an der Leine und geht ein bisschen spazieren. Hut und Mantel sitzen, die Weste spannt etwas ob des Bäuchleins darunter. Wieder zurück vom Gassi gehen, pflanzt sich der Sänger – der Hund liegt schon zu seinen Füßen – in einen Ohrensessel und trinkt Rotwein. Selbstverständlich in Zeitlupe. Die Tindersticks feiern in diesem Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum, und Staples, ihr Sänger, wirkt mit Ende 40 immer noch sophisticated, aber keineswegs überkandidelt. Mit seiner Band werkelt er nach dem hervorragenden 2012er- Album SOMETHING RAIN konsequent an der Fortschreibung ihres musikalischen Lebensthemas. Die Tindersticks schippern auf ihrem Meer der Traurigkeit und wenn es gilt, das Tal der Melancholie immer wieder neu zu bepflanzen, erweisen sie sich als diplomierte Landschaftsgärtner. ACROSS SIX LEAP YEARS vereint zehn neu interpretierte Songs aus dem bisherigen Schaff en der Band, die es, wie „If You’re Looking For A Way Out“ (im Original von Odyssey) und „I Know That Loving“, bereits auf eine Schallplatte (SIMPLE PLEASURE, 1999) geschaff t haben; bei diesen Liedern loten die Tindersticks die Langsamkeit neu aus und schrauben behutsam am Arrangement. Dezent anders verhält es sich bei „What Are You Fighting For?“: Ursprünglich als finale Nummer für HUNGRY SAW gedacht, parkte der Song im musikalischen Stehsatz. Fünf Jahre nach Veröffentlichung des Albums ist er das, was er garantiert auch 2008 schon war: fabelhafte Musik, zu der man auf der emotionalen Rolltreppe stilvoll abwärts fahren kann. Vor uns steht ein Mann mit Hund; es wird wohl Stuart Staples sein.