Album der Woche & Platte des Monats

Tocotronic Die Unendlichkeit


Vertigo/Universal

… Aber wo kommen sie her, diese Kräfte? Schon der Vorab-Zweiminüter „Hey Du“ vom November drängte einem eine Theorie dazu auf. Die besagt: Die Beschäftigung mit der eigenen Jugend hat aus DIE UNENDLICHKEIT nicht nur die autobiografischste Platte des Songwriters Dirk von Lowtzow gemacht, sondern in dem Punkrock-/HC-/usw.-Fanboy das alte Verlangen nach Eindeutigkeit, Kompromisslosigkeit und der Energie astreiner Riffmusik wieder mit hochgespült. Und wer wären Arne, Jan and Rick, sich da nicht mitreißen zu lassen? Ja, es hat sogar den Anschein, als würde Rick McPhail auf der unverwandt jaulenden, klirrenden, fauchenden Leadgitarre seine eigene Errettung durch Strominstrumentenrevolte dereinst in Maine nacherzählen, und wer ihr genau zuhört, versteht jedes Wort.

Die direkten Wirkprinzipien einiger Songs lassen sich durch obige Theorie gut erklären: „Hey Du“ auf jeden Fall, das ebenso stürmische, aber gleichzeitig sagenhaft sanft vorgetragene „Ich lebe in einem wilden Wirbel“ oder das aufgekratzte „1993“, in dem Dirk noch einmal aus der Schwarzwald-Diaspora in Hamburg ankommt und euphorisch durch die Stadt flippert („1993 war das Jahr, in dem ich mich blutig schlug, weil ich vom Tresen flog“).

Auch wenn sich manches Konzept dieser „Diskursband“ über die Jahre vielleicht als etwas hinderlich dargestellt hat – in diesem Fall lässt sich schnell feststellen: Dem Entschluss, Dirks Biografie ganz in den Mittelpunkt von DIE UNENDLICHKEIT zu stellen und damit der 16 Jahre alten „Neues vom Trickser“-Parole „Eins zu eins ist jetzt vorbei“ wiederum zu widersprechen, haben wir die wohl beste Platte seit _______ (bitte eigenes Toco-Lieblingsalbum eintragen, aber tatsächlich nur dieses eine!) zu verdanken.

Die Unendlichkeit klingt nach Sternen-Safari

Dieses Werk ist noch so viel mehr als ein spätes Poltermanifest zum Bierverschütten im (Indie-)Rockpalast. Wem der Vorgänger, das „Rote Album“, schon zu poppig war, wird hier noch sein purpurnes Wunder erleben. DIE UNENDLICHKEIT kann mindestens so schwärmerisch und selig wie Sturm und Drang. Für die Ausgestaltung dieser Seite haben sich Band und Produzent Moses Schneider interessante Helfer geholt: Friedrich Paravicini arbeitete schon mit Grönemeyer, Distelmeyer, Louisan zusammen und bringt einen Instrumentenpark mit, der fast für ein ganzes Air-Album ausreichen würde – und so klingt das stellenweise auch: nach Sternen-Safari. Paul Gallister wiederum, der Orchesterarrangements geschrieben hat, kennen wir vor allem als Produzenten von Wanda.

Das Stück „Unwiederbringlich“ von diesem anderen, Rock-fernen Pol des Albums, eröffnet mit Orff-Instrumenten-Ouvertüre, dann Klavier und Streicher, getupfte Loops, und fast pastoraler Baritongesang: eine wundersam tröstliche Winterreise im ICE, der Dirk in die Heimat bringen soll, wo ein nahestehender Mensch im Sterben liegt … lag. „Es gab noch keine Handys, nur an Bord ein Telefon, als ich endlich ankam, wussten es alle schon …“ Ein Lied, das seinen Frieden machen möchte mit dem Tod.

Während „Alles was ich immer wollte war alles“ offensichtlich längst schon seinen Frieden damit gemacht hat, dass es nicht nur im Titel nach Sven Regener klingt, sondern das komplette Stück eine ungewohnte lakonische Haltung zu seiner Midlife-Conclusio einnimmt: „Alles was ich immer wollte, war alles, alles was ich immer hatte, warst du.“ Das schaukeln die vier ins Ziel, bis sie sich beinahe am mittleren Westernhagen die Feuerzeugfinger verbrennen.

„Electric Guitar“, Pop-Höhepunkt der Platte, summt mit seiner Chris-Isaak-Gitarre vor sich hin, als ob er sich ins Mutti-Radio schleichen wollte. Wieder singt Dirk wunderbar sanft, davon, wie er brannte als leicht entflammbarer Knabe, für die Gitarre … „Ich zieh mir den Pulli vor dem Spiegel aus, Teenage Riot im Reihenhaus.“ Aber es ist ganz anders als in dem (ironischen) Ärzte-Hit „Junge“, der im Kern dasselbe Thema behandelte: Die Probleme konservativer Eltern mit „Löchern in der Hose“ kannte die Jugend schon vor zehn Jahren nur aus Erzählungen. Doch die Sehnsüchte, von denen Dirk hier singt, werden sich nie erledigen – tauscht „Gitarre“ meinetwegen gegen „Auto-Tune“ … Und auch der Kommentar in „Hey Du“ zu dem Typen am Straßenrand, der einen „Schwuchtel“ nennt und einem zu gerne aufs Maul hauen möchte, weil man nicht so dumpf/grau/traurig/deutsch etc. sein möchte wie er, greift umfassender und aktueller, als uns lieb sein kann.

Klingt wie: The House Of Love: HOUSE OF LOVE (1990) / Pulp: THIS IS HARDCORE (1998) / Kante: DIE TIERE SIND UNRUHIG (2006) / Les Savy Fav: LET’S STAY FRIENDS (2007)


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