Rheinrock


Der Tanzbrunnen, idyllisch gelegen im Schatten von 4711 und eingebettet ins weniger idyllische Messegelände, war gerammelt voll. Der drückenden Augusthitze zum Trotz hatten sich schon am späten Vormittag Tausende zusammengefunden, um sich (im Rahmen der Kölner Musikmesse „PopKomm“) eine Packung neugewellten Underground-Rocks abzuholen. Die erste schlechte Nachricht blieb gleichzeitig die einzige: Nirvana hatten sich verspätet. Damit verkürzte sich das Programm auf Well Well Well. Strangemen. Babylon Fighters. Danielle Dax, Rausch, Bob Mould, Sonic Youth und schließlich Dinosaur Jr.

Der Tag war ein Glückstag für wohl alle Beteiligten. Die Bands zeigten sich nicht nur von ihrer besten Seite, sondern hatten offensichtlich auch durch die Bank reichlich Spaß auf der Bühne. Was sich zwangsläufig auf das Publikum auswirkte, das seinerseits wild entschlossen schien, die ganze Angelegenheit in ein zünftiges Rock ’n‘ Roll-Picknick unter Einschluß diverser Rauchwaren zu machen.

Der erste Höhepunkt des Tages war Rausch. Die Rheinländer hatten ein Heimspiel, klar, aber daran allein lag’s nicht. Die Band ist live noch mal ’ne ganze Klasse besser, als die LPs schon vermuten lassen. Bei Titeln wie „I’m The Walrus“ oder „Hey, Hey. It’s A Beautiful Day“ stand der Tanzbrunnen regelrecht Kopf. Da war schon mehr als ein Hauch von Rausch in der Luft, und der manifestierte sich nicht nur in Bierlachen oder Rauchschwaden. Zwei Zugaben zum guten Ende schienen immer noch zu wenig, mehr allerdings erlaubte der straffe Zeitplan nicht.

Mit Bob Mould kehrte nach Rausch erstmal ein wenig Ruhe ein. Die introvertierten Songs und Blues-Impressionen verlangten Aufmerksamkeit. Nach ihm dann aber wieder die Sintflut, welche die Senioren der Gattung Dinosaurier ja bekanntlich nicht überlebt haben. Die Junior Dinosaurier freilich erwiesen sich als beängstigend lebendig und traten das Gaspedal voll durch. Eine beeindruckende Performance einer Band, die sich mittlerweile zu einer der beständigsten des Gitarren-Undergrounds gemausert hat, mit schwerem psychedelischen Einschlag und einer gesunden Vorliebe für solides Rockwerk.

Mondschein-Vorteil hatten zum guten Schluß Sonic Youth. Wieder kreischten und quietschten Gitarren nach allen Regeln hoher Verzerr- und Rückkoppelungskunst, daß der alte Hendrix im Jenseits seine helle Freude gehabt hätte. Zu überzeugen wußten Sonic Youth vor allem durch die wilde Energie, die die New Yorker auf der Bühne ausstrahlen. Diese Energie kam rüber und straight zurück von einer dicht gedrängten Menge, die keinen Zweifel daran ließ, daß sie jede einzelne Sekunde auskosten wollte. Die Zugaben waren denn auch so heiß gefordert wie schwer erarbeitet. Eine Sternstunde am Kölner Tanzbrunnen und ganz bestimmt eine der herausragenden Veranstaltungen der PopKomm anno ’91.