Ron Wood – Stone Free Vol.1


Seit "Some Girls' spielen die Stones zwar wieder hochtourig wie in alten Zeiten, doch Ron Woods Energiehaushalt scheint das kaum zu beeinträchtigen. Spektakulärer denn je hat er im abgelaufenen Jahr seine Solokarriere vorangetrieben. In den langen Pausen zwischen Tourneen und Plattenaufnahmen der Rolling Stones stellte er seine eigene Tourband, die New Barbarians. und ein weiteres Soloalbum ("Gimme Some Neck") auf die Beine. Ron Wood, ein Jahrzehnt im Schatten der Superstars Rod Stewart und Mick Jagger, hat sich freigeschwommen.

Paris, Sommer 1979. Ronnie Wood lebt für einige Monate mit seiner einjährigen Tochter und seiner amerikanischen Freundin Jo Howart in der französischen Hauptstadt, in einem Privathaus im Zentrum der Stadt. Seine Verpflichtungen bei den Stones haben vorübergehend wieder Vorrang: die neue Stones-LP wird aufgenommen, vorwiegend nachts und in den frühen Morgenstunden. Wenn Ronnie sich abends psychisch auf die Sessions vorbereitet, laufen im Hintergrund ständig die basic tracks:

roh behauene Grundlinien, auf einfache Akkordfolgen aufgebaut, mit kraftvollem Rhythmus. Auch eine Disconummer Marke „Miss You“ ist darunter, aber ob’s dabei bleibt, wer weiß.

Ron’s zweites Ich bleibt unterdessen nicht untätig. Er telefoniert tagsüber hektisch, um Stanley Clarke’s Zusage für den bevorstehenden Gig der New Barbarians beim zweiten Konzert des britischen Knebworth-Festivals zu bekommen. Seinem zweiten prominenten Mitspieler braucht er allerdings nicht hinterherzutelefonieren: Keith Richards sitzt im selben Boot, und höchstens Mick Jagger könnte Ärger machen, falls ihm der Alleingang seiner Gitarristen nicht in den Terminkalender paßt.

Ron Wood ist ein Hans Dampf in allen Gassen, nimmermüde, wenn es gilt, die Seele des Rock’n’Roll am Leben zu erhalten. Er hat es bislang geschickt geschafft, den Stones die Treue zu halten und gleichzeitig seine Privatkarriere weiterzuführen. Er hat dabei gut verdient, im Steuerexil Los Angeles, wo er seit geraumer Zeit wohnt, obwohl auch er – wie so viele andere britische Rocker – einst geschworen hatte. England nie zu verlassen. Und er hat sich auch schon seinen hervorragenden Platz in der Geschichte des Rock gesichert: War er es doch vor allen, der die Mitte der siebziger Jahre müde gewordene Rolling Stones vor dem Altersheim bewahrt hat.

Ich sitze Ron Wood in Paris gegenüber und weise auf die Meinung vieler Journalisten hin, daß er es sei, der ein Jahr zuvor hinter der überraschenden Durchschlagkraft der LP „Some Girls“ gesteckt habe. Ronnie räkelt sich auf dem Sofa, gähnt (es ist 23 Uhr und in einer Stunde muß er wieder ins Studio), denkt nach, lächelt und meint dann listig, diese These wolle er nicht dementieren. Dies ist sicher eine weise Antwort, denn so offensichtlich ist die Rolle, die er bei den Stones spielt, durchaus nicht. Seit er 1975 als Nachfolger des stillen Mick Taylor neben Jagger, Richards, Watts & Wyman aufgetaucht war, besitzen die Live-Auftritte der Stones zwar eine Attraktion mehr: einen wirbelnden, überschäumenden Haudegen, der seine Riffs aus dem ganzen Körper und nicht nur aus der Stratocaster holt. Aber Ron Wood ist nicht der geniale Komponist und/oder Gitarrist,der allein mit seiner musikalischen Potenz eine Legende wie die Rolling Stones wieder aufblühen lassen könnte. Sein‘ Einfluß scheint vielmehr im menschlichen Bereich wirksam zu werden: in der engen, fast blutsbrüderhaften Beziehung zwischen ihm und Keith Richards, die einen machtvollen Gegenpol bildet zum Charisma und Können Mick Jaggers und die eine sehr kreative Spannung in die Band hineingebracht hat. Man kann das Wachsen dieser Kraft seit 1975 kontinuierlich verfolgen: über das Stones-Livealbum und „Some Girls“ hin zu der sensationellen Amerika-Tournee im vergangenen Jahr.

Die Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Ron Wood und Keith Richard währt schon sehr lange. Überliefert ist ein Statement von Keith vom Oktober 1974, als Ron noch bei den Faces rockte, der Abgesang von Mick Taylor bei den Stones aber bereits absehbar war. Keith meinte: Ronnie’s quite similar to me and in a lot ofways the Stones are quite like the Faces, a lot of the songs are alike. We all know what kind of sound we’re going for, which kind of helps, ya know?

Keith war in den frühen siebziger Jahren immer dann zur Stelle, wenn Ron versuchte, sich neben dem allmächtigen Faces-Sänger Rod Stewart, den unbestrittenen Superstar der Band, zu behaupten. Zwar bildeten Ron & Rod das Rückgrad der Faces sowie ein fähiges Songwriter-Duo, und sie zehrten auch von ihrer gemeinsamen Vergangenheit in der Jeff Beck Group bis 1969 wo Ron Baß gespielt hatte; die höchst erfolgreichen Soloplatten aber, die Rod Stewart parallel zu seinen Veröffentlichungen mit den Faces herausbrachte und die ihn zu einem internationalen Topstar machten, rüttelten doch kräftig am inneren Gefüge der englischen Band.

Ronnie Wood mußte so zwangsläufig einen eigenen Soloversuch starten, um trotz seiner allgemein anerkannten Fähigkeiten als Leadgitarrist nicht unterzugehen. Im Keller seines damaligen Hauses richtete er sich 1972/73 ein eigenes kleines eight-track studio ein und begann eine LP zu produzieren, die 1974 mit einem sehr bezeichnenden Titel herauskam: „I’ve Got My Own Album To Do“. Seine Stützen bei diesem Projekt waren der Tastenmann der Faces. Ian McLagan, das kompakte amerikanische Rhythmus-Duo Willie Weeks (Baß) und Andy Newmark (Drums) sowie Keith Richards, der Gitarre spielte, im Background mitsang und sogar Songs mitschrieb.

Auch als Ron Wood die Idee kam, sein Album mit zwei Konzerten in London zu promoten, war Keith sofort zur Stelle. Es wurden denkwürdige Konzerte, zumal auch Rod Stewart für drei Nummern auf die Bühne kam und Ronnie damit seine Reverenz erwies. „1974“, resümierte daraufhin die britische „Sounds“, „war ohne jeglichen Zweifel Ron Woods Jahr!“ Unser Mann stand auf eigenen Beinen.

Der Split der Faces im folgenden Jahr – die Band war Rod Stewarts Solokarriere nicht mehr gewachsen – führte Ronnie unweigerlich zu den Rolling Stones. Er wurde damit sozusagen befördert; aber er hatte auch wieder jemand vor der Nase sitzen: Mick Jagger. Das Spiel begann von vorne, und das Jahr 1979 erlangte in Ron Woods Leben eine ähnliche Bedeutung wie 1974. Die Parallelen sind verblüffend: Wieder gab es ein Soloalbum („Gimme Some Neck“), wieder mischte Keith Richards mit (die Namen Mick Jagger und Charlie Watts tauchen ebenfalls in den Credits auf), und wieder gab es Konzerte, diesmal aber mit einer Band, die als Stones-Ableger von Dauer sein soll: den New Barbarians. Wie gut sie sich auf der Bühne machen, in der Besetzung mit Stanley Clarke (Baß), lan McLagan (Keyboards), Zig Modelist (Drums), Bobby Keyes (sax) und natürlich Keith Richards an der Gitarre, läßt sich nicht nachvollziehen – die Konzerte in Kanada und in den USA im Frühjahr dieses Jahres sowie in Knebworth im August (wo Phil Chen kurzfristig für den erkrankten Stanley Clarke einsprang) konnten nicht für ein Live-Album mitgeschnitten werden. „Da gibt’s zuviele Probleme mit den Vertragen“, meint Ron, „da stecken einlach zu viele verschiedene Plattenfirmen drin.“ Besser als bei Konzertmitschnitten sieht die Rechtslage indes bei Studioalben aus. Daher plant Ron, die New Barbarians auf jeden Fall mit auf sein nächstes Soloalbum zu nehmen. Er arbeitet bereits daran, nachdem die Aufnahmen für die kommende Stones-LP im Spätsommer abgeschlossen werden konnten.

Die neue Platte der Rolling Stones, meint Ron, sei zwar ähnlich wie „Some Girls“, aber auf jeden Fall more advanced. Es wird sich bald zeigen, was darunter zu verstehen ist. Bislang hat Ron Wood jedenfalls mehr den „konversativen“ Flügel der Stones gestärkt, was ihnen gut bekommen ist: Gib ihm die Kante, wir sind nicht auf der Musikhochschule. Gleichwohl hat sich schon so mancher stille Beobachter gefragt, wieso ausgerechnet der renomierte Jazz-Bassist Stanley Clarke neben dem Haudegen Ron Wood in einer Band spielt. Dazu Ronnie: „Wenn Stanley zu den New Barbarians stößt, dann bringt er waschechten Rock. Er rockt und rollt wirklich; nur nehmen’s die Leute nicht zur Kenntnis!“