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Wie The Rolling Stones zur größten Rockband der Welt wurden

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Ein einziges Mal fällt Mick Jagger aus der Rolle. Und die Filmkameras von Albert und David Maysles sind dabei. Ein paar Tage nach dem Konzert in Altamont am 6. Dezember 1969, eine Rennstrecke vor den Toren von San Francisco, ist Jagger in den Schneideraum der Brüder gekommen. Er will sich ihre Aufnahmen ansehen von seinem Auftritt, der die Fortsetzung der Hippieseligkeit von Woodstock werden sollte, aber dann als maliziöses Echo der Manson-Morde im August des Jahres in die Geschichte einging, der letzte Nagel in den Sarg der Love-and-Peace-Ära. Ein von Gewalt erfüllter Abend, bei dem die als Ordner engagierten Hells Angels das Publikum terrorisierten und den gegen die Willkür der Biker protestierenden Marty Balin von Jefferson Airplane auf der Bühne bewusstlos schlugen und an dessen traurigem Höhepunkt – die Stones haben vor 300.000 Menschen gerade „Under My Thumb“ angestimmt – der 18-jährige Schwarze Meredith Hunter, bis unter die Hutkrempe voll mit Aufputschmitteln, links vor der Bühne im allgemeinen Getümmel einen Revolver zieht und von dem Hells Angel Alan Passaro attackiert und mit fünf Stichen seines Messers getötet wird. Jetzt lässt sich Mick Jagger von David Maysles zeigen, was geschehen ist. „Konntest du sehen, was passiert ist“, wird er gefragt. „Nein, wir haben nichts gesehen, es war nur eines von vielen Handgemenge vor der Bühne“. Dann sieht er den Mord. „Oh, stimmt, da ist es. Wow. Wie schrecklich.“ Er verstummt. Alle Farbe weicht aus seinem Gesicht.

Dandy und Schlangenbeschwörer

Jetzt, in diesem kurzen Moment, ist er nicht der Verführer, der Showman, der Dandy, der Bürgerschreck, der Bad Boy, der Schlangenbeschwörer, der Salonlöwe, der Luzifer, der Superstar, der Sänger der Rolling Stones. Er ist ein kleiner Junge, betroffen und hilflos, bestürzt über die Geister, die er gerufen hat. Rape, murder, it’s just a shot away – Vergewaltigung, Mord, nur einen Schuss entfernt. Noch einmal soll ihm das nicht passieren. Wird es auch nicht. Der herbeigesehnten Revolution der Gegenkultur, deren Galionsfigur die Stones sind, hatte er schon im Jahr davor eine Absage erteilt, als er in „Street Fighting Man“ sang, dass einem armen Jungen nichts anderes übrig bliebe, als in einer Rock’n’Roll-Band zu singen. Sollte tatsächlich noch eine Spur von Idealismus in Jagger gewesen sein, wird er in diesem Augenblick ausgelöscht. Jetzt will er nur noch Ruhm und Ehre für die Stones. Er leitet in diesem Moment – die wirklichen Großtaten der Band liegen noch vor ihm – den Untergang des Rock’n’Roll ein, sein langsames Sterben, an dessen Speerspitze wie schon bei seinem Triumphzug in den Sechzigern immer die Gruppe stehen wird, die besinnungslosen Kommerz in „Satisfaction“ verlacht hatte und ihn künftig zu umarmen, wie es nur wahre Hedonisten können. Der Anfang vom Ende, er beginnt hier. Er macht die Stones, bislang arm wie Kirchenmäuse zu den reichsten Männern im Geschäft. Keine Marke verkauft sich besser. Und sie strecken einem die Zunge raus.



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