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Roosevelt: „Der Kölner Sound ist zurückhaltender als das hedonistische Ding in Berlin“

Marius Lauber gibt Interviews im Eurohotel Diagonal in Barcelona. Würde man ihn nur sehen und nicht hören, könnte man ihn in diesem Moment für einen munteren Soap-Star halten, der ein paar Schwiegermamaherzen erobert, oder für einen YouTube-Hipster, der gerade von seinem letzten Longboard-Trip zurückkommt. In seinen Erzählungen geht es auch immerzu um Jugend: die zehn verschiedenen Bands, in denen er Gitarre und Schlagzeug gespielt hat, sein anhaltendes Rendezvous als DJ mit der Clubkultur, sein Debüt­album unter dem Namen Roosevelt. Eine offene Pop-Platte hatte er im Visier, „eine, die nach Adoleszenz klingen soll“, sagt er. Wenn seine Augen unter der schwarzen Baseballkappe den Interviewer fixieren, wird Lauber analytisch, er hat ja auch schon ein Stück Geschichte zu erklären.

Mit seinem melancholischen Elektro-Pop machte er international von sich reden, bevor man ihn in Deutschland so richtig auf der Agenda hatte. Roosevelt heimste nicht nur Millionen Klicks auf Spotify & Co. ein, er sammelte Bewunderung in Blogs und klassischen Me­dien für das introspektive, nachdenkliche Moment in seinem musikalischen Jugendprogramm, das immer auch eine erwachsene Zielgruppe erreichte. Könnte eine clevere Karrierestra­tegie sein: raus aus Deutschland, um sich interessant zu machen und durch die Hintertür wieder ins Bewusstsein der deutschen Fans reinzuspielen? Nicht ganz, meint Marius Lauber. Er sei nun einmal von der ersten Minute an beim Greco-Roman-Label von Hot-Chip-Gründer Joe Goddard unter Vertrag gewesen und international gar nicht als deutscher Act wahrgenommen worden: „Für mich war das nie so, dass ich einen Sprung machen musste. Als ich mit zwölf angefangen habe, in Bands zu spielen, hat man Musik auf MySpace entdeckt. Ich habe immer alles aufgesaugt. Auf Deutschland hab’ ich mich nie konzentriert.“

„Je größer der Auftritt, desto kleiner ist die Aufregung bei mir.“

Eine Idee von zu Hause existiert dennoch im Universum des 25-jährigen Wahl-Kölners. „Ein Heimatgefühl habe ich im Westen Deutschlands. Das merke ich immer nach ein paar Wochen im Ausland. Gast in einer anderen Stadt zu sein, gefällt mir trotzdem sehr – in diesem Schwebezustand, mit dem Wissen, dass man am nächsten Tag wieder weg ist.“ Das Primavera-Festival in Barcelona bespielt Roosevelt in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal. Nach Clubauftritten im vergangenen Jahr ist es diesmal eine Big-Stage-Show mitten in der Nacht vor ein paar Tausend erwartungsvollen Fans. „Je größer der Auftritt, desto kleiner ist die Aufregung bei mir“, sagt er. „Wenn die Show erst einmal läuft, werde ich gelassener, weil ich die Leute nicht mehr als einzelne Personen wahrnehme.“ Vor ein paar Wochen im „Club Bahnhof Ehrenfeld“ in Köln war das ganz anders: „Wenn ich vor Freunden und Familie spiele, werde ich schon mal nervös.“

Köln muss Thema dieser Geschichte sein. Je weiter man von der Domstadt entfernt ist, desto progressiver ist ihr Ruf, hat Stefan Krachten von den Unknown Cases einmal treffend festgestellt. Vielleicht dachte er dabei vor allem an die Rolle von Can in den späten 60ern und frühen 70ern. Abseits von BAP, Bläck Fööss und lokalem Schunkelgut konnte Köln erst in den 90ern wieder Popgeschichte schreiben: als Ortsmarke für eleganten Minimal Techno, speziell in den wegweisenden Produktionen des Kompakt-Labels. Der „Sound Of Cologne“ schenkte Techno Komplexität und Wärme. Als Marius Lauber noch in Viersen, einer 75000-Einwohner-Stadt am Niederrhein, lebte, war dieses progressive Köln ein magnetischer Anziehungspunkt. Mit 19 zieht er schließlich in die Stadt, deren Clubkultur ihn musikalisch so heftig beeinflusst hatte. Über einen Job beim c/o pop Festival lernt er Tobias Thomas aus dem Kompakt-Umfeld kennen, bald ist er der jüngste Resident-DJ von „Total Confusion“, der besten Clubnacht im Schatten des Doms. Nach einem kurzen Intermezzo in Berlin sagt er heute: „Der Kölner Sound ist zurückhaltender als dieses hedonistische Ding in Berlin, das gefällt mir.“ Marius Lauber hat in Köln eine Haltung gefunden, die von größerer Freiheit geprägt ist.

Das Projekt (oder: die Kunstfigur) Roosevelt war noch nicht geboren, da entsteht in den Clubnächten schon so etwas wie die Rohform für den kommenden Sound: Das Album-Debüt klingt wie ein gedachtes DJ-Set mit Elementen aus Disco, Elektro, AOR der 70er und 80er und einer gehörigen Dosis Melodik. Lauber passt aber sehr genau auf, dass ihm dieses referenzstarke Ding nicht zum Revival-Spektakel wird. „Ich habe ein Problem mit Bands, denen man anmerkt, dass sie eine 80er-Jahre-Platte machen wollten. Wenn sie auf der Bühne stehen, wirkt das oft wie ein Musical oder eine Yacht-Rock-Parodie.“ Als Gegengift hat Roose­velt sich das verschrieben, was er eine „kontemporäre Produktion“ nennt. Und ein geduldiges Procedere: Wo andere aus einem halben Dutzend Ideen ein halbes Dutzend Tracks bauen, verwirft Lauber immer wieder Ansätze und Baumaßnahmen. „Ich bohre oft lange an Songs, auch wenn das heißt, ein Jahr an einem Song zu arbeiten und nachher acht Versionen zu haben.“

Als er 2012 mit seinen ersten Roosevelt-Stücken auftritt, speist er sein Programm noch aus lauter Demoversionen. „Das hat mir geholfen, weil ich direkt Feedback vom Publikum bekam. Es gab Stücke, bei denen ich sofort merkte, das funktioniert nicht.“ Mitte 2014 verschwindet er beinahe von der Bildfläche, zieht sich in sein Kölner Studio zurück. „Dieses Zurücknehmen war eine Notbremse, damit ich innehalten und konzentriert arbeiten konnte.“

Beim Primavera-Festival in Barcelona steht Roosevelt mit einer Band auf der Bühne: Bassist Matthias Biermann und Schlagzeuger Maarten Hemmen unterstützen Lauber bei der Präsentation. In den ersten Minuten ist es der Drummer, der Kontakt mit dem Publikum aufnimmt, der dem Trio Präsenz verleiht. Bis Lauber in der Rolle des Vokalisten Sicherheit gewinnt, die Melodien ganz unbeschwert ziehen lässt und die Songs ineinander zu fließen scheinen. Roosevelt soll ganz klar für Songs stehen, sagt Lauber. „Ich könnte mich ans Klavier setzen und ‚Wait Up‘ spielen und es käme ganz ähnlich rüber wie auf dem Album. Die Produktion ist nur ein Element, das die Musik färbt.“ Und so kann sich die Struktur eines Roosevelt-Stücks an Pop-Mustern orientieren – Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-Solo-Refrain – die Stimmung aber nimmt einen immer mit in die Nacht, unter die Discokugel – dort wo wir dem Eskapismus frönen. Mit „Fever“ hat Marius Lauber darauf eine Hymne geschrieben: „Fading back into the night. Nothing’s gonna hold us down. Leaving all the rest behind.“


Am 14. Oktober tritt Roosevelt live bei der ME.Klubtour im Münchner Club Strom auf. Details und Vorverkauf auf der Facebook-Seite zur Veranstaltung, mehr zur ME.Klubtour, die bereits in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Köln Halt machte, erfahrt Ihr unter www.musikexpress.de/klubtour.

Musikexpress präsentiert: Roosevelt auf Tour im Oktober 2016


Video: Impressionen der ME-Klubtour in Köln mit Schnipo Schranke und weiteren Acts
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