Roxy Music – Zurück mit leichten Schwierigkeiten und neuer LP…


Wenn die Band Anfang nächsten Jahres erneut eine Deutschland-Tour absolviert, wird das ganze unter dem Titel „Bryan Ferry and Roxy Music“ ablaufen. „So weit ist es also schon gekommen“, werden dann sicher einige Unverbesserliche sagen. Aber war es nicht voraus zu sehen? Zuletzt erschienen von fast allen Roxy-Mitgliedern Solo-Alben und Singles – sodaß ständig die Vermutung nahelag, eine Auflösung oder Umbesetzung würde bald fällig sein.

Aber dem war nicht so! Sie stehen noch zusammen, die fünf, nicht mehr unbedingt extravagant wirkenden Musiker. Nach fast einjähriger Pause begann Anfang Oktober eine England-Tour, mit der sie ihr neues Album vorstellen und promoten wollten. Es heißt „Siren“, was soviel wie (weibliche) „Sirene“ bedeutet, und das Cover der Platte zeigt mal wieder überdeutlich, daß es sich um ein waschechtes Roxy-Original handelt, mit allem Drum und Dran.

Neue Richtung

Konnte man ihre beiden ersten LP’s als eine Sache ansehen und die folgenden zwei als eine andere, müßte man „Siren“ zu einer dritten Kategorie rechnen, da sie sich erneut von ihren Vorgängern unterscheidet. Noch ein wenig mehr sophisticated, untypischer, aber freilich noch im Rahmen von Roxy Music. (Die Weiterentwicklung fordert eben ihren Preis!) Phil Manzanera ist der Ansicht, diese LP würde sie ein für alle mal etablieren. Dafür sollte auch Produzent Chris Thomas sorgen, der sich bereits mit „For Your Pleasure“ und „Stranded“ vorgestellt hatte und dabei zeigte, wie er es sich vorstellte. Auf „Country Life“ hatte sich nämlich John Punter versucht, der schon Bryans Solo-Alben produzierte, mit dem die Gruppe aber nicht sonderlich gut auskam. Inzwischen besteht die Band mehr denn je aus einzelnen Musikerpersönlichkeiten, die sich nicht als festgefügte Gemeinschaft verstehen, sondern als starke Individuen.

Bryan Ferry exklusiv

Daß Bryan, unumstrittenes As und Schöpfer von Roxy Music, eigene Wege gehen würde, stand von Anbeginn an fest. Seine eigenwillige Art und die exzentrischen Vorstellungen hätten den Gruppenrahmen sonst bestimmt bald gesprengt. Der einzig machbare Ausweg lag also in abgesonderten Solo-Projekten, zu denen Mr. Ferrentino denn auch schleunigst griff. „These Foolish Things“ bildete den Anfang und „Another Time, Another Place“ folgte und war überaus erfolgreich. Seine bislang letzte Veröffentlichung war die Single „You Got To My Head“ im Juli dieses Jahres, als „Siren“ schon in Arbeit war. Aber Bryan läßt sich nun mal nicht drängen. Sprichwörtlich in letzter Sekunde, wenn der Studiotermin bereits vor der Tür steht, beginnt er damit, die Texte zu schreiben. Bis dahin sollten die andern die musikalische Seite möglichst schon fertig haben, so daß nach seinem Gesang und seinen unzähligen Ideen die Songs aufgenommen werden können.

Der erste, der Ferry und seinen Solo-Ambitionen folgte, war Andy Mackay, der unglaubliche Bläser der Roxys. „In Search Of Eddie Riff“ nennt er sein Erstlingswerk, und es dürfte eines der am meisten unterschätzten sein, das die Popmusik in den letzten Monaten hervorgebracht hat. Es wurde eine überaus persönliche Platte, die Robert Wyatt dazu veranlaßte, von ihr zu schwärmen, sie wäre „ganz außerordentlich faszinierend“. Nur die Kritiker fuhren nicht drauf ab! Kürzlich versuchte Andy mit der Single „Wild Weekend“, einer Instrumentalnummer, den zweiten Anlauf. Wünschen wir ihm, daß er diesmal mehr Glück hat und die verdiente Anerkennung findet. Er ist der Roxy-Musiker, der sich noch am ehesten mit dem alten Image, den ersten beiden Alben und den 50er Jahren identifiziert und gerne dahin zurückkehren würde.

Manzanera und „Quiet Sun“

Die exotischste Figur in der Gruppe ist wohl Phil Manzanera. (Erinnert ihr euch noch an die erste LP, auf der er diese Bienenstock-Rennbrille trägt?) Er war schon immer ein merkwürdiger Bursche, seiner Zeit stets um ein paar Wochen voraus und ständig bestrebt, es so zu belassen. Als er 1972 für den Ex-Nice Gitarristen David O’List bei den Roxys einstieg, war es für ihn ein logischer Schritt. Kurz zuvor hatte er seine alte Band Quiet Sun aufgelöst, derer er sich nunmehr, fast zwei Jahre danach, wieder gerne erinnert und widmet. Während der Aufnahmen zu seinem Album „Diamond Head“ nahm er gleichzeitig den Erstling der Quiet Sun’s auf. Die Platte heißt „Mainstream“ und ist im Gegensatz zur Roxy-Musik eine progressive Heavy-Scheibe. Beide Platten erhielten nichtsdestoweniger hervorragende Kritiken, und es dürfte nicht weiter verwundern, wenn man ihn bald mit seiner alten Crew auf Tournee sehen würde. Vorausgesetzt natürlich, das Album von ihnen wäre erfolgreich genug…

Ein fester Bassist

Drummer Paul Thompson hegt offenbar noch keine Solopläne, und Keyboard-Spezialist Eddie Jobson, der nebenbei bemerkt, für die letzte Birth Control-LP einige „Klatscher“ beisteuerte, ist momentan noch dabei, alles dafür in die Wege zu leiten. Die Bassisten der Band geben sich ja bekanntlich nach spätestens einer Platte und einer Tour die Klinke in die Hand.

Um so erstaunlicher ist es, daß Johnny Gustafson wieder mal dabei ist, oder besser, noch immer dabei ist, denn er hatte ja bereits auf „Stranded“ und „Country Life“ sein Können unter Beweis gestellt. Da er auf „Siren“ ebenfalls mitwirkt und auch während der letzten Englandkonzerte auf der Bühne stand, kann man ihn wahrscheinlich bald als festes, sechstes Mitglied ansehen. Die meiste Zeit spielt er allerdings noch bei dem amerikanischen Sänger Shawn Philips in der Begleitgruppe.

Im Moment ist noch unklar, ob man Roxy Music in Kürze als lose Formation hinter Bryan Ferrari ansehen muß, oder ob sie die Lust und Laune besitzen, sich wieder zusammenzuraufen, um eine GRUPPE zu werden. Musikalisch sind sie sich nämlich nicht mehr so recht einig. Andy möchte um jeden Preis zurück zu den Wurzeln der beiden ersten Alben, während Phil fortschrittlicheren Gedanken den Vorzug gibt. Bryan selbst wird sich wohl für einen Mittelweg entschließen, der letztlich auch die Entscheidung bringen wird wie es weitergeht. Traurig genug, daß sich nach dem Ausscheiden von Eno, dem genialen Naiven, der Stil zusehends zu Ungunsten der gewohnten Schrägheit und Unkompliziertheit wandelte. „Country Life“ war von dieser Warte aus schon ein fast humorloses Album. Brillant und ausgefeilt, aber eben nicht mehr „roxy“ genug.

Arbeitsweisen

Sollte „Siren“ nun auf einige alte Fans ernster und intellektueller wirken, ist das natürlich zu bedauern. Vielleicht liegt es an der ungewohnten Arbeitsweise der Band. Bryan schreibt, wie er selber zugibt, oft Stücke, die derart tragisch und von Weltschmerz verhangen sind, daß es unmöglich ist, sie zu veröffentlichen. In solchen Fällen werden die „schweren“ Teile meist schleunigst durch leichtere ersetzt und ein neuer Text benutzt. Das Material für neue Songs wird von allen mit ins Studio gebracht und dort (ohne eine Alternative) zu dem verarbeitet, was nachher auf der Platte zu hören ist. Gesetzt den Fall, die Grundidee gäbe nicht sonderlich viel her, gibt es keinen Ausweg aus der Misere. Zweifellos einer der Gründe, warum die Gruppe meist mit allen zur Verfügung stehenden Tonspuren (bis zu 24) arbeitet. Diese Stücke sind „live“ logischerweise nicht mehr zu reproduzieren, und nicht nur Andy drängt neuerdings auf eine Vereinfachung.

Bryans Traumwelt

Viele von euch werden sich sicher schon fragen, mit welchem Kostüm Bryan diesmal auf der Bühne erscheint. Die Rollen als Gaucho, NS-Anhänger, Gutsbesitzer und gewandtem Lebemann im weißen Diner-Jacket hat er ja bereits, erfolgreich hinter sich gebracht. All diese Kleidung gehört zu Bryans ganz persönlicher Traumwelt. Einer Traumwelt, die durch seine Musik, die wehmütigen Texte und nicht zuletzt durch die eindeutigen Cover der Platten zum Ausdruck kommt. Das treffendste Beispiel hierfür ist wohl das von „Another Time, Another Place“, wo er so elegant und exclusiv den Millionär vor eigenem Swimmingpool mimt, daß man’s ihm fast abnehmen möchte. Für seine Solo-LP’s komponiert er komischerweise nicht ein Stück. Da wählt er mit liebevoller Hand Popsingles der 50er und 60er Jahre aus und interpretiert sie, wie z. B. in „Smoke Get In Your Eyes“, „schräger“ und romantischer als es selbst die Originale fertigbrächten.

Seit dem diesjährigen Frühjahr konnte man Roxy Music nicht mehr bei uns bewundern. Im Moment sieht es allerdings so aus, als kämen sie im Januar mal wieder vorbei. Sie mögen nämlich weder häufige noch umfangreiche Tourneen. Bryan meint, sich dadurch sinnlos zu verausgaben: „Manchmal hast du die Kraft durch all die Emotionen in den Songs zu gehen, denn wenn du Sänger bist, mußt du jeden einzelnen durchleben. Und da die meisten Stücke, die ich geschrieben habe, sehr tiefsinnig und melancholisch sind, nimmt sie das einem weg, wenn man sie Abend für Abend durchlebt. Am Ende der Tour bist du dann ein Wrack!“ Wenn ein jeder Sänger seine Funktion so ernst wie Bryan nähme, gäbe es vermutlich in Kürze nicht mehr so viele von ihnen.

Nach ihren sämtlichen Solo-Trips und diversen Gastspielen bei anderen Künstlern (Andy bei Mott The Hoople und Phil bei John Cale, Nico und Eno) macht es den Roxy-Musikern offensichtlich wieder Spaß, als Band zusammenzuarbeiten. „Siren“ und die brandneue Single „Love Is The Drug“ geben ein gutes Beispiel für den neu erblühten Ensemble-Geist und die kreative Seite jedes einzelnen. Durch die Fremdprojekte ernüchtert und erfahrener geworden, spielt sich nunmehr alles in einem etwas reiferen Rahmen ab. Könnten sie sich jetzt auch noch auf eine gemeinsame musikalische Linie einigen, dürfte ihr nächstes Album dieselben Anzeichen eines Erdrutsches hervorrufen, wie das ihre erste LP gründlich, vor fast vier Jahren tat.