Rush – Klimmzüge eines Heavy-Trios


Aus Nordamerika donnert ein neues Heavy-Trio heran: Rush. ME-Mitarbeiter Wolfgang Bauduin flog nach Schweden, um sich den ersten Auftritt der Band auf europäischem Boden anzusehen.

Kurz hinter dem Flughafen Arlanda, auf der E 4 von Uppsala nach Stockholm, wartet der erste Gag auf uns: Ein rot umrandetes Dreieck mit einem schwarzen Elch darin, darunter eine Kilometerangabe – das Verkehrsschild für Wildwechsel. Drei Stunden später folgt die nächste Überraschung: Selbst nach zehn Glas Bier verspürt keiner von uns irgendwelche Wirkung – der Alkoholgehalt des Bieres läßt sich erst mit der zweiten Stelle hinter dem Komma erfassen. Und die beiden folgenden Tage präsentieren noch weitere für Mitteleuropäer neue Erkenntnisse: Etwa die, daß es in Stockholm kaum einen Sex-Shop gibt; oder daß man so gegen halb zwei Uhr nachts die Beleuchtung abschalten kann, von wegen Mittsommerwende; oder daß die Schweden eine vorzügliche Küche haben: Heringsplatte mit Käse, wer hätte es gedacht, schmeckt ausgezeichnet.

Indes, dies waren nur die amüsanten und teils lehrreichen Begebenheiten am Rande, denn hauptsächlich waren Manfred, Kai und ich wegen des kanadischen Heavy-Trios Rush nach Stockhohn gekommen. Die Band hatte nach einer England-Tournee einen Abstecher in die schwedische Hauptstadt vollzogen und stellte sich am 8. Juni im Göta Lejon, einem ausgedienten Kinosaal, vor. Eintrittspreis: 40 Kronen, also umgerechnet 22 DM, und das noch ohne Vorgruppe. Trotzdem war’s proppenvoll.

Erstmals in einem Rockkonzert lernte ich dann das Fürchten. Zu vorzüglicher Lightshow servierten Rush einen Querschnitt durch ihre vier Studioalben, mit schätzungsweise 120 Dezibel Lautstärke, und brachten das vor dem Auftritt eh schon rumorende Publikum endgültig zur Raserei. Einzig Manfred konnte sich dem Gefühl der Platzangst wohl entziehen und hielt es bis Konzertende in den vorderen Sitzreihen aus. Wir anderen hatten zur Halbzeit in die hintere Saalhälfte gewechselt, die noch am ehesten körperliche Unversehrtheit erhoffen ließ.

Heulender Tiefflug

Rush s Darbietungen solcher Songs wie „Bastille Day“, „Anthem“, „2112“ oder „Fly By Night“ gerieten an diesem Abend zu einem heulenden Tiefflug bei Nacht. Zur auf Dauer penetrant nervenden, wahrscheinlich absichtlich übersteuerten Micky Maus-Stimme des Bassisten Geddy Lee trugen Alex Lifeson (g) und Neil Peart (dr) handwerklich saubere Arbeit bei – indes vermißte man Feuer und Spontaneität. Eben diese Qualitätsmerkmale nämlich sind die einzigen Garanten (sofern man keinen Clapton oder Hendrix in den Reihen besitzt) dafür, der jedem Rock-Trio drohenden Flügellahmheit zu begegnen. Diese Flügellahmheit ist zwangsläufig durch die begrenzte Ausdrucksmöglichkeit gegeben: Baß, Schlagzeug und bloß eine Gitarre bringen’s nur selten. Rush haben dies wohl insgeheim erkannt, denn sie setzen gelegentlich einen von Geddy Lee beaufsichtigten Synthesizer ein. Dessen Beitrag allerdings bleibt auf simple Effekte beschränkt.

Auf die Frage, ob sie sich in der Trio-Besetzung nicht limitiert fühlten, antworteten die Rush-Leute charmant, aber bestimmt: „Definitiv nicht! Es bestehen auch hier noch zahlreiche Ausdrucksmöglichkeiten. Unsere Kompositionen, gerade auf den letzten Alben ‚Caress Of Steel‘ und ‚2112‘, sind zum Beispiel sehr abwechslungsreich gehalten, sprengen die gängige Songform. Neil Peart benutzt zum anderen sehr intensiv die melodiösen Möglichkeiten, die auch ein Schlagzeug bieten kann. Wir sind nicht der Meinung, ein vierter Mann, etwa an den Keyboards, sei nötig.“

In Kanada kann keine Rockband überleben

Hinter dieser Ansicht steht nicht nur Routine bei Interviews, sondern vermutlich auch eine bei heimatverbundenen kanadischen Musikern offenbar unabänderliche Vorliebe für den Heavy-Rock. Ein Blick zurück zeigt zwar, daß manch bekannter sanfter, in den USA berühmt gewordener Musiker kanandischer Herkunft ist: Denny Doherty von den Mamas & Papas oder Zal Yanovsky von Lovin‘ Spoonful, um mal ganz weit zurückzugreifen; die meisten Mitglieder von The Band, mehrere von Buffalo Springfield (darunter Neil Young), daneben auch Joni Mitchell, Gordon Lightfoot oder Leonhard Cohen – wobei die letzteren jener bemerkenswerten Folkszene entstammen, die uns kürzlich mit Kate & Anna Mc Garrigle wieder außergewöhnliche Interpreten bescherte. Diese Musiker sind in die USA abgewandert; die originären Kanada-Bands frönen seit eh und je dem Satz „Gut ist, was hart klingt“. Die Guess Who mit ihrem Welthit „American Woman“ machten den Anfang, bis dann deren Ableger Bachman Turner Overdrive für Wirbel sorgte. Höllisch heavy tönen auch Pat Travers (siehe ME 6/77) und Mahogany Rush. Neil Peart empfahl mir beim Interview gleich noch eine Band, die wie Rush aus Toronto stammt und sich Max Webster nennt. Inzwischen habe ich deren LP „High Class In Borrowed Shoes“ gehört: Ähnlich wie Rush klingt sie – jedoch mit allzeit präsentem Synthesizer. Und Max Webster haben noch einen Haken – sie sind zu viert.

Fast unpassend für kanadische Verhältnisse.

Frage an Rush, ob sich die Gruppe in Kanada finanziell über Wasser halten kann: „Unmöglich! Als Folksänger schafft man es, denn in Toronto, Montreal oder Quebec gibt’s eine reichhaltige Club-Szene. Rockbands jedoch müssen teils in die USA ausweichen, weil der Markt dort erheblich größer ist. Unser Plattenmarkt ist viel zu klein.“ Kein Wunder, denn Kanada, obgleich das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde, besitzt nur 24 Millionen Einwohner. „Eben dies ist unser Problem“, meinen Rush.

„Seit wir uns Mitte 1974 formiert haben, sind wir fast ständig auf Tournee gewesen. Bei den riesigen Entfernungen in Kanada geriete dies zu einem Minusgeschäft, mehr Kilometergeld als Konzertgagen. Meist touren wir daher durch die USA, wo man zwar auch tausend Meilen reisen muß, aber auf dieser Strecke liegen dann auch wenigstens drei große Städte. Bei uns vielleicht gerade nur ein Dorf – und da kann man nicht auftreten.“

Welche Probleme liegen in ihrem Land an? Ist Margret Trudeau ein Problem? „Hähä, nee. Die hat einfach nur zu früh geheiratet. Aber mal ernst: Wir haben viel Last mit dem Umweltschutz, gerade am Ericsee, in der Gegend von Toronto und Ottawa, weil die Amerikaner uns den Dreck in den See schütten. Und dann bestehen noch diese Separatisten-Bewegungen, die den französisch-sprachigen Teil Kanadas vom englischen trennen wollen. Mann, du glaubst nicht, wie tief das sitzt. Es gibt französische Lokale, wo Bestellungen auf Englisch gar nicht angenommen werden, obwohl das Personal natürlich Englisch spricht. Umgekehrt ist das genauso“.

Zurück zur Musik: Wie gut Rush live klingen können, wenn sie mit Feuer spielen, kann auf der aktuellen Doppel-LP der Band erkundet werden. „All The World’s A Stage“ heißt das Album, ein repräsentativer Querschnitt durch die bisherigen drei Rush-Jahre,angereichert mit dem Lärm eines rasenden Publikums ähnlich dem in Stockholm. Rush nahmen die Platte bei drei Heimspielen in Toronto auf. Einziges Manko des Albums bleibt die Tatsache, daß nichts von der exzellenten Lightshow herüberkommt, die ein wohlgenährter junger Mann dirigiert, der sinnigerweise auf den Namen Howard Ungerleider hört.