Shocking Blue in Israel


Die Motoren der KLM-Maschine waren abgestellt. Während man auf der Treppe wartete, die den Passagieren wieder festen Boden unter den Füssen verschaffen würde, schwirrten den vier mitgliedern von Shocking Blue die Gedanken durch den Kopf. Wie wird es hier sein? Wie ist das Publikum, kennt es uns überhaupt? Schliesslich haben wir in Amerika vor ca. 15.000 Leuten gespielt! Aber was wartet hier in Israel auf uns?

Auf der Plattform standen bereits 100 Leute, die sie erwarteten. Anwesend war der Organisator und so ziemlich das gesamte Flughafenpersonal, das sich alle Mühe gab, ein Autogramm der vier berühmten Holländer zu ergattern. „So, so, auf jeden Fall scheint man uns hier doch zu kennen…“, grinsten sie fröhlich. Nachdem sie den Transitbus verlassen hatten, wurden sie sofort von ein paar kräftigen Bodyguards umringt. Wenn sie den Sinn deren Anwesenheit nicht unmittelbar einsahen, so wurde ihnen alles klar, sobald sie die Halle betraten: Dort wurden sie mit Jubel und Geschrei empfangen, es war ein Fest, das ein bisschen an die längst vergangene Zeit der Beatlemania erinnerte. Draussen standen ebenfalls einige tausend Fans, die versuchten, wenigstens durchs Fenster einen Blick auf ihre Idole werfen zu können.

Das war der Anfang einer sehr erfolgreichen Tournee, die Shocking Blue vom 26.4. bis 2.5. durch Israel unternahm. Was anfangs noch sehr unsicher war, wurde schon auf dem Flughafen klar. Man kannte Shocking Blue auch in Israel. Es kostete die Bodyguards Anstrengung, die Fans aus dem kleinen Konferenzzimmer fernzuhalten, in dem ihnen Kaffee angeboten wurde und wo schon diverse Presseleute fotografierten und Fragen stellten. Dann war es soweit: Mariska, KJaas, Leo und Cor (Robbie war nicht dabei) sollten auf irgendeine Weise nach draussen zum dort bereitstehenden Auto gelotst werden. Es erwartete sie der offizielle Empfang im Tiffany-Club in Tel-Aviv.

HYSTHERISCHE FANS

Wieder „Beatles-Zustände“! Hystherische Fans versuchten, sich nach vorne zu drängen, um doch noch mal eben jemanden von der Gruppe berühren zu können. Glücklicherweise handelte es sich bei den Bodyguards um starke Burschen, die genügend Widerstand bieten konnten, sodass sich der Schaden auf ein paar zerrissene Kleidungsstücke begrenzte. Das Tiffany war enorm voll von schwitzenden und aufgeregten Fans, die überglücklich waren, ihre Idole einmal in eigener Person erleben zu können. Manche hatten ihre Fotoapparate mitgenommen und liessen sich dann von einem Freund zusammen mit Mariska fotografieren. Einige Leute von der hollandischen Botschaft waren speziell von Jerusalem angereist gekommen, um ihre Landsleute zu begrüssen. Unser Hotel lag etwas ausserhalb von Tel Aviv, ganz in der Nähe der Küste.

Da es in den folgenden Tagen unheimlich warm war, hätten wir uns am liebsten im Wasser getummelt, aber dazu blieb uns leider keine Zeit. Tagsüber fanden meistens Interviews und Fotosessions statt. Die israelitische Presse und der Rundfunk zeigten besonders viel Interesse an Shocking Blue. Es ist doch immer wieder ein grosses Erlebnis, wenn man feststellt, dass Tausende von Kilometern von zuhause einen die Leute auf der Strasse erkennen. Was das betrifft, war es sehr angenehm, dass der Organisator, Herr Saban, uns in einem Hotel ausserhalb der Stadt einquartiert hatte, denn so nahm die Anzahl der Autogrammjäger nicht überhand. Auf die Dauer empfindet man es halt doch lästig, wenn man dauernd von schreienden Teens umringt wird. Ich habe das jetzt einmal aus nächster Nähe miterleben kirnen.

KRANKENWAGEN

Mittwoch, der 28. April. Es standen gleich vier Auftritte auf dem Plan. Im Krankenwagen mit Blaulicht und geschlossenen Gardinen fuhren wir abends um 20.15 Uhr zum National Park, wo an die 3.000 Leute ungeduldig auf die Gruppe warteten. Um 10 Minuten vor 21 Uhr tönten die ersten Klänge durch den Park. Im Schnelltempo wurden alle Hits wie „Long, Lonesome Road“, „Shocking You“, „Never Marry A Railroad Man“ usw. gespielt. Das Publikum begann mitzusingen und zu klatschen, was seinen Höhepunkt erreichte, als zum Schluss „Venus“ erklang. Das Publikum war ausser sich. Shocking Blue hatte auf grossartige Weise Israel erobert. Unmittelbar nach dem Auftritt schlössen sich die Leute vom Ordnungsdienst beschützend um die Mitglieder der Gruppe, sodass wir mühelos in ein bereitliegendes Boot steigen konnten und schnell zur anderen Seite des Sees fuhren, wo schon wieder ein Krankenwagen wartete. Wie fuhren zum „Exhibition Garden“, wo auch bereits wieder 40.000 kleine, erhitzte Israeliten auf Shocking Blue wartete. Was sich dort abspielte, ist schwierig zu erklären. Bevor wir die 5 Meter hohe Bühne erreicht hatten, mussten wir uns einen Weg durch Tausende von Leuten bahnen, die sich schon längst nicht mehr durch den Krankenwagen täuschen Hessen. Im Gegenteil – im Handumdrehen hatte man begriffen, dass darin eine sehr kostbare Fracht transportiert wurde, die alles andere als verwundet war. Ich brauche wohl nicht besonders zu erwähnen, dass 40.000 Seelen, die verrückt vor Begeisterung sind, einen unvergesslichen Eindruck in einem hinterlassen. Ausserdem spielten sich um und auf der Bühne wieder die tollsten Sachen ab: Leute, die versuchten, über einen Baum das Podium zu erreichen, Polizisten, die von wütenden Fans zurückgedrängt wurden usw. Ich hätte nie gedacht, so etwas in unserer heutigen Zeit noch einmal mitzumachen. Hinterher erzählte mir Mariska, dass selbst sie so etwas noch nicht erlebt hatte. Wir hatten uns gerade ein wenig erholt, als uns ein Krankenwagen schon wieder zur „Tel Aviv University“ brachte. Hinten auf der Stosstange standen Polizisten, die die begeisterte Menge mit Mühe und Not vom Wagen fernhielten. Ja, ja, man kann schon etwas erleben, wenn man mit Shocking Blue auf Reisen geht!

DIE POLIZEI MUSS EINGREIFEN

Um 12 Uhr nachts rollte zum dritten Mal das Programm ab, diesmal vor einem Publikum von über 15.000 Studenten und um 12.45 befanden wir uns schon wieder auf dem Rückweg zum National Park, wo jetzt wieder 5.000 Leute auf den letzten Auftritt warteten. Ein Riesenerfolg schloss das Programm vom Mittwoch ab. Zweimal musste dieses Konzert unterbrochen werden, weil die Polizei gegen allzu aufdringliche Fans eingreifen musste. Um halb Drei nachts kehrten wir totmüde aber restlos zufrieden in unser Hotel zurück. Donnerstag und Freitag fanden Konzerte in Jerusalem, Ramien und Beer-Sheba statt, die alle ungefähr ähnlich wie in Tel Aviv verliefen. Zum Glück hatten wir am Sonnabend noch genügend Zeit, Jerusalem zu besichtigen, sodass die aufregende Tournee, einen wohlverdienten, ruhigen Abschluss bekam. Alles zusammen war für Shocking Blue ein Erlebnis, das sie sich nie hätten träumen lassen.