ME-Helden

Simple Minds: Der Goldstandard der 80er

Simple Minds prägten die 80er wie kaum eine andere Band . Hier ist unsere ME-Heldenstory.

Ein paar Jahre lang wirkt es, als würde alles, was die Simple Minds anfassen, zu Gold. Die Alchemisten des Pop beginnen mit Postpunk und New Wave, nehmen mit NEW GOLD DREAM (81-82-83-84) eines der besten Alben der Dekade auf, schaffen den Durchbruch in den USA und dominieren den Arena-Sound.

Dann kommen die 90er – und der Lauf ist vorbei. Der Freundschaft zwischen Jim Kerr und Charlie Burchill hat es nicht geschadet. Und gute Musik spielt die Band nun auch wieder. Unsere ME-Heldenstory.

Erst einmal „Kant Kino“

Wenn es eines Beweises dafür bedurft hätte, wie weit die Simple Minds in einem Jahrzehnt gekommen sind, genügt ein Blick auf die Setlists. Zu Beginn der Dekade, im September 1980, veröffentlicht die Band ihr drittes Album EMPIRES AND DANCE; darauf zu finden ist das Instrumental „Kant Kino“, benannt nach dem legendären Berliner Lichtspielhaus in der Kantstraße, das einige Jahre lang auf Initiative des Impresarios Conny Konzack auch als Konzertsaal für die Punk- und New-Wave-Bewegung fungiert. The Police und Blondie spielen dort, Joy Division ebenfalls – ihr Song „Komakino“ gilt als Tribut an diesen Ort. Die Simple Minds sind im März 1980 zu Gast, auch sie sind so beeindruckt, dass sie dem Haus einen Track widmen. Dabei klingt „Kant Kino“ passenderweise, als sei das Stück aus dem Archiv gehüpft, in dem Bowies Berliner Aufnahmen lagern: kalt, urban, arty.

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Neun Jahre später, es sind noch immer die 80er, erscheint STREET FIGHTING YEARS, das neunte Album der Simple Minds. Die Band spielt mittlerweile nicht mehr in Kinos, sondern in Stadien – auch in den USA, einem Markt, der für viele europäische Acts schwer bis gar nicht zu knacken ist. Robbie Williams hat das regelrecht traumatisiert. Auf der B-Seite des als Megabestseller angelegten Albums befinden sich drei Songs in Reihe, die dokumentieren, in welchen Sphären die Schotten im Jahr 1989 unterwegs sind: „Mandela Day“, „Belfast Child“, „Biko“. Die Band widmet ihre Songs also nicht mehr Kinosälen in Berlin, sondern überlebensgroßen Personen der Anti-Apartheidspolitik sowie den Opfern des Nordirlandkonflikts. Die Musik dazu klingt, als sei sie in einem Labor für Massenware entstanden: kitschig, hymnisch, populär.

Eine Band, neun Jahre, zwei musikalische Identitäten – und die Simple Minds sind daran nicht zerbrochen. Nicht untypisch, wenn zwei Freunde aus Glasgow eine Band gründen.

Punk als Ausweg

Sänger Jim Kerr und Gitarrist Charlie Burchill, beide Jahrgang 1959, kennen sich seit der Grundschule und sind beinahe Nachbarn. Sie wachsen in Glasgow in den „Gorbals“ auf, einer nach dem Zweiten Weltkrieg schnell errichteten Trabantenstadtlandschaft, die sich in den 60er-Jahren zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt: Die Stadt erlebt eine Wirtschaftskrise, die Männer verlieren ihre Jobs in den Docks und den Fabriken, es wird gesoffen, geschlagen und gelitten. Die Frauen versuchen, die Familien zusammenzuhalten. In dieser Situation ist die Flucht in die Popmusik ein Ausweg aus dem Elend des Alltags.

Dann öffnet sich eine neue Tür. Kerr und Burchill sind 17 Jahre alt, als im Jahr 1976, vor 50 Jahren, auch in Glasgow die Punk-Revolution beginnt. Die beiden nutzen die Gnade der Geburt zum perfekten Zeitpunkt und treten 1977 der Punkband Johnny & The Self Abusers bei. Auf der ersten und einzigen Single ist die A-Seite „Saints And Sinners“ ein normaler Punkrocksong der ersten Jahre; der heimliche Hit befindet sich auf der B-Seite: „Dead Vandals“ lässt als melodiöser Pub- und Punk-Hybrid bereits erahnen, dass es diese jungen Leute nicht lange bei drei Akkorden belassen werden.

Als waschechte Punks lösen sich Johnny & The Self Abusers unmittelbar am Tag der Single-Veröffentlichung auf. Die eine Hälfte gründet die Gruppe Cuban Heels, die es im Laufe der Karriere auf ein Album bringt: die solide New-Wave-Platte WORK OUR WAY TO HEAVEN aus dem Jahr 1981. Die andere Hälfte besteht aus Kerr und Burchill, die neue Musiker um sich versammeln und bei der Suche nach einem Bandnamen bei David Bowie fündig werden. Der nennt in seinem Song „The Jean Genie“, dem Porträt eines coolen, wenn auch nicht besonders gebildeten Amerikaners, den Protagonisten „simple minded“. Bowie hat hier wohl Iggy Pop im Sinn, aber auch die beiden jungen Männer aus der Glasgower Arbeiterklasse fühlen sich angesprochen und nennen ihre neue Band Simple Minds. Ein echter Punk-Bandname – der 1986 in Bremen ein paar Karlsquell-Punker dazu bringt, die Dimple Minds zu gründen, Prototyp aller Saufpunkkapellen, deren Hits wie „Blau auf’m Bau“, „Trinker an die Macht“ oder „Durstige Männer“ eine Zeitlang zuverlässig die Dosenbiergelage in der Provinz beschallen.

Die Suche nach dem eigenen Sound

Ende der 70er-Jahre ist die Band noch fest in der Indie-Szene verwurzelt. Das erste Album LIFE IN A DAY erscheint bei Zoom, gegründet vom schottischen Plattenladenbesitzer Bruce Findlay, der mit seinem Label einen ähnlichen Weg beschreitet wie in London Geoff Travis mit Rough Trade. Bei den frühen Shows der Simple Minds steht das Who-is-Who der schottischen Szene. Viele Bands gründen sich nach einem dieser Gigs – ein Beispiel ist eine Gothic- und Dream-Pop-Band aus Grangemouth, die sich sogar nach einem der Songs auf der Setlist der Simple Minds benennt: „Cocteau Twins“.

Produzent des ersten Albums LIFE IN A DAY ist John Leckie. Die Band hatte sich John Cale gewünscht, doch das Label holt lieber Leckie an Bord, der 1978 mit seiner Arbeit für Magazine oder XTC den frühen britischen New-Wave-Sound mitprägt.

Die Band und ihr Produzent sind zunächst zufrieden mit den Aufnahmen. Dann aber hört Kerr, was in Manchester Joy Division mit UNKNOWN PLEASURES auf die Beine gestellt haben. „Ab diesem Moment dachte ich, wir hätten es komplett vermasselt“, sagt Kerr später in einem Interview. Die Band habe sich für ein New-Wave-Update von The Velvet Underground gehalten – im Vergleich zu Joy Division habe das Album aber eher wie die Boomtown Rats geklungen. Was 1979 nicht als Kompliment gemeint ist. Also: schnell weitermachen.

Noch im selben Jahr erscheint das zweite Album REAL TO REAL CACOPHONY, erneut produziert von John Leckie, dieses Mal jedoch nicht defensiv, sondern offensiv. Viele Tracks entstehen erst im Studio; deutsche Krautrockbands wie Kraftwerk und Neu! sind Einflüsse, der motorische Beat prägt die Platte. Die Band ist zufrieden, die Plattenfirma Zoom weniger: Zwar finden die Simple Minds mit krautigem Wave einen eigenen Sound, doch es fehlen die Hits. Selbst das Debüt hatte sich besser verkauft. Erstmals befinden sich die Simple Minds in einer Grauzone zwischen Ambition und Kommerz.

NEW GOLD DREAM: Die goldene Formel

Nach drei Jahren mit drei sehr guten Alben – EMPIRES AND DANCE (1980) sowie den Zwillingsplatten SONS AND FASCINATION und SISTER FEELINGS CALL (1981) – finden die Simple Minds 1982 die goldene Formel. Ihr sechstes Album NEW GOLD DREAM (81-82-83-84) steht wie kaum eine andere Platte dieser Zeit für das große Versprechen des New Pop als einer großen, romantischen, eleganten Musik, die sich sehr ernst nimmt – und im besten Fall Millionen erreicht. Man darf sich die Simple Minds zu dieser Zeit als eine außerordentlich selbstbewusste Band vorstellen. Eine Tour durch Australien zusammen mit den New-Pop-Kollegen Icehouse verläuft sehr gut; Kerr, Burchill und Bassist Derek Forbes erkennen das Momentum: Alles, was sie anfassen, wird zu Gold. Die Band besitzt den Midas-Touch.

Sind die Themen der Alben davor eher gegenwärtig und urban, wenden sich die Simple Minds nun einer alchemistischen Mystik zu – mit Bezügen zu mittelalterlichen Folterinstrumenten mit klingenden Namen wie dem „Catherine Wheel“, der Bezeichnung des Todes als „Big Sleep“ oder Songtiteln wie „King Is White And In The Crowd“, die man eher einer Neo-Prog-Band zutrauen würde. Und wie elegant diese Musik klingt: ein Sound ohne Ecken und Kanten, der dennoch nicht abrundet, sondern in die Tiefe geht. Nicht heavy, nicht soft, sondern big. Big Music. Auch die Kollegen sind begeistert: Herbie Hancock, der seinerzeit sehr an 80s-Pop-Ästhetik interessierte Jazz-Großmeister, spielt beim Song „Hunter And The Hunted“ Synthesizer und taucht voll in diese Musik ein. Dank der erfolgreichen Singles „Promised You A Miracle“, „Glittering Prize“ und „Someone Somewhere (In Summertime)“ wird das Album in Großbritannien und vielen Ländern Europas ein Bestseller.

Die Wirkung der Platte geht über die Hitparadenplatzierung hinaus. U2 arbeiten gerade an ihrem dritten Album WAR und sind, als sie NEW GOLD DREAM (81-82-83-84) hören, motiviert, mit Songs wie „Sunday Bloody Sunday“ oder „New Year’s Day“ größer als bisher zu denken. In London gründet Mike Scott die Waterboys, die diese Big Music der Simple Minds mit folkiger Emphase aufladen. Die Australier INXS fühlen sich ermutigt, ihren funkig-souligen Wave-Rock größer zu spielen, was ihnen mit den Alben THE SWING (1984) und LISTEN LIKE THIEVES (1985) auch gelingt.

Auch die Art und Weise, wie die Simple Minds ihren Pop-Entwurf auf die Bühne bringen – mit einer Mischung aus Pathos und spielerischer Leichtigkeit –, beeinflusst viele Acts dieser Zeit. Beim „Live Aid“-Festival im Jahr 1985 wirken Acts wie Spandau Ballet oder Nik Kershaw, als würden sie die Simple Minds imitieren. Die Schotten sind bei Bob Geldofs Benefiz-Spektakel natürlich auch dabei, spielen jedoch nicht in London, sondern beim amerikanischen Festival-Arm in Philadelphia – nach Judas Priest und den Beach Boys, vor Santana und Madonna.

„Don’t You (Forget About Me)“: Der unwahrscheinlichste Hit der Pop-Geschichte

Wie es dazu kommt, dass die Simple Minds in den USA Stars sind, liegt an einem der unwahrscheinlichsten Hits der Pop-Geschichte. NEW GOLD DREAM (81-82-83-84) bleibt bis Anfang 1984 im Rennen, dann erscheint mit SPARKLE IN THE RAIN ein neues Album, erneut groß produziert, mit der wuchtigen Single „Waterfront“ als Hit. Die Band geht von der Welteroberung aus, doch der Erfolg der Platte stagniert auf hohem Niveau. Vor allem in den USA geht weiterhin wenig. U2 haben da mehr Glück – sie verpassen mit den Alben WAR (1983) und THE UNFORGETTABLE FIRE (1984) nur knapp die Top Ten und haben mit Daniel Lanois einen Co-Produzenten an Bord, der den nordamerikanischen Markt versteht. Die Simple Minds fremdeln mit diesem Markt und werden nun auf eine große Probe gestellt.

Es gibt da diesen Song „Don’t You (Forget About Me)“, geschrieben vom Produzenten Keith Forsey und vom Gitarristen Steve Schiff. Zum Einsatz kommen soll er 1985 im Film „The Breakfast Club“ von John Hughes, dem angehenden Meister des Highschool-Films, der dieses 80er-Kino-Genre 1986 mit den Filmen „Pretty In Pink“ und „Ferris macht Blau“ perfektionieren wird. Der Song ist offensichtlich erfolgversprechend, doch findet sich zunächst niemand, der ihn aufnehmen will – was wohl vor allem daran liegt, dass das Umfeld eines Teenie-Films nicht sonderlich attraktiv ist. Bryan Ferry sagt ab und schiebt Termingründe vor. Auch Billy Idol, ein guter Freund von Co-Songwriter Forsey, winkt ab. Schließlich wird das Stück an die Simple Minds herangetragen. Die Idee: „The Breakfast Club“ dürfte in den USA ein Kinohit werden, der Song wäre für die Band also die beste Rampe für die langersehnte Karriere in Amerika.

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Einen Song covern, den man sich nicht selbst ausgesucht hat? Noch dazu einen aus einem Highschool-Film namens „The Breakfast Club“? Jim Kerr und Charlie Burchill sagen sofort nein. Rückblickend gesteht Burchill, er habe sich damals als zu cool empfunden, um darauf einzugehen. Kerr sagt, nichts sei den Simple Minds damals mehr Schnuppe gewesen als amerikanische Schulkids. Dann kommt eine Figur ins Spiel, die diese Dogmen vom Tisch fegt. Auftritt: Chrissie Hynde.

Kerr ist zu dieser Zeit mit der Chefin der Pretenders verheiratet. Sie mag den Song, schätzt Forsey und weiß, wie sehr sich ihr Mann einen Hit in den USA wünscht. Warum also nicht den Deal eingehen? Ihr Trick: Sie macht Kerr ganz unverbindlich mit Forsey bekannt, denn sie weiß, dass der Brite eine Vita zu bieten hat, die Kerr neugierig machen wird. Große Teile davon spielen in Deutschland. Forsey geht Ende der 60er nach München, nimmt dort 1970 als Schlagzeuger eine LP mit Klaus Doldinger auf, arbeitet in München mit den Krautrockern Amon Düül II zusammen – er ist zum Beispiel auf der Proto-Punk-Single „Archangels Thunderbird“ aus dem Jahr 1970 zu hören –, steigt als Drummer in Udo Lindenbergs Panik-Orchester ein, wird Haus-Schlagzeuger im Musicland-Studio, wo Betreiber und Disco-Pionier Giorgio Moroder ab Anfang der 70er-Jahre den „Munich Sound“ entwickelt. Forsey spielt bei Donna Summers Klassiker „I Feel Love“ die Kick-Drum ein, weil keine Maschine den Sound so gut hinbekommt. Bei der Komposition von „Hot Stuff“ ist Forsey als Co-Autor beteiligt. Er spielt die Drums auf dem Sparks-Disco-Album NO 1 IN HEAVEN, und weil auch Moroders Kollege Frank Farian einen guten Schlagzeuger braucht, ist Forsey 1978 an NIGHTFLIGHT TO VENUS beteiligt, dem mit Abstand besten Album von Boney M.

Als Kerr das alles hört, ist er baff und begeistert. Chrissie Hyndes Plan geht auf: Der Sänger wirbt in seiner Band dafür, über den Schatten der eigenen Coolness zu springen. Eine Hintertür lässt er offen: Man könnte den Song bei der Aufnahme noch verändern; da gäbe es zum Beispiel diesen einen Part am Ende ohne Text, für den er später etwas Kluges schreiben könnte. Bei einer Probeaufnahme belässt er es bei „La-la-la“s und eröffnet den Song mit vier „Hey!“s sowie „Oooh“- und „Woah“-Lautmalerei. Forsey wäre ein schlechter Produzent, hätte er nicht sofort erkannt, dass genau diese Platzhalter aus dem vielversprechenden Kandidaten „Don’t You (Forget About Me)“ einen selbstverständlichen Hit machen.

Wer damals „The Breakfast Club“ im Kino sieht, hört den Song zu Beginn und am Ende des Films. Viele dieser Menschen zieht es danach in die Plattenläden; der Song klettert in den US-Charts nach oben und erreicht im Mai 1985, drei Monate nach der Veröffentlichung, Platz eins. Die Simple Minds sind nun auch in Amerika Popstars. Der Midas-Touch ist noch intakt. Doch Kerr und Burchill ahnen wohl schon, dass sie sich als Pop-Alchemisten an dem vielen Gold bald die Finger verbrennen könnten.

ONCE UPON A TIME und der Beginn des Endes

Zunächst geht das Märchen weiter: ONCE UPON A TIME heißt das Album, das im Herbst 1985 auf den Welthit folgt. Dieser ist auf der Platte nicht vertreten – es siegt der Stolz, siegt die Ambition. Leisten kann sich die Band diese Unvernunft, weil sie den nächsten Hit schon in der Hinterhand hat: „Alive And Kicking“, vor allem eine Selbstbeschreibung. Jimmy Iovine ist der logische Produzent des Albums, ein Spezialist für größtmöglichen Sound. Sein Beitrag besteht darin, die Songs noch größer, höher, breiter zu machen. In einer Zeit, in der U2 mit Brian Eno etwas über die Kraft der Stille lernen, fahren die Simple Minds alles auf, was geht: acht Stücke, 40 Minuten Musik, darunter Songs, die klingen, als bestünden sie nur noch aus Produktion, kaum noch aus Komposition. Die Band ist so selbstbewusst, dass sie ihr 15-minütiges Set beim „Live Aid“-Auftritt nicht mit einem Hit eröffnet, sondern mit einem neuen Albumtrack von ONCE UPON A TIME: „Ghost Dancing“. Es ist ein Song, mit dem die Band thematisches Neuland betritt – der Text handelt von einer schlechten Welt, die sich wandeln muss. Noch bleibt die Band politisch unkonkret. Noch tanzen nur die Geister.

Vier Jahre später, 1989, landet die Band mit STREET FIGHTING YEARS bei Liedern über Nelson Mandela und Steven Biko, den Nordirlandkonflikt und Thatchers Steuersystem. Noch sind die Simple Minds sichere Kandidaten für Nummer-eins-Spots, aber Kerr sagt rückblickend, man habe damals bereits gespürt, dass mit Beginn der 90er-Jahre etwas zu Ende geht. U2 haben zu dieser Zeit ein ähnliches Gefühl – sie wehren sich jedoch dagegen und erfinden sich mit den Alben ACHTUNG BABY, ZOOROPA und POP immer wieder neu, bis zur Unkenntlichkeit; einige sagen: bis zur Lächerlichkeit. Für die Simple Minds wäre das kein Weg gewesen. Kerr als Fliege und mit seltsamer Sonnenbrille wie Bono? Burchill als Video-Protagonist, dem das Gesicht zugeschnürt wird wie The Edge bei „Numb“? Unvorstellbar. Die Simple Minds schlagen eine andere Richtung ein – was für Deutschland bedeutet: zu Gast bei „Wetten, dass…?“ zu sein, um dort vor Windmaschinen und zum Vollplayback die jeweils neue Single zu spielen. In der Sendung davor ist Joe Cocker, in der danach Chris de Burgh.

Alles gut: Eine Band findet sich neu

So ambitioniert die Simple Minds in ihren frühen Jahren waren, so unspektakulär scheint die Karriere auszulaufen. Doch machen Kerr und Burchill nicht den Eindruck, als litten sie darunter. Viele Jahre lang befand sich die Band in diesem Spannungsfeld zwischen Ambition und Kommerz. Spätestens ab Mitte der 90er-Jahre hat sich dieser Druck gelöst; seit Mitte der Nullerjahre werden die Platten auch wieder besser. Alle paar Jahre ein neues Album, dazu eine eineinhalbstündige Band-Dokumentation, ein Buch mit gemeinsamen Erinnerungen, Live-Alben, aufgenommen in Las Vegas oder in einem uralten schottischen Kloster. Alles gut.

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